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Hilfsangebot:Die besten Tafeln in Bayern geehrt - diesmal ohne Shitstorm

Beim Besuch der Münchner Tafel packte Ministerin Michaela Kaniber an - und initiierte den Wettbewerb, der viel Empörung auslöste.

(Foto: Hauke Seyfarth/STMELF)
  • In Bayern gibt es gut 170 Tafeln mit vielen Tausend Mitarbeitern.
  • Das Landwirtschaftsministerium hat nun die besten ausgezeichnet.
  • In diesem Jahr geht das ohne großen Festakt, nachdem 2019 eine Wettbewerbs-Idee der Ministerin für große Empörung gesorgt hatte.

Obwohl Nicole Fürst im Sommer 2017 eine Wette verloren hat, war sie glücklich. Da hatte es zum zehnjährigen Bestehen der Mitterteicher Tafel eine Wette gegen die Bürgermeister der sechs größten Kommunen im Landkreis Tirschenreuth gegeben - und zwar, dass es diese nicht schaffen, von jeweils 100 Bürgern haltbare Lebensmittel als Spende zu ergattern. Fürst verlor die Wette, es stapelten sich Mehl, Süßwaren, Nudelpakete und Dosen. Die Tafel geht kreative Wege, um Spenden zu sammeln und das Angebot ins Bewusstsein zu rücken. Man kennt dort auch das Problem, das Lebensmittelausgaben auf dem Land oft umtreibt: Dass es im überschaubaren Umfeld eine Schamgrenze bei Bedürftigen gibt, Waren für sich zu holen. Aktuell hat Fürst, Vorsitzende des Hilfsnetzwerks, wieder Grund zur Freude. Wie Der Neue Tag berichtet, zählt ihre Tafel zu den Gewinnern eines Ideenwettbewerbs des bayerischen Ernährungsministeriums, mit 5000 Euro Preisgeld.

Fast ein wenig heimlich vollzieht sich diese gute Nachricht; nur ein Brief ist neulich eingetroffen in Mitterteich sowie in anderen Kommunen, die bisher noch nicht bekannt sind. Es ist jener Wettbewerb, um den es im Frühjahr hitzige Debatten gab. Unter dem Motto "Gemeinsam Lebensmittel retten" wollte Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber die Arbeit der Tafeln in Bayern würdigen. Das hatte die CSU-Politikerin bei einem Besuch der Tafel an der Münchner Großmarkthalle angekündigt. Ideen aus den verschiedenen Einrichtungen im Freistaat sollten anderen als Vorbild dienen. Der Wettbewerb solle insgesamt dazu beitragen, "die Wertschätzung der Menschen für Lebensmittel weiter zu steigern", so Kaniber damals.

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Eine auch bundesweite Welle der Empörung folgte prompt auf den Aufruf. Kritiker, auch manche direkt aus der Szene der Tafeln, nannten das Projekt "Hungerspiele", "Armutswettbewerb" und "Provokation". Die Chefin der Grünen im Landtag, Katharina Schulze, riet, lieber politisch daran zu arbeiten, dass es keine Tafeln brauche. Ein Autor des Magazins bento glaubte, dass es der Ernährungsministerin mehr um Lebensmittelrettung als um Armutsbekämpfung gehe und dass dies das "politische Klima in Bayern" illustriere - die CSU würde sich demnach "fast freuen, dass die Armen den Weniger-Armen und Reichen die Reste aufessen". Oder: Der Herausgeber eines "femininen Auto- und Reisemagazins" spottete auf Twitter über Kaniber: "Und später kürt sie den bestgekleideten Obdachlosen."

Die Ministerin fühlte sich missverstanden, um eine "Konkurrenz" zwischen den Einrichtungen gehe es überhaupt nicht, sagte sie im Bayerischen Rundfunk: "Die Frage ist, was ist die Intention der Kritiker? Ist es jetzt tatsächlich, die Tafeln in Frage zu stellen? Ich glaube, da kann man nur einen Ansatz geben, nämlich, dass Politik alleine nie alles schaffen kann und wir auch angewiesen sind auf ehrenamtliches Engagement." Tatsächlich wirkte es mitunter so, als habe mancher nur auf die Chance gewartet, der im medialen Auftritt produktiven und meist beflissenen Ministerin mal ans Zeug flicken zu können. Danach wurde es still um den Wettbewerb.

In aller Stille wurden nun fünf Gewinnerbescheide verschickt, unter anderem in die Oberpfalz. Das Ministerium ist bekannt als ein Haus der Ehrungen, was gern mit Pressetexten und Fotos flankiert wird, manchmal auch mit Festakten und Zeremonien. Allein 2019 durften sich in Bayern unter anderem über eine Würdigung freuen: Bäcker, Metzger, Bauern, Schreiner, Honigköniginnen, Käsemacher, Dorferneuerer, Wasserberater, Festzeltwirte, Ferienanbieter und Landwirtschaftsschüler. Zu den Tafeln aber - kein Wort. Es bleibe bei der Idee, das Engagement der gut 170 Tafeln in Bayern und der vielen Tausend Mitarbeiter zu fördern, ausschließlich das sei von Anfang an der Gedanke gewesen, sagte ein Sprecher auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. Ziel sei es sicher nicht gewesen, jemanden zu kränken. Man habe die Ehrung aber jetzt "nicht groß verbreitet" - auch, "um die Teilnehmer zu schützen". Siehe Shitstorm im vergangenen Frühjahr.

Nicole Fürst in Mitterteich hat mit der örtlichen Tafel wegen der Aussicht auf das Fördergeld mitgemacht. Die pauschal abgefragten Kriterien für alle Teilnehmer, ob in Dorf oder Großstadt, haben sie etwas irritiert, berichtet die Lokalpresse; schließlich ließen sich Bedingungen am Ort schlecht miteinander vergleichen. Dafür rückte sie ihre Aktionen in den Fokus, wie die Wette mit den Bürgermeistern oder andere Spendenaufrufe. Die 5000 Euro könne die Tafel jetzt gut gebrauchen - im kleinen Fuhrpark muss ein Auto ersetzt werden.

© SZ vom 08.01.2020/vewo
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