Staatliche Archive:Bayerische Polizeiarbeit wird noch detailreicher archiviert

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Ermittlungsakten der Polizei können in komplexen Fällen mehrere Ordner füllen. Neben den herkömmlichen Unterlagen werden in Bayern nun auch Daten interner Ermittlungsprogramme archiviert. (Foto: Lando Hass/dpa)

Bislang wanderten nur die Ermittlungsakten besonderer Kriminalfälle ins Staatsarchiv. Nun werden erstmals deutlich umfangreichere Daten aus Polizeiprogrammen gesichert.

Von Thomas Balbierer

Spannende Neuigkeiten für ungeborene und sehr junge Historiker, Journalistinnen und Fans der bayerischen Landespolizei: Erstmals wurden Ermittlungsdaten aus dem internen Fallbearbeitungssystem der Polizei ins Bayerische Staatsarchiv übertragen. Sie können damit nach einer gesetzlichen Schutzfrist in ein paar Jahrzehnten für Forschungen und Recherchen genutzt werden. Bislang wanderten nur ausgewählte Ermittlungsakten der Polizei ins Archiv, die deutlich weniger Informationen enthalten.

Bei den nun erstmals erschlossenen Daten handelt es sich um Inhalte aus einem Polizeiprogramm, das Ermittler bei besonders schweren oder komplexen Taten nutzen. Sie können dort alle Informationen - von Zeugenaussagen über Untersuchungsberichte bis zu Handydaten - einspeisen und ihre Arbeit strukturieren. Das System ist in Bayern seit 2003 in Betrieb.

Am Donnerstag präsentierten die Staatlichen Archive gemeinsam mit dem Landeskriminalamt und der Kriminalpolizei Straubing einen aufsehenerregenden Todesfall aus Niederbayern, der nun als Muster für zukünftige Sicherungen dienen soll. Die Beteiligten sprechen von einer "neuen Ära in der archivischen Dokumentation der bayerischen Polizei".

Bei dem Tötungsdelikt aus Niederbayern half das Fallbearbeitungssystem bei der Suche nach der Täterin. Wie Annette Haberl, Chefin der Straubinger Kriminalpolizei, berichtete, mussten die Ermittler im November 2018 den Tod eines 69-jährigen Mannes aufklären, dessen Leiche nackt und geknebelt in einem tschechischen Waldstück gefunden worden war. Als sich herausstellte, dass er aus Laberweinting im Landkreis Straubing-Bogen stammte, begann die Arbeit der niederbayerischen Polizei.

Sie befragte Zeugen, sammelte Hinweise aus der Bevölkerung, Verkehrsdaten und Funkzellendaten aus dem Umfeld des Opfers. Bis zu 20 Polizistinnen und Polizisten arbeiteten parallel an dem Fall und trugen in kurzer Zeit große Mengen an Informationen zusammen. Hätte man das Konvolut ausgedruckt, so Haberl, hätte man "25 Ordner mit über 10 000 Blatt Papier" erhalten.

Dank des Fallbearbeitungssystems habe man einen systematischen Überblick erzeugt. Dabei sei aufgefallen, dass das Bewegungsprofil der Ehefrau im Tatzeitraum zum Fundort der Leiche in Tschechien führte. Auch nach der Tatwaffe, einem französischen Folterinstrument namens Garrotte, das sich im Haus des Ehepaars befand, konnten die Ermittler in den Daten suchen. So habe sich der Verdacht erhärtet, dass die Frau ihren Mann erdrosselt habe. Die damals 61-Jährige wurde 2020 zu neun Jahren Haft verurteilt.

Drei Jahre hat es gedauert, die technischen Voraussetzungen für die Übertragung zwischen Polizei und Archiv zu schaffen. In Zukunft soll alles viel schneller gehen, beteuerte Michael Unger für die Staatlichen Archive. Nun, da alle Schnittstellen eingerichtet seien, schätzt er die Bearbeitungszeit in Zukunft auf etwa eine Woche. Archiviert würden ohnehin nur bedeutende Kriminalfälle. Bis man die Spuren selbst unter die Lupe nehmen kann, werden allerdings noch viele Jahre vergehen. Personenbezogene Daten müssen laut Archivgesetz besonders streng geschützt werden.

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