Der Föderalismus ist eine tolle Sache, aber manchmal auch anstrengend, etwa für den bayerischen Ministerpräsidenten. Eigentlich hat Markus Söder im Streit um die Sommerferien-Termine der Bundesländer ja ein Machtwort gesprochen, das jede Debatte erübrigen sollte. In Sachen Ferien sei Bayern „kompromisslos“, hat Söder gesagt, da werde man „nichts ändern“. Und was machen die anderen Bundesländer? Debattieren einfach weiter.
Zunächst war es nur Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU) aus dem notorisch renitenten Nordrhein-Westfalen, die in der WAZ das bayerische Privileg des spätesten Ferienstarts infrage stellte. Als hätte es Söders Intervention nicht gegeben, forderten inzwischen aber auch Rheinland-Pfalz und Sachsen, den „Sonderstatus von Bayern und Baden-Württemberg“ zu überprüfen. Sogar Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) formulierte den Wunsch, die Kultusministerkonferenz (KMK) möge eine „zeitgemäße Lösung“ finden.
Die geltende Regelung ist tatsächlich aus einer anderen Zeit, die KMK hat sie 1971 beschlossen. In Bayern beginnen die Sommerferien seither Ende Juli oder Anfang August; in den 1990er-Jahren schloss sich Baden-Württemberg an. Die anderen 14 Länder müssen zwischen Juni und September rotieren, um die Urlaubszeit zu entzerren. Für deren Landeskinder heißt das oftmals: schlechteres Wetter, höhere Hotelpreise, mehr Stau. Bayern habe sich rücksichtslos den besten Termin gegriffen und gebe ihn nun nicht mehr her – das ist im Kern der Vorwurf.
Da könne er „nur den Kopf schütteln“, sagt Hans Maier. „Es war alles ganz anders.“
Hans Maier war von 1970 bis 1986 bayerischer Kultusminister, ein Freigeist in der CSU, der seinem Parteichef Franz Josef Strauß mit unverschämt eigener Meinung zusetzte. Auch Strauß’ fünf Nachfolger inklusive Söder hat er nicht geschont. 1971 amtierte Maier als Vorsitzender der Kultusministerkonferenz, er war also der Mann, unter dessen Führung die aktuelle Ferien-Regelung zustande kam. Seine Erinnerungen tauchen die Debatte wenigstens teilweise in ein anderes, geradezu verblüffendes Licht.

Als Grund für den späten Ferienbeginn in Bayern wird heute angeführt, dass Bayerns Schüler einst im Spätsommer bei der Ernte helfen mussten. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg auch richtig, nach Darstellung des Zeitzeugen Maier 1971 aber keineswegs mehr maßgeblich. Die Verhandlungen in der KMK „zogen sich hin und liefen sich fest“, schreibt Maier in einem Brief an die SZ. Der Grund: „Kein Land wollte an den möglichen Ferienschluss kommen“, der August/September-Termin habe als unattraktiv gegolten: „zu spät, zu kalt“. Nicht mal in die Rotation sollte er nach dem Willen der Mehrheit einbezogen werden. „Nichts bewegte sich mehr.“
Als KMK-Vorsitzender habe er „die Dinge wieder in Gang bringen wollen“, so Maier. Deshalb habe er angeboten, dass Bayern den Ferienschluss dauerhaft übernehmen könnte. „Das wurde in der damaligen Situation geradezu als Befreiung empfunden, als ein bayerisches ,Opfer‘ für das Gemeinwohl.“ Am Ende seien alle Länder zufrieden gewesen – nur in Bayern selbst habe sich „leiser Widerstand“ geregt, „man fürchtete wirklich die Kälte“.
Er habe damals „pragmatisch gehandelt“, schreibt Maier. An die „bayerische DNA“ oder ein „genetisches Erbe“, das Markus Söder nun zur Verteidigung des späten Ferien-Termins bemüht, habe er „beileibe nicht gedacht“. Maier stellt nüchtern fest: „Im Lauf von 54 Jahren haben sich die Dinge völlig umgedreht, wozu die inzwischen fühlbare Klimaveränderung ihren Teil beigetragen haben dürfte.“ Der Termin, den niemand wollte, sei plötzlich „heftig begehrt“. Er könne nur darüber staunen, dass Bayern jetzt von anderen Bundesländern der „Sturheit gescholten“ werde, weil es an seinem „Opfer“ von 1971 festhalte.
Hans Maier, der unlängst seinen 94. Geburtstag feierte, hat eine Bitte an alle Teilnehmer der munteren Ferien-Debatte in Politik und Medien: „Stimmt diese hohen Töne so schnell wie möglich herunter!“ Das Land könne „solche künstlichen Aufladungen wahrhaftig nicht brauchen“.


