Zwei Dinge entscheiden gerade über die Zukunft von Karl Augensteins Tankstelle im niederbayerischen Egglfing: der Krieg in Iran – und die 1,5 Kilometer Straße, die genau vor seiner Tankstelle über die Grenze zu ersten Tankstelle in Österreich führen. Seit zwei Wochen nämlich fahren deutsche Autofahrer in der Gegend zum Tanken verstärkt rüber zu den Nachbarn. Der Grund dafür ist einfach: Der Sprit ist dort deutlich günstiger. 20 Cent waren es am Wochenende beim Superbenzin E10. Fährt man ein paar Kilometer weiter rein nach Österreich, ist der Unterschied oft noch größer. „Bei uns ist es sehr, sehr still geworden“, sagt Augenstein. „Der Betrieb ist massiv gefährdet.“
Seit 1984 gibt es die Tankstelle am Rande des kleinen Orts Egglfing. Bad Füssing mit seinen Hunderttausenden Kurgästen pro Jahr ist nur wenige Kilometer entfernt. Auch das weit über Niederbayern hinaus bekannte Discofox-Dorado Haslinger Hof befindet sich in der Nähe. Eigentlich ein guter Standort für eine Tankstelle. Nach dem Tod seines Vaters hat der 48-Jährige das Geschäft übernommen. Doch würden er und seine Mutter nicht regelmäßig darin arbeiten, und gehörten zur Tankstelle nicht auch noch eine Kfz-Werkstatt und ein Autohaus, dann würde sich der Betrieb nicht mehr lohnen.
Augenstein sagt: „Man verdient als Tankstelle in Deutschland nur noch wenig am verkauften Liter Benzin. Das heißt, wir sind auf die Impulskäufe der Laufkundschaft angewiesen. Und die bleiben natürlich aus, wenn niemand mehr tankt.“ Augensteins Betrieb hängt am Kraftstoff-Netz der Benzin-Kontor AG, einem mittelständischen Unternehmen aus Herrsching am Ammersee.
Für den Kraftstoff muss Augenstein nichts bezahlen, erhält aber Provision pro verkauftem Liter Diesel oder Benzin. Da aber nichts mehr verkauft wird, schlägt das nun ebenfalls eine weitere Kerbe in die Bilanz. Insgesamt mache seine Tankstelle nicht mal mehr 50 Prozent des Umsatzes, der vor dem Krieg im Nahen Osten üblich war. Die Situation sei so schlimm wie bei der Einführung der Ökosteuer 1999, als die Augensteins Personal entlassen mussten. „Der Tanktourismus hingegen hat massiv zugenommen“, so Augenstein.
Zwar waren auch in den vergangenen Jahren die Preise an österreichischen Tankstellen in der Regel günstiger als in Deutschland. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Österreicher weniger Steuern und Abgaben auf Kraftstoffe erheben. Doch wenn die Preisunterschiede nicht so gravierend sind wie in diesen Tagen, dann sparen sich viele deutsche Autofahrer den Umweg nach Österreich. Noch dazu, wenn man auf dem Rückweg auch noch Gefahr läuft, in einer Polizeikontrolle an der Grenze hängenzubleiben.
Nur ein richtiger Preisdeckel für Mineralölkonzerne oder ein Einstieg des Staates bei Erdölkonzernen würden helfen.Tankstellenbetreiber Karl Augenstein
Fährt man hinüber zur ersten Tankstelle im österreichischen Obernberg, ist der Ansturm am Sonntagmittag jedenfalls relativ überschaubar. Ein halbes Dutzend Autos tankt dort zu diesem Zeitpunkt, den Kennzeichen nach drei aus dem Landkreis Passau, dazu aus München, aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Das sind zwar weniger als zu anderen Tageszeiten, aber immerhin noch sechs Autos mehr als an Augensteins Tankstelle.
Die Bedienung an der Kasse erzählt, dass sie deutlich mehr Kunden haben seit dem Krieg in Iran. „Aber morgen um zwölfe wird’s wieder teurer“, sagt sie. Dreimal in der Woche dürfen die Tankstellen in Österreich die Preise erhöhen, immer um zwölf Uhr mittags. Auch das trägt dazu bei, dass der Sprit dort weniger kostet als in Deutschland. Eine Regel, die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) so ähnlich auch gerade einführen möchte. Tankstellen sollen nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen. Zusätzlich soll das Kartellrecht verschärft werden.
Tankstellenbetreiber Karl Augenstein glaubt nicht, dass das viel bringen wird. Den Autofahrern nicht – und Betreibern wie ihm schon gleich gar nicht. „Nur ein richtiger Preisdeckel für Mineralölkonzerne oder ein Einstieg des Staates bei Erdölkonzernen würden helfen. So wie sie das in Osteuropa machen“, sagt Augenstein. In Ländern, in denen der Sprit besonders günstig ist, zum Beispiel in Ungarn oder Polen, hält der Staat tatsächlich große Anteile an Erdöl- und Tankstellenkonzernen und kann damit auch Einfluss auf deren Preispolitik ausüben. Auch wenn diese Anteilsstruktur nicht der einzige Grund für günstigere Preise beim Tanken ist: In Polen etwa kostete Sprit vergangene Woche bis zu 60 Cent weniger als in Deutschland.
Der deutsche Zoll sah sich wegen des Ansturms deutscher Autofahrer auf polnische Tankstellen sogar zu mehr Kontrollen genötigt. Und zu dem Hinweis, dass man bei der Rückfahrt nicht unbegrenzt Kanister mit Kraftstoffen einführen dürfe. Auf Anfrage der SZ beim Zoll in Regensburg und Landshut heißt es aber, dass man von solchen Szenarien in Bayern noch weit entfernt sei. Grundsätzlich sei es innerhalb der EU erlaubt, im Ausland Kraftstoff für den eigenen Bedarf zu tanken. Laut Zoll darf zusätzlich ein Reservekanister mit maximal 20 Litern mitgeführt werden, ohne dass dafür Abgaben fällig werden. Wer jedoch größere Mengen nach Deutschland bringt, muss diese versteuern. Konkrete Zahlen zu Kontrollen habe man keine.
Nun ist es nicht so, dass Karl Augensteins Tankstelle die einzige dort im Grenzgebiet ist. Es gibt zum Beispiel auch mehrere große Shell-Tankstellen in der Nähe, die aber alle SZ-Anfragen unbeantwortet ließen. Deren Pächter dürften den wachsenden Tanktourismus zwar auch spüren, jedoch gibt es an diesen Tankstellen zusätzlich Getränkemärkte, Cafés, Foodtrucks und große Waschparks. Menschen treffen sich dort auch, wenn sie nicht tanken. „Da ist die Tankstelle auch ein Erlebnis. Aber solch teure Aus- und Umbauten sind für uns nicht machbar“, sagt Augenstein.
Es gibt übrigens noch einen weiteren Grund, warum in Österreich der Sprit günstiger ist. Dort haben die großen Konzerne mehr Konkurrenz, weil es deutlich mehr Tankstellen gibt, die ihnen nicht gehören.

