Bayern ist das Milchland Nummer eins unter den Bundesländern. Allem Strukturwandel zum Trotz leben und arbeiten im Freistaat gut 22 000 Milchbauern. Das ist fast die Hälfte der Milchbauern in Deutschland. Auch was die Zahl der Kühe anbelangt, ist Bayern Spitze. Die Milchbauern hier halten ungefähr eine Million Kühe. Damit liegt der Freistaat weit vorn im Länder-Ranking. Was das Wohlbefinden der Kühe in den Ställen anbelangt, läuft jetzt aber Niedersachsen Bayern den Rang ab.
Denn Niedersachsen beendet jetzt definitiv die Anbindehaltung von Rindern. Die dortige Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) hat vor einer Woche verkündet, dass sie sich mit dem niedersächsischen Bauernverband, der dort Landvolk heißt, den Tierärzten und den Tierschutzorganisationen auf ein endgültiges Verbot geeinigt hat. Demnächst soll ein entsprechender Erlass erscheinen. Allerspätestens in neun Jahren soll in Niedersachsen die Anbindehaltung endgültig Vergangenheit sein. Denn natürlich gibt es ein ausgeklügeltes System an Übergangsfristen.

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Staudtes Ankündigung wird von Experten und Tierschützern als Durchbruch gefeiert. Denn die Anbindehaltung, die immer noch legal ist, ist eine Qual für die Rinder, die darin leben müssen. Und zwar gleich, ob die Tiere nun das ganze Jahr, tagaus, tagein, mit einer Kette oder einem Riemen fixiert in ihren oft viel zu kleinen Boxen verbringen müssen, wo sie sich nicht einmal umdrehen und meist nur hinkauern und nicht wirklich ausstrecken können. Oder ob sie zeitweise in einen Auslauf vor dem Stall oder in der warmen Jahreszeit auf eine Weide dürfen.
Was das alles mit Bayern zu tun hat? Der Freistaat ist das Bundesland mit den meisten Rindern in Anbindehaltung. Nach einem aktuellen Report der Landesanstalt für Landwirtschaft hatten Ende 2024 gut 9000 der 22 500 bayerischen Milchbauern einen Anbindestall. Und jede fünfte bayerische Kuh stand in einem Anbindestall. Das sind 200 000 Tiere. Tierschützer prangern denn auch immer wieder an, dass Bayern bei der Anbindehaltung den Negativrekord innehat.

Landwirtschaft:Warum es für Bio-Bauern läuft – und für konventionelle nicht
Vor allem die Bio-Milchbauern profitieren von den Höchstpreisen, die ihnen die Molkereien bezahlen. Anders als der Markt für konventionelle Milch ist der Öko-Sektor seit Jahren robust. Und die Nachfrage steigt weiter.
Gleichwohl hält Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) nichts von der Initiative Niedersachsens. Ihr Sprecher spricht in dem Zusammenhang sogar von „Verbotskeule“. Dabei hat sich auch Kaniber vor fünf Jahren einmal per Regierungserklärung kritisch zur Anbindehaltung geäußert. Prompt begehrte der Bauernverband auf, weil er eine Gefahr für viele, vor allem kleinere bayerische Milchbauernhöfe sah. Er steht fest zur Anbindehaltung, insbesondere wenn die Rinder zeitweise in einen Auslauf oder auf die Weide dürfen.
Kaniber und ihre Ministerialen nennen die Anbindehaltung derweil ein „Auslaufmodell, das sich durch den Generationenwechsel auf den Bauernhöfen von selbst erledigen wird“. Statt auf ein „starres Stichtagsverbot“ setze man auf ein „praxisnahes Weiterentwickeln der Tierhaltung mit Beratung, Förderung und realistischen Übergängen“ – getreu dem bayerischen Grundsatz: „Freiwilligkeit vor Ordnungsrecht“.
Das Thünen-Institut des Bundes hat einmal modelliert, wie es ohne ein Verbot wie jetzt in Niedersachsen mit der Anbindehaltung weitergehen wird. Danach wird es 2032 deutschlandweit noch knapp 9400 Bauernhöfe damit geben. Rechnet man die Prognose weiter, werden die letzten erst um 2050 verschwunden sein. In bayerischen Tierschutzkreisen flüchtet man sich derweil in Zynismus. „Der Fortbestand der Anbindehaltung hat nur einen Vorteil: Es werden noch mehr Menschen Veganer“, lautet ein Spruch, der dort umgeht.

