Theater in der Corona-KriseWenn der Lappen unten bleibt

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In der vergangenen Woche fielen zwei Vorstellungen im Gärtnerplatztheater Omikron zum Opfer.
In der vergangenen Woche fielen zwei Vorstellungen im Gärtnerplatztheater Omikron zum Opfer. Matthias Balk/dpa

Umbesetzung, Verschiebung, Absage: Für Bayerns Intendanten wird jede Aufführung zur Herausforderung.

Von Michael Stallknecht, München/Regensburg

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Es hätte ein Höhepunkt der Musiktheatersaison in Bayern werden können: die Uraufführung der neuen Oper "Wir" von Anton Lubchenko am vergangenen Mittwoch in Regensburg. Schließlich hatte der russische Komponist dem dortigen Theater bereits 2015 mit seinem ebenso skandalumwitterten wie vom Publikum gefeierten "Doktor Schiwago" einen Erfolg beschert. Doch die Premiere musste zwei Tage vorher abgesagt werden - und das bereits zum zweiten Mal.

Vorstellungsänderungen, kurzfristige Umbesetzungen, möglicherweise der Totalausfall prägen seit Wochen überall die Spielpläne. Wie es einer Produktion im schlimmsten Fall ergehen kann, dafür ist Regensburg ein gutes Beispiel: Erst saß zu Probenbeginn das Regieteam in Quarantäne. Dann änderte der Unfallversicherer VBG die Abstandsregelungen für den Chor, woraufhin der Regisseur entnervt das Handtuch warf.

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Operndirektorin Christina Schmidt sprang ein, um das Stück mit geändertem Konzept zu retten. Doch nicht nur vor der eigentlich geplanten Premiere Ende Januar wurden mehrere Solisten positiv auf Corona getestet, das Spiel wiederholte sich auch vor dem Verschiebungstermin. Und bei einer Uraufführung auf Russisch kann - im Gegensatz zu Repertoireklassikern - kein Sänger kurzfristig einspringen.

Eine "wahnsinnige finanzielle Belastung" sind die regelmäßigen PCR-Tests

"Der Lappen muss hochgehen", die Vorstellung in jedem Fall stattfinden: Auch diesem alten Theaterprinzip hat Corona ein Ende bereitet. Wo früher schaudermachende Mythen kursierten über Tenöre, die notfalls noch vom Sterbebett der eigenen Mutter auf die Bühne eilten, entscheidet heute der Coronatest. Und der fällt in Zeiten von Omikron nicht selten positiv aus, mal mit, mal ohne Symptome. Häufig müssen dann auch noch andere Mitwirkende in Quarantäne, abhängig vom Impfstatus oder von der Nähe zum positiv Getesteten.

Die Hygienekonzepte der Institutionen sind unterschiedlich, aber üblich ist, dass alle direkt Beteiligten tagesaktuell getestet sind. Eine "wahnsinnige finanzielle Belastung" für die Häuser seien vor allem die regelmäßigen PCR-Tests, sagt die Regensburger Operndirektorin Schmidt. Und was sich im Schauspiel eventuell noch durch rasch angesetzte andere Stücke kompensieren lässt, ist bei Opernhäusern und Symphonieorchestern mit ihren vielen Mitwirkenden vor und hinter der Bühne manchmal nicht mehr zu retten.

Wie in der vergangenen Woche am Gärtnerplatztheater, wo gleich zwei Vorstellungen Omikron zum Opfer fielen: Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" am Dienstag und die Premiere des Liederabends "Tiefe Gefühle" am Freitag. Bei letzterem wurde das Chaos schon im Probenprozess zu groß. "Hoffmanns Erzählungen" dagegen konnten am Sonntag zuvor noch gerettet werden: Ein Einspringer sang aus der Proszeniumsloge. Doch am Dienstag kamen weitere positive Tests hinzu, auch bei Statisten, die in der Inszenierung technisch heikle Aufgaben erfüllen. "Das war irgendwann einfach nicht mehr einzufangen", sagt Roman Staudt, der Pressesprecher des Gärtnerplatztheaters.

Lieber Dauerimprovisation als Generalabsage

Die Institutionen könnten es sich leicht machen wie der Bayerische Rundfunk, der bis zum 16. Februar für drei Wochen die Auftritte aller seiner Ensembles abgesagt hat. Dass der BR bereits zuvor auf eine strikte 2-G-Regel setzte, also nur noch geimpfte Musiker auftreten ließ, hat anscheinend wenig gebracht. Auch wenn die Impfquoten in Theatern und Orchestern in der Regel deutlich über der der Gesamtbevölkerung liegen, stecken sich momentan Geimpfte ebenso an wie Ungeimpfte. Da niemand absehen kann, wann das endet, setzen die meisten Ensembles lieber auf Dauerimprovisation als auf Generalabsage. Und auf ihre Sicherheitskonzepte, die Kontakte auch außerhalb der Proben zu minimieren versuchen.

Die Musiker gingen zum Beispiel in Probenpausen nicht mehr gemeinsam essen, sagt Christian Beuke, Pressesprecher der Münchner Philharmoniker. Dennoch laute bei ihnen regelmäßig die bange Frage: "Ist das Orchester spielfähig?" Auch das Einlass- und Garderobenpersonal und das Kartenbüro "pfeifen inzwischen aus dem letzten Loch". Schließlich rotieren die Kartenbüros ohnehin schon durch die ständigen Änderungen bei der Zahl möglicher Zuhörer im Saal.

Dennoch haben die Philharmoniker bislang alle geplanten Konzerte durchführen können, wenn auch manchmal nur verdammt knapp. Wie bei der Uraufführung von Julian Andersons Zweiter Symphonie Mitte Januar, bei der - bislang negativer Höhepunkt - elf Orchestermitglieder positiv getestet waren. Durch Einspringer teilweise aus anderen Orchestern konnten zwar alle Stimmen besetzt werden. Doch bei einem der Einspringer kam das negative PCR-Ergebnis erst eine Viertelstunde nach Vorstellungsbeginn.

Also schickte man den Komponisten höchstpersönlich auf die Bühne, um so lange das Publikum mit einer unerwarteten Einführungsveranstaltung bei Laune zu halten. "Es geht darum, dass die Kultur nicht an Sichtbarkeit verlieren darf", sagt Christian Beuke, "daran halten wir uns." Das sieht man letztlich auch in Regensburg so. Die Uraufführung von Lubchenkos neuer Oper soll nun am 15. März stattfinden. "Toi Toi Toi!", wünscht die Pressestelle in ihrer Mail.

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