Wegbrechende BeratungsstellenDiakonie-Präsidentin warnt vor sozialer Kälte

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Mieter können natürlich die Raumtemperatur ein wenig verringern, deutlich größer ist das Einsparpotenzial beim Heizen aber an anderer Stelle.
Mieter können natürlich die Raumtemperatur ein wenig verringern, deutlich größer ist das Einsparpotenzial beim Heizen aber an anderer Stelle. (Foto: Liesa Johannssen/Imago)
  • Die bayerische Diakonie muss wegen fehlender Zuschüsse von Kommunen und sinkender Kirchensteuereinnahmen soziale Beratungsstellen schließen.
  • In Schweinfurt schlossen Ende 2025 die Wohnungslosenhilfe und Energieberatung, in Hof wird 2026 die Familienberatung eingestellt.
  • Diakonie-Präsidentin Weingärtner warnt vor sozialer Kälte und fordert eine Veränderung der kommunalen Finanzlasten für soziale Aufgaben.
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Weil von den Kommunen und der Kirche nicht mehr so viel finanzielle Unterstützung kommt wie früher, müssen viele Beratungsstellen gekürzt werden.

Von Nina von Hardenberg

Die Finanzmisere der bayerischen Kommunen, Landkreise und Bezirke bringt zunehmend Anbieter sozialer Dienste in Not. Darauf hat die Präsidentin der Diakonie Bayern, Sabine Weingärtner, am Montag auf der Jahrespressekonferenz hingewiesen. Immer öfter verweigerten Kommunen sozialen Trägern die nötigen Zuschüsse. Mehrere diakonische Träger hätten deshalb zuletzt ihr Angebot einschränken müssen.

Konkret war dies etwa in Schweinfurt der Fall. Dort schlossen Ende 2025 die Unterstützungsangebote für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen und die Energieberatung der Diakonie Schweinfurt. Grund sei der Wegfall wichtiger Zuschüsse, die das Projekt bislang ermöglicht hätten, heißt es dort zur Erklärung.

Die diakonische Arbeit hat ein doppeltes Finanzproblem. Zum einen treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus. Dies führt zu sinkenden Steuereinnahmen für die Kirchen und damit auch zu kontinuierlich sinkenden Mitteln für die diakonische Arbeit, wie Weingärtner erklärte. Gleichzeitig aber sehen sich auch die chronisch klammen Kommunen, Landkreise und Bezirke in Bayern kaum in der Lage, diese Lücke zu schließen. So hatte etwa der Präsident des Bayerischen Bezirkstags, Franz Löffler, zuletzt vor einer „Kostenexplosion im Sozialbereich“ gewarnt.

Wo aber weder die Kirche noch die Kommunen genügend Geld aufbringen, müssen Angebote wegfallen. Die Diakonie Hochfranken in Hof stellt aus diesem Grund zum Jahresende 2026 die Ehe-, Partnerschafts-, Familien- und Lebensberatung ein. Diese werde eigentlich als freiwillige Leistung vom Freistaat Bayern finanziert, so Weingärtner. Allerdings sei dieser Zuschuss seit zehn Jahren nicht erhöht worden, während aber die Kosten der Beratungsarbeit wie überall stiegen. Stadt und Landkreis hätten diese gestiegenen Kosten nicht abfangen können.  Auch in Landshut sei dieses Angebot bereits geschlossen worden.

Ähnliche Probleme sieht Weingärtner bei vielen anderen sozialen Angeboten, nicht nur von der Diakonie. Besonders unter Druck stünden dabei Beratungsdienste, die schon immer schlechter refinanziert sind. Die Not nehme zu. Immer mehr Menschen fragten um Hilfe und Rat an. Die Fallzahlen würden sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe als auch bei der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen steigen. Und aufgrund des demografischen Wandels bräuchten auch mehr alte Menschen Pflege und Unterstützung.

Wir führen in Deutschland eine Neiddebatte nach unten.
Sabine Weingärtner, Präsidentin der Diakonie Bayern

Nach oben gingen in den vergangenen Jahren auch die Kosten für Personal und Energie. Diese Kosten aber seien kaum gegenfinanziert, auch weil sich der Bund etwa in der Behindertenhilfe schleichend aus der Finanzierung gezogen habe. „Wir brauchen eine deutliche Veränderung bei der Frage, welche Finanzlasten die Kommunen, kreisfreien Städte, Landkreise und Bezirke zu tragen haben, damit sie weiterhin ihren sozialen Aufgaben nachkommen können“, forderte Weingärtner dann auch.

Sie rechne damit, dass die sozialen Angebote in Bayern künftig nicht mehr so selbstverständlich sein könnten wie bisher. Die Politik nehme das in Kauf. Sie nehme eine soziale Kälte wahr, sagte Weingärtner. Sie sehe Politiker, die auf der Suche nach einfachen Lösungen seien und Dinge nicht mehr differenziert genug betrachteten und schnell zu abwertenden Pauschalisierungen neigten. „Wir führen in Deutschland eine Neiddebatte nach unten“, beklagte sie.

Als Beispiel nannte sie etwa Diskussionen über die Grundsicherung oder etwa den Vorschlag der Wiedereinführung einer Praxisgebühr, wie ihn Andreas Gassen, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, unter dem Stichwort „Kontaktgebühr“ ins Spiel gebracht habe. Die Praxisgebühr sei seinerzeit abgeschafft worden, weil sie keinen Effekt hatte, merkte Weingärtner an. Der Vorschlag stehe deshalb exemplarisch für eine Politik, die jene, die ohnehin benachteiligt sind, noch weiter ins Abseits stellt. Man wisse schließlich aus zahlreichen Studien, das gerade arme Menschen auch häufiger krank seien. Eine neue Gebühr für den Arztbesuch würde sie also besonders treffen.

Die Diakonie Bayern hat im Blick auf die Kommunalwahl am 8. März unter dem Motto „Dein Zuhause – Deine Wahl“ eine eigene Kampagne gestartet. Sie stellt darin Themen vor, die aus ihrer Sicht wichtig sind. „Armutsbekämpfung ist kein Luxus, sondern eine gesellschaftliche Kernaufgabe“, liest man da etwa. Präsidentin Weingärtner fasste dies am Montag noch etwas dringlicher. Die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats müsse sich im Alltag beweisen. „Die Menschen in unserem Land müssen sich darauf verlassen können: Wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bekommen.“ Wo dieses Vertrauen bröckele, erodiere mehr als nur ein Hilfsangebot für einen Einzelnen. Das Vertrauen in die Gesellschaft und die Demokratie stünde auf dem Spiel.

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