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"Zeronade":Ein Start-up, das nicht dem Klischee entspricht

Harald König hat eine zuckerfreie Limonade erfunden. Was es schon gab, schmeckte ihm nicht.

(Foto: oh)

Alles fing mit dem Wunsch an, etwas abzunehmen. Nun vertreibt Harald König zuckerfreie Limonade - ohne Investor und feste Mitarbeiter.

Ein Wink des Schicksals? Ja, sagt Harald König, das träfe es. "Nächtelang" habe er in der Küche experimentiert, so erzählt er es am Telefon, um eine zuckerfreie Limonade zu kochen. Zwei Lebensmittellabore hatte er darauf angesetzt. Sie sollten ihm je einen Teil der Rezeptur liefern, König wollte dann alles zusammenmischen. Doch immer passte etwas nicht. "Einen Versuch machen wir noch", sagte er zu seiner Frau. Danach suchte er den Fehler, aber da war keiner. Das Ergebnis habe gestimmt und das Gefühl auch, sagt König: "Ich bin angekommen."

Knapp drei Jahre ist das her. Inzwischen mischt und vertreibt König, 49, seine "Zeronade" ganz offiziell. Mehr als 100 000 Flaschen hat er nach eigenen Angaben abgefüllt. Das klingt nach einer dieser Start-up-Geschichten, wie es sie inzwischen häufiger in Bayern gibt - und doch nicht. Denn König taugt als Beispiel, wie man dem Klischee entfliehen kann: Klein- statt Großstadt, eigenes Geld statt vom Investor, Printwerbung statt nur Online-Marketing, Ein-Mann-Betrieb statt Mitarbeiter. "Ich habe ein Home Office in Türkheim", sagt König, "das reicht."

Dabei begann im Unterallgäu alles, wie es immer bei Start-ups beginnt: mit einem Problem und einer nicht unbedingt naheliegenden Lösung. "Die Anfangsstory ist schon merkwürdig", sagt König dazu. Er wollte damals abnehmen, suchte ein Getränk ohne Zucker und fand keines, das seinen Ansprüchen an Geschmack und Kalorien genügte. Also beschloss er, selbst eines zu kreieren. König sagt, er sei zweimal quer durch Europa gefahren, einmal, um nach möglicher Konkurrenz, einmal, um nach Lebensmittellaboren und Partnern zu suchen. Von denen habe er manche sogar bezahlt, damit sie ihm überhaupt zuhörten. Zwischen den Reisen schrieb er ein angeblich Hunderte Seiten dickes Geschäftskonzept. Und er baute testweise einen Online-Shop und bewarb ihn via Google. Ein Produkt hatte König da noch nicht, aber er wollte sehen, ob sich eine zuckerfreie Limonade verkaufen ließe. Von der Materie des Limomachens hatte König als gelernter Versicherungskaufmann bis dato wenig Ahnung. Als Chef einer Online-Marketing-Agentur von der Selbstständigkeit dafür umso mehr. "Du musst es durchziehen", sagt er.

Heute gibt es die "Zeronade" in den Geschmacksrichtungen Apfel, Limone und Kirsche. Als Basis dienen fermentierter Mais und Stevia. Das genaue Rezept ist Geschäftsgeheimnis. Null Gramm Zucker und - je nach Geschmacksrichtung - maximal 2,4 Kilokalorie pro 100 Milliliter bleiben laut Nährwerttabelle übrig. Künstliche Süßstoffe wie Aspartam werden nicht in den Inhaltsstoffen aufgeführt. Die Abfüllung übernimmt die Aktienbrauerei Kaufbeuren, der Vertrieb läuft über einen Online-Shop und Partner, darunter Supermärkte in der Region.

Königs Idee passt in die Zeit. Die Getränkebranche wandelt sich, bei vielen Konsumenten wächst das Bewusstsein für gesunde Ernährung. Zudem darf das Getränk gern hipp, anders und regional daherkommen. Das schafft Raum für Craftbiere genauso wie für neue Limonaden und Säfte. Als ein Vorreiter gilt hierzulande Bionade, 1990 im unterfränkischen Ostheim vor der Rhön gegründet. Mehrere Start-ups haben zuletzt ihre Kreationen auf den Markt gebracht, aus Passau etwa kommt das "Heimat-Kracherl", aus der Landeshauptstadt die "Eizbach"-Limo. Im Münchner Umland ist ein Getränkemarkt mit "G'sprudel" gar ins Geschäft mit Kohlensäurezylindern für Wassersprudler eingestiegen. Brauereien haben "Zero"-Varianten ihrer Limos entwickelt, die ganz großen Marken wie Pepsi oder Coca Cola mischen ohnehin mit. Wobei Verbrauchschützer warnen: Der Begriff "zuckerfrei" allein sage noch nichts darüber aus, wie gesund ein so beworbenes Getränk sei.

Bislang finanziert König sein Start-up privat. Die Arbeit in der Agentur hält ihm finanziell den Rücken frei. Mehrere Investorenanfragen habe er schon abgelehnt, sagt König, denn wenn es nur ums Geld gehe, bekomme er das auch alleine hin. Entsprechend wenig hält er von Start-up-Förderprogrammen des Freistaats, das damit verbundene Prozedere ist in seinen Augen zu kompliziert. Lieber buche er da Anzeigen in der Lokalpresse, um seinen Kundenstamm "zwiebelschalenmäßig" langsam auszuweiten. Wo er Hilfe brauche, suche er sich Partner oder Freelancer.

Trotzdem soll im Unterallgäu langfristig alles so enden, wie das sich Start-ups immer wünschen: Die Idee soll Bestand haben und sich rentieren. Dazu müssen die Absatzmengen größer werden und der Umsatz. Und mühsam aufgebaute Strukturen müssen dabei zerstört und durch neue zu ersetzt werden. "Wachstum tut immer weh", sagt König. Er würde sich einem strategischen Investor mit der nötigen Logistik in der Hinterhand nicht verschließen. Nur ein Umzug in eine Großstadt, wie es viele Start-ups auf der Suche nach Kontakten praktizieren, sei für ihn ausgeschlossen. "Ich bin ja schon am schönsten Ort der Welt."

© SZ vom 10.02.2020/baso
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