Süddeutsche Zeitung

Landwirtschaft:Gefährliche Kindheit am Bauernhof

Immer wieder passieren tödliche Unfälle mit Traktoren, gerade überfuhr ein 13-Jähriger in Balderschwang zwei andere Kinder. Braucht es strengere Regeln?

"Er war mein Lieblingsenkel", sagte der Opa zur Richterin. Im Juni 2017 war das, im Saal des Amberger Amtsgerichts. Der Opa saß dort, auf der Anklagebank, weil er seinen Lieblingsenkel überfahren hatte. "Durch zwei Sekunden Unachtsamkeit", sagte der Opa. Er hatte den Zweijährigen auf der Schaufel seines Traktors mitfahren lassen. Der Bub fiel runter und starb. Unachtsamkeit? "Grob fahrlässig", entschied die Richterin. Sie verwarnte den 63-jährigen Mann und sprach eine Geldstrafe auf Bewährung aus.

Man liest immer wieder von solchen Traktorunfällen, meist in den Randspalten der Zeitungen. Am vergangenen Wochenende hat es ein Unfall auf die Titelseiten geschafft. Weil der Fahrer des Traktors selbst noch ein Kind war. In Balderschwang im Oberallgäu überfuhr ein 13-Jähriger ein ebenfalls 13-jähriges Mädchen und einen Bub, zehn Jahre jung. Sie waren auf dem Ladekorb des Traktors mitgefahren. Und aus dem Korb gefallen.

Der Unfall ragt heraus - und reiht sich trotzdem ein in die Unfälle mit Kindern, die immer wieder auf Bauernhöfen passieren. Der Fall Balderschwang wirft Fragen auf. Wie gefährlich ist eine Kindheit auf dem Bauernhof? Sind Landwirte besonders leichtsinnige Menschen? Und braucht es strengere Regeln, gerade was den Umgang mit Traktoren und Landmaschinen betrifft?

Friedrich Allinger kennt alle Todesfälle, bei denen Kinder in Bayern vom Traktor überrollt wurden. "In guten Jahren sind es null Fälle, in ganz schlechten Jahren sind es fünf", sagt der Leiter der Abteilung Sicherheit bei der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Fakt ist also: Solche Unfälle passieren seltener als man meinen könnte. Vielleicht ist das auch die Erklärung für manchen Leichtsinn: dass fast immer alles gut geht. Wenn aber doch etwas passiert, sind die Folgen bei Traktorunfällen deutlich dramatischer als etwa bei Autounfällen. Es gibt keine aktuellen Zahlen, aber im Jahr 2008 endete fast jeder dritte Traktorunfall mit Personenschaden im Straßenverkehr tödlich oder mit Schwerverletzten. Entsprechende Unfälle auf privaten landwirtschaftlichen Flächen sind da gar nicht miteinberechnet.

Ein Bauernhof sei "Lebenswelt, Abenteuerspielplatz und Arbeitswelt in einem", sagt Allinger. "Darin liegt auch der Konflikt: Dass alles auf einem Platz ist, da geht es durcheinander." Ist eine Kindheit auf dem Bauernhof also tatsächlich gefährlicher als eine Kindheit in der Stadt? "Ja, das ist tatsächlich so", sagt Allinger, das zeige die Statistik. Demnach ist das Ertrinken die häufigste Todesursache bei Kindern. Auf Bauernhöfen dagegen sei "noch häufiger das Überfahrenwerden durch Fahrzeuge", sagt Allinger.

Die Staatsanwaltschaft prüft, ob überhaupt jemandem ein Vorwurf gemacht werden kann

Wenn es so gefährlich ist, warum lassen Landwirte ihre Kinder und Enkel dann so oft auf dem Traktor mitfahren oder sogar selbst fahren, wie möglicherweise im Fall Balderschwang? "Als Landwirt möchtest du deine Kinder möglichst früh an das Führen der Fahrzeuge heranführen", sagt Allinger. Dazu komme, dass auch die Kinder oft mitarbeiten wollten, "gerade Buben lieben Maschinen". Das Problem sei aber, dass Kindern oft noch das Gefahrenbewusstsein fehle, wenn sie tonnenschwere Maschinen steuern, sagt Allinger.

Im Fall Balderschwang hat die Staatsanwaltschaft nun Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen - aber weder gegen den strafunmündigen, weil erst 13-jährigen Fahrer noch gegen dessen Eltern. "Ziel unserer Ermittlungen ist, ob überhaupt jemandem der Vorwurf der fahrlässigen Tötung gemacht werden kann", sagte am Montag ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kempten. Er sagte auch, dass die beiden Überlebenden des Unfalls schwer traumatisiert seien und derzeit nicht absehbar sei, wann sie befragt werden können.

Fest steht, dass der Fahrer keinen Traktorführerschein hatte. Den gibt es erst ab 16 Jahren. Weil der Bub auf einem Privatweg fuhr, sei das aber "keinesfalls illegal gewesen", hatte der Balderschwanger Bürgermeister Konrad Kienle zunächst gesagt. "Das müssen die Ermittlungen zeigen", sagte dagegen am Montag ein Polizeisprecher. Braucht es also strengere, eindeutigere Regeln, um solche Unfälle künftig zu vermeiden?

Eigentlich reiche da ein Blick in die Betriebsanleitung des Traktors, sagt Friedrich Allinger. Darin stehe fast immer, dass Kinder das Fahrzeug weder führen noch mitfahren dürfen - jedenfalls nicht in offenen Traktoren und nicht ohne Kindersitz und Gurt. Außerdem sei Kinderarbeit auch auf Bauernhöfen verboten. Unkraut zupfen, kehren, Brotzeitholen, das sei natürlich erlaubt. "Aber niemals Maschinen führen", sagt Allinger.

Derweil steht Balderschwang immer noch unter Schock. "Wir sind gelähmt und zutiefst betroffen", sagt Bürgermeister Kienle am Montag am Telefon. Man hört, wie er um Worte ringt. Für die kommenden Tage hat er alle seine Termine abgesagt, um für die Angehörigen ansprechbar zu sein. "Ich hab ja erst gedacht, die Arbeit hilft mir weiter, um die Tragödie zu verarbeiten", sagt er. "Aber als ich am Montagfrüh ins Büro bin, hab ich gemerkt, das geht nicht, das ist zu viel."

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SZ vom 16.07.2019/lfr
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