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Tag der Archive in Bayern:Von der Depesche bis zum Tweet

Hier sind Schlüsselpapiere für chiffrierte Schreiben zu sehen.

(Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

Am Samstag gewähren private und öffentliche Archive Einblicke in ihre Magazine. Alles dreht sich dabei um das Thema Kommunikation. Was heute per Klick versandt wird, mussten früher Hunde austragen.

Bis in die Sechzigerjahre hinein besaß draußen auf dem Land kaum jemand ein Telefon. Meistens war nur im Dorfwirtshaus ein Fernsprechapparat installiert, weshalb man eigentlich nur dort anrufen konnte, wenn man eine Nachricht an eine Familie im Ort übermitteln wollte. Der Wirt oder seine Kinder mussten dann notgedrungen als Boten fungieren. Es war eine bewährte Form der Kommunikation, wie sie schon in der Antike üblich war, in der etwa der rennende Bote Pheidippides die Kunde des Athener Sieges bei der Schlacht von Marathon nach Athen trug und danach an Erschöpfung gestorben sein soll. Diese Sage begründete den modernen Marathonlauf.

Die Übermittlung von Nachrichten funktionierte die längste Zeit der Menschheitsgeschichte über laufende und reitende Boten. Unvorstellbar, welche Strecken die Reiter etwa in der Frühen Neuzeit in wenigen Tagen zurücklegten. Von deren gefährlichen Gewaltritten können sich die Besucher des Tags der Archive an diesem Wochenende ein Bild machen. Es geht um die Geschichte der Kommunikation, quasi von der Depesche bis zum modernen Tweet. Dieses enorm breite und ungemein spannende Thema wurde diesmal zu Recht zum Motto der bundesweiten Aktion erhoben, an der sich auch Dutzende staatliche und kommunale Archive in Bayern beteiligen.

Infos zum Tag der Archive

Archive sind das Gedächtnis einer Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist es, originale und einmalige Zeugnisse menschlichen Lebens aufzubewahren, zu erschließen, zur Benutzung bereitzustellen, auszuwerten und vor dem Vergessen zu sichern. Alle zwei Jahre ruft der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) zum "Tag der Archive" auf. Auch in Bayern öffnen an diesem Wochenende zahlreiche öffentliche und private Archive ihre Magazine und stellen ihre Arbeit und ihre Bestände vor. Die Aktion steht diesmal unter dem Motto "Kommunikation. Von der Depesche bis zum Tweet". Die genauen Programme des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und aller Staatsarchive sowie weitere Materialien finden sich auf der Homepage www.gda.bayern.de. Über alle Veranstaltungen zum Tag der Archive in anderen Städten und in kommunalen, kirchlichen Wirtschafts-, Partei- und Universitätsarchiven sowie Archiven weiterer wissenschaftlicher Einrichtungen sind nachzulesen auf der Seite www.tagderarchive.de. hak

Einen Schwerpunkt setzt natürlich das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München (Schönfeldstr. 5-11), allein schon wegen der Fülle der dort verwahrten Archivalien. Dort wird besonders deutlich, wie komplex und vielschichtig das Thema Kommunikation in die Geschichte des Landes eingebettet ist. Sekundenschnelle Nachrichtenübermittlung ist im Zeitalter der digitalen Medien eine Selbstverständlichkeit. Mitteilungen und offizielle Schreiben werden per E-Mail verschickt, private Termine lassen sich mit Diensten wie Whatsapp spontan vereinbaren, handgeschrieben ist oft nur noch der Einkaufszettel.

Und vielleicht hie und da noch der Liebesbrief, zu dem man ebenfalls etwas erfahren wird, etwa wie und wo er gerne verwahrt wurde.

Fürstenfeldbruck: 'Reisen in der Postkutsche' - Ausstellung im Stadtmuseum

Eine Lithografie der Thurn- und Taxis'schen Reichspost (Ausschnitt).

(Foto: Johannes Simon)

Insgesamt war die Informationsübermittlung der Vorfahren aber mühsam. Wie sie überhaupt funktionierte, zeigt das Hauptstaatsarchiv am Samstag (10-17 Uhr) an eindrucksvollen Beispielen. Im 16. Jahrhundert reisten amtliche Dokumente mit Reitern quer durch das noch weitflächig straßenlose Deutsche Reich. Das Reichskammergericht, das von 1495 bis 1806 existierte, beschäftigte beispielsweise für die Zustellung von Ladungen und Mandaten vereidigte Boten zu Pferde. "Sie mussten den Geladenen die Gerichtsbriefe vorlesen, erläutern und eine Abschrift übergeben sowie einen Bericht verfassen", sagt Elisabeth Weinberger, Archivarin am Bayerischen Hauptstaatsarchiv.

Die Route eines Kammerboten lässt sich normalerweise nicht nachvollziehen. Umso spannender ist das Beispiel, das am Samstag präsentiert wird. Im Jahr 1561 legte der Reichskammergerichtsbote Karl Praun innerhalb von drei Monaten viele hundert Kilometer zurück, um eine Ladung des Gerichts zuzustellen. Die Gläubiger des stark verschuldeten Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach waren über das ganze Reich verstreut und konnten nur auf diesem Wege informiert werden, ihre Schuldklagen zu erheben. Auf der Rückseite der Ladung vermerkte der Bote die erfolgreiche Zustellung und erbrachte damit den Nachweis seiner Reiseroute. Diese führte ihn unter anderem nach Heidelberg, Nürnberg, Rostock, Breslau, Olmütz, Wien, Passau und Regensburg. In Kriegszeiten griffen Armeen häufig auf Tiere als Nachrichtenübermittler zurück, vor allem auf Brieftauben und Meldehunde.

Wachssiegel dienten auch zur Verifizierung des Absenders.

(Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

Vor unbefugter Neugier und vor Spionen schützten Herrscher ihre Nachrichten mit chiffrierten Texten. Trotz aller Mängel war im 16. Jahrhundert die Verwendung von Zeichen und Ziffern statt Buchstaben sehr beliebt. Chiffrierte Post aus der Vergangenheit zu entziffern, wirft nicht selten riesige Probleme auf. Als Service bietet das Hauptstaatsarchiv deshalb am Samstag zusammen mit dem Stenographen-Zentralverein Gabelsberger Unterstützung beim Lesen und bei der Interpretation von Schriftquellen aus Privatbesitz an.

Mittlerweile verfügt das Hauptstaatsarchiv mit seiner für Bayern zentralen Überlieferung über einen Umfang von mehr als 50 Kilometer Archivalien aus 1200 Jahren bayerischer Geschichte. In diesem Meer an historischen Schätzen Dokumente zu finden, kann für einen Archivbenützer eine echte Herausforderung sein. Erfahrene Archivare zeigen deshalb, wie man im Hauptstaatsarchiv Quellen recherchiert, was natürlich auch in den übrigen bayerischen Archiven eine ständige Herausforderung ist.

Twitter

Smartphones sind Ausdruck der modernen Kommunikationsweise.

(Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

Margit Ksoll-Marcon, die Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns, ist sich sicher, dass der Tag der Archive die bei vielen Bürgern vorhandene Schwellenangst abbauen wird. "Wir können und wir wollen den Besuchern ein breites und packendes Spektrum an Themen nahebringen." In diesem Sinne bietet das Staatsarchiv Amberg am Samstag (10-14 Uhr) entsprechende Vorträge zur Postgeschichte an. Das Staatsarchiv Coburg präsentiert am Montag (18.30-20 Uhr) seltene Unterlagen zum Thema Kommunikation, etwa solche des Briefeschreibers Martin Luther und Quellen zur Kommunikation an der deutsch-deutschen Grenze in der Zeit des Kalten Krieges.

Im Staatsarchiv Landshut gibt es am Montag und am Dienstag (16 Uhr) Führungen, die sich dem Handgeschriebenen widmen. Zu diesen "Messages im vorelektronischen Zeitalter" gibt es auch eine Ausstellung. Im Staatsarchiv München liest der Schauspieler Winfried Frey am Samstag aus Akten zu kuriosen Betrugsfällen in Oberbayern. Und die Würzburger Archive laden an diesem Freitag (14-19 Uhr) zu einer Veranstaltung im Archiv des Bistums (Domerschulstraße 17) ein. Matthias Stickler (Universität Würzburg) referiert von 18 Uhr an über das verlockend klingende Thema "Ein Facebook der alteuropäischen Universität".

Allein in München beteiligen sich 25 Archive am Aktionstag, darunter auch das Bayerische Wirtschaftsarchiv, das unter anderem einen Bezug zu den bevorstehenden Passionsspielen in Oberammergau herstellt. 1900 erhielt Oberammergau erstmals eine Zuschauerhalle. Die Eisenkonstruktion dafür lieferte die Eisenwerk München AG. Die Gründeraktie dieses Unternehmens von 1899 ist in einer Ausstellung historischer Wertpapiere zu sehen, die am Samstag auf dem IHK Campus (Orleansstraße 10-12) gezeigt wird.

© SZ vom 06.03.2020/flud/haem

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