Corona-Krise:Der Tourismus und die Angst vorm nächsten Lockdown

Hitze in Bayern

Sommerleben am Waginger See. Die Touristen kommen langsam wieder zurück in die Feriengebiete. Doch so voll wie im vergangenen Sommer ist es nirgends - die Fernreisen machen dem Heimaturlaub Konkurrenz.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Das bayerische Hotel- und Gastgewerbe erholt sich nur langsam von den Folgen der Pandemie. Eine neuerliche Corona-Welle im Herbst wäre "katastrophal".

Von Gregor Grosse und Sarah Höger

Der Juni war der erste komplette Monat in diesem Jahr, in dem die Hotels und Gaststätten in Bayern wieder aufsperren durften. Der Start wurde in der Branche sehnlich erwartet. Trotzdem: Von Zahlen wie vor der Pandemie kann die Tourismusindustrie derzeit nur träumen. "Die Buchungen sind okay, aber Stornierungen und Unsicherheiten sind weiter ein großes Thema", sagt Magnus Wanner, Geschäftsführer des Allgäuer Landhotels Panorama. Wanners Hotel ist einer von über 44 000 Betrieben des Gastgewerbes in Bayern.

Für die Sommerferien erwartet Wanner eine gute Auslastung. Auf die Zeit nach dem Sommer schaut er aber mit Skepsis. "Wir blicken mit großer Sorge auf den Herbst", sagt der 30-Jährige. Er glaube nicht mehr daran, dass er sein Hotel im Herbst weiter auflassen darf. Dass in manchen Regionen Europas die Infektionszahlen wieder steigen, gebe ihm einen Vorgeschmack auf das, was auch Bayern drohen könnte. "Das wird das gleiche Spiel wie letztes Jahr", fürchtet er mit Blick auf mögliche Schließungen.

Ähnlich ergeht es der Tourismusbranche in Bodenmais. So lassen zwar die Buchungen für Hotels, Pensionen sowie Bade- und Saunaparks auf ein gutes Sommergeschäft hoffen, aber es sei wichtig, dass "kein weiterer Lockdown mehr dazu kommt", sagt Tobias Wolf, der sich in Bodenmais um das Tourismus-Marketing kümmert. Auch für das Hotel Weißes Lamm im Nürnberger Land wäre ein Lockdown im Herbst "katastrophal", sagt Andrea Wagner. Zumal der Betrieb "ein wenig zögerlicher" anläuft als letztes Jahr um diese Zeit. Wagner erklärt sich das mit Fernreisen, die wieder möglich sind.

In Oberbayern mussten insbesondere München und andere Städte heftige Umsatzeinbußen durch die Pandemie hinnehmen. Allein München hat mit einem Rückgang von 60 Prozent bei Übernachtungen zu kämpfen. Im vergangenen Sommer lag die Auslastung lediglich bei 40 Prozent - in den Jahren zuvor lag die Quote bei 70 Prozent.

Laut dem Tourismusverband Oberbayern ist das vor allem auf die fehlenden internationalen Gäste und Geschäftsreisen zurückzuführen, die vor der Pandemie einen hohen Anteil der Übernachtungen ausgemacht haben: "Da der Überseemarkt eingebrochen ist und länger braucht, um sich zu erholen, wird sich auch München erst einmal nicht so schnell von der Krise auskurieren", heißt es vom Tourismusverband Oberbayern. Dennoch zeige die Entwicklung eine positive Tendenz: "Die Nachfrage ist da." Speziell in ländlichen Regionen sei ein steigender Zulauf bemerkbar.

Auch beim Städtetourismus zeigt sich die Branche zuversichtlich. Clemens Baumgärtner, Referent für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München, geht davon aus, dass die Lust an Städtereisen nicht nachlassen werde: "Menschen wollen mit Menschen zusammen sein und in kurzer Zeit ein sehr dichtes Programm an einem fremden Ort erleben" - und "das bieten nur die Städte".

Der Branchenverband blickt eher verhalten auf den Juni zurück. Der erste Monat nach dem Lockdown sei für die Gastgeberbranche aus finanzieller Sicht eher mau ausgefallen, sagt Thomas Geppert, Geschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). "Der Umsatz des Monats Juni ist dieses Jahr im Vergleich zu 2019 um 32 Prozent eingebrochen." Im Jahr 2020 gingen die Übernachtungen in Bayern bereits von rund 101 Millionen auf nur etwa 60 Millionen zurück. Dieses Jahr leidet die Branche vor allem unter den fehlenden Gästen in der Tagungshotellerie. Zu den Geldsorgen der Hoteliers in Bayern käme der Personalmangel, im Lockdown sind vor allem Aushilfen und Minijobber in andere Branchen abgewandert, sagt Geppert.

"Gerade jetzt, wo die Hotels und Gaststätten durch die Hygieneauflagen noch mehr Arbeit haben, fehlen Mitarbeiter." Falls die Fallzahlen im Herbst wieder steigen, dürften die Hotels und Gaststätten "auf keinen Fall wieder geschlossen werden". Die Dehoga hat einen Maßnahmenkatalog formuliert, der Verband fordert einen langfristigen Öffnungsplan der Staatsregierung. Man wolle ein "klares Bekenntnis, dass einseitige gastgewerbliche Schließungen auch im Herbst ausgeschlossen werden".

Das hoffen auch die Betreiber der Bayerische Zugspitzbahn in Garmisch-Partenkirchen. "Die Fenster der Kabinen sind bei allen Fahrten geöffnet, die Lüftung funktioniert also einwandfrei", sagt Sprecherin Verena Altenhofen. Der Andrang bei der Zugspitzbahn ist überschaubar. Man spüre, dass viele Deutsche ihren Urlaub dieses Jahr anders als 2020 wieder im Ausland verbringen. "Es gab in den letzten Jahren Tage, da mussten wir den Ticketverkauf zeitweise einstellen. Davon sind wir momentan weit entfernt."

Die Bayerische Seenschifffahrt läuft nur zögerlich wieder an. Mit mehr als 30 Schiffen zählt sie zu den größten Binnenschifffahrten in Deutschland. Die Gäste seien zwar da, aber die "gehen lieber Fahrrad fahren oder wandern", sagt Marcus Weisbecker von der Bayerischen Seenschifffahrt. Diese Entwicklung sei bei allen großen oberbayerischen Seen zu beobachten. Für Weisbecker stellt 2021 daher ein "Übergangsjahr" dar.

Er schaut mit hoffnungsvollem Blick auf 2022. Aber auch er weiß, dass die Seenschifffahrt als Freizeitdienstleistung von der künftigen Pandemieentwicklung abhängig ist. Andere Freizeitbetriebe kehren dagegen langsam wieder zu früheren Besucherzahlen zurück. So seien die Sommerrodel- und Sesselbahnen am Blomberg bei Bad Tölz derzeit gut besucht, erzählt Geschäftsführer Hans Zintel. Vor allem Familien nehmen das Angebot wahr. "Die Leute sind dankbar und glücklich, dass wir wieder geöffnet haben", sagt Zintel.

Auch die bayerischen Schlösser dürfen endlich wieder aufsperren. Der Andrang sei laut Sprecherin Ines Holzmüller hoch, "für Juli sind alle Führungen ausgebucht". Zu alten Besucherzahlen wird das berühmteste Schloss Bayerns dieses Jahr aber nicht mehr zurückkehren. Normalerweise besuchen jährlich bis zu eineinhalb Millionen Menschen das Schloss Neuschwanstein - vergangenes Jahr waren es gerade einmal 290 240.

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