Serie: "Zukunft Bauen":Nachhaltiger Urlaub ohne Fernseher und Minibar

Lesezeit: 4 min

Serie: "Zukunft Bauen": Urlaub mit Watzmann: der Kulturhof Stanggass in Bischofswiesen

Urlaub mit Watzmann: der Kulturhof Stanggass in Bischofswiesen

(Foto: Kulturhof)

Auch in der Tourismusarchitektur setzen sich die Ideen des ökologischen Bauens immer stärker durch. Dafür verzichten Hoteliers sogar auf die begehrten Sterne. Eindrücke aus dem Alpenraum.

Von Maximilian Gerl, Bischofswiesen

Der Rundgang mit Melanie Schacker startet an der Rezeption. Nur wenige Schritte sind es von hier an jenen Ort, an dem die Welten am sichtbarsten aufeinandertreffen. Im Rücken von Schacker, der Kommunikationsbeauftragten am Kulturhof Stanggass, befindet sich dann die Bar. Links stehen Couchen unter Designerlampen, die wie kleine Sonnen von der Decke hängen, während sich hinter bodentiefen Scheiben der Biergarten auftut. Voraus liegen die Vitrinen mit den Fahnen der örtlichen Stammtischbruderschaft. Schacker bleibt stehen, und es würde jetzt sehr gut passen, wenn sie ihrer Begeisterung für all das mit einer ausholenden Armbewegung Ausdruck verleihen würde. So bleibt es bei einem Satz: Man habe einen "Ort der Begegnung" schaffen wollen für Einheimische, Urlauber, Künstler, Unternehmen - und kein "generisches Hotel, wie es Tausende auf der Welt gibt".

Mit "einfach was ausprobieren" wäre das Konzept des Kulturhofs im Berchtesgadener Land womöglich genauso treffend umschrieben. In die Zeit passt es allemal: Auch in Bayern versucht man inzwischen, Tourismus anders zu denken und anders zu bauen als früher - weg von der klassischen Bettenburg, hin zu mehr Nachhaltigkeit und am besten noch etwas fürs Auge.

Doch die Ergebnisse dieses neuen Bauens müssen und werden nicht allen gefallen. Auch im Bischofswiesener Gemeindeteil Stanggaß nicht, wo sich der 2021 eröffnete Kulturhof flach in den Hang drängt, den Watzmann immer im Blick. Wer die zur Bergkulisse passende Zirbenstube sucht oder einen Wellnesstempel, könnte vom minimalistisch anmutenden Ensemble enttäuscht sein: weder Alpenstil noch Geranienbalkon, dafür helle Holzfassaden, viel Glas, aufgeräumtes Design - und letztlich irgendwas zwischen Hotel und Eventlocation, Kartenrunde und Weinverkostung, Naturteich und Kunstbühne. Schacker nennt das "die Menschen zusammenbringen", "generationenübergreifend", "die Brücke schlagen" zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Serie: "Zukunft Bauen": Der Kulturhof Stanggass und seine 34 Zimmer drängen sich flach in den Hang.

Der Kulturhof Stanggass und seine 34 Zimmer drängen sich flach in den Hang.

(Foto: Kulturhof)
Serie: "Zukunft Bauen": Melanie Schacker in der Lounge des Kulturhofs

Melanie Schacker in der Lounge des Kulturhofs

(Foto: Maximilian Gerl)
Serie: "Zukunft Bauen": In den Zimmern findet sich viel Holz - aber kein Fernseher.

In den Zimmern findet sich viel Holz - aber kein Fernseher.

(Foto: Kulturhof)

Das klingt einerseits nach PR-Vokabeln, lässt sich andererseits rechtfertigen. Früher stand an derselben Stelle das Luxushotel Geiger, erst Anlaufpunkt der Prominenz, später leer und verfallen. Der örtliche Grünen-Politiker und Synlab-Gründer Bartl Wimmer kaufte das Areal und ließ es für 25 Millionen Euro umgestalten. Bäume habe man dazu umgepflanzt statt gefällt, erzählt Schacker, ein Biotop versetzt, die alten Geiger-Mauern zermahlen und der Geschichte wegen ins Fundament gegossen.

In dem Neubau und seinen 34 Zimmern gibt es nun keine Fernseher, in die man einsam glotzen könnte. Dafür finden im Festsaal Hochzeiten statt und Kulturveranstaltungen mit Jazzbands, Austro-Poppern oder Kabarettisten. Die Kurse im hauseigenen Yoga-Studio stehen Anwohnern und Auswärtigen offen. Im Atelier nebenan werden Blumen gebunden. Und in Restaurant und Biergarten dominieren lange Tafeln: beisammen sitzen statt alleine. Auch deshalb wurde der Kulturhof für den Architekturpreis Constructive Alps nominiert, der Denkanstöße geben will "für ein gutes Leben in den Alpen".

Hotelsiedlungen im Alpenraum gelten manchen als Raubbau an der Heimat

Dabei gibt es durchaus Streit darüber, was gut oder nachhaltig genau bedeutet. Gerade im Alpenraum haben sich manche Dörfer zu Hotelsiedlungen gewandelt und gelten den einen als Garant für Wohlstand, den anderen als Raubbau an der Heimat. Teils fragen sich die Einheimischen gar, wo sie bleiben sollen, wenn immer mehr Ausflügler das Tal fluten. Sicher dagegen ist, dass das Bauen im Tourismus vielfältiger geworden ist: um neue Zielgruppen anzusprechen, sich von der Konkurrenz abzuheben oder der Umwelt zuliebe. In Erlangen etwa ist mit dem Creativhotel Luise das nach eigenen Angaben erste klimapositive Hotel Deutschlands entstanden, mit Zimmern aus 100 Prozent biologisch abbaubaren und recycelbaren Wertstoffen.

Ein weiterer, neuer Bauversuch steht in Oberaudorf im Landkreis Rosenheim. Dort machte sich das Architektenduo Christine Arnhard und Markus Eck zu Vermietern eines Ferienhäuschens. Ihr Holzhaus am Auerbach fügt sich ins Gelände ein und sticht trotzdem hervor, unter anderem mit schwebender Terrasse. Die Garage fehlt scheinbar, dient aber als Teil des Erdgeschosses alternativ als Partyraum. Wie ineinander gestapelt wirken die Zimmer in einer Fernsehdokumentation und ein bisserl experimentell.

Serie: "Zukunft Bauen": Das Holzhaus am Auerbach fällt unter anderem mit schwebender Terrasse auf - und der scheinbar fehlenden Garage, die aber ins Erdgeschoss integriert wurde.

Das Holzhaus am Auerbach fällt unter anderem mit schwebender Terrasse auf - und der scheinbar fehlenden Garage, die aber ins Erdgeschoss integriert wurde.

(Foto: Florian Holzherr/Florian Holzherr)
Serie: "Zukunft Bauen": Kompakt: vom Schlafzimmer aus das Wohnzimmer im Blick

Kompakt: vom Schlafzimmer aus das Wohnzimmer im Blick

(Foto: Florian Holzherr/Florian Holzherr)
Serie: "Zukunft Bauen": Das Ferienhaus von Christine Arnhard und Markus Eck wurde 2016 für den Architekturpreis Artouro nominiert.

Das Ferienhaus von Christine Arnhard und Markus Eck wurde 2016 für den Architekturpreis Artouro nominiert.

(Foto: Florian Holzherr/Florian Holzherr)

Das Gewohnte aufzubrechen, erzählt Eck, "das ist immer schwierig". Ihr Ferienhaus ist dafür das beste Beispiel: Der erste Bauantrag wurde abgelehnt. Heute steht neben dem 2016 für den Tourismus-Architekturpreis Artouro nominierten Gebäude ein zweites, beide werden regelmäßig von Stammgästen gebucht. "Unser Konzept war, dass wir es so gemacht haben, wie wir es wollten", sagt Eck. "Das ist auch das, was die Leute gut finden", sagt Arnhard. Auf ihr Büro kämen immer wieder private Bauherren zu, die sich ebenfalls so ein Haus wünschten. Dieses ließe sich aber nicht eins zu eins nachbauen, auch weil jedes Gebäude zu Grundstück und Umgebung passen müsse. Was moderne Tourismusarchitektur ausmache? "Sie muss sich einfügen", findet Arnhard. "Sie darf nicht modisch sein", ergänzt Eck. Nachhaltigkeit müsse selbstverständlich sein - nicht nur in Sachen Energie. Arnhard sagt, nachhaltig sei für sie ein Gebäude auch, wenn es "viel leistet": wenn es zum Beispiel lange und für andere Zwecke als den ursprünglichen genutzt werden könne.

Die Theorie stößt aber in der Praxis häufig an Grenzen. Konzepte kollidieren dann mit Bauvorschriften, der Anspruch auf Nachhaltigkeit mit Ansprüchen des Service, der Budgetrahmen mit den ohnehin steigenden Baukosten. Und wer als Hotelier Sterne haben will, um sein Geschäft anzukurbeln, muss weitere Auflagen erfüllen: Für eine Vier-Sterne-Bewertung braucht es zum Beispiel die Minibar im Zimmer oder einen 24-Stunden-Roomservice.

Am Kulturhof Stanggass endet der Rundgang, wo er begonnen hat. Ein Schild mit Sternen findet sich an der Rezeption nicht. Man habe sich gegen die Zertifizierung entschieden, um mehr Freiheit für die eigenen Ideen zu haben, erzählt Schacker - und um Energie zu sparen. Minibars und Klimaanlagen fehlten deshalb in den Zimmern. "Das ist nicht mehr zeitgemäß." Gäste, denen das gefällt, muss sich das Hotel allerdings noch erarbeiten. Nach der Eröffnung im November schlug bayernweit Corona zu, so richtig läuft der Betrieb eigentlich erst seit ein paar Monaten. "Sicher wird noch mal hier und da feingetunt", sagt Schacker. Ansonsten setzen sie in Bischofswiesen auf ein Element, das sich im Gastgewerbe überall bewährt hat: auf die gute, alte Mundpropaganda.

Dies ist Teil 8 unserer SZ-Serie zum Nachhaltigen Bauen in Bayern. Diese und weitere Folgen finden Sie auf dieser Überblicksseite.

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