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Rhetorik in der Politik:Söders Superphrase

ARD-Sommerinterview mit dem CSU-Vorsitzenden Söder

Markus Söder äußert sich nicht konkret in der Frage der Kanzlerkandidatur.

(Foto: dpa)

Profis - ob in Sport oder Politik - sind auch daran zu erkennen, dass sie reden können, ohne ihre Pläne zu verraten.

Kolumne von Andreas Glas

Unter Profifußballern gibt es eine Formulierung, die sich trotz ihrer Unvollständigkeit zu einer Art Superphrase entwickelt hat. Die Formulierung geht so: "Ich habe Vertrag", meist verbunden mit dem Hinweis auf das Vertragsende: "Ich habe Vertrag bis 2023." Die Superphrase fällt fast immer, wenn ein Reporter nachfragt, ob denn da etwas dran sei an dem Gerücht, dass der Spieler am Saisonende zu einem anderen Verein wechsle. Was nicht jedem Ich-habe-Vertrag-Fußballer bewusst sein dürfte: Dass die Superphrase keinen Artikel ("einen") beinhaltet, der grammatikalisch eigentlich notwendig wäre. Was dem Ich-habe-Vertrag-Fußballer dagegen sehr wohl bewusst ist: Dass die Phrase keine Aussage enthält. Das macht die Phrase ja gerade so super für ihn. Er kann reden, ohne seine Pläne zu verraten.

So ähnlich verhält sich das mit dem Satz, den Markus Söder (CSU) seit Monaten wie ein Mantra vor sich herträgt: "Mein Platz ist in Bayern." Es ist Söders persönliche Superphrase, wenn wieder jemand fragt, ob er nun endlich und endgültig ausschließen könne, für die Union als Kanzler zu kandidieren. Bayerns Ministerpräsident klingt mal mehr ("Mein Platz ist gerade in Bayern") und mal weniger geheimnisvoll, wie etwa am Sonntag, beim ARD-Sommerinterview, als Söder versicherte, dass sein Mein-Platz-ist-in-Bayern-Mantra kein Satz sei, den "man daher sagt", sondern dass da "eine echte Schwere dahinter" sei. Wobei die Schwere am Ende halt doch wieder darin bestand, dass sein Mantra vor allem schwer zu entziffern ist.

Während es in der Tagesschau hieß, dass Söder nun "deutlicher" geworden sei und eine Kanzlerkandidatur "derzeit" ausschließe, wollte der Kommentator des Bayerischen Rundfunks als "entscheidende Information" in Söders neuester Mantra-Version das exakte Gegenteil gehört haben: "Markus Söder schließt eine Kanzlerkandidatur nicht aus." Geht es nach dem Ministerpräsidenten selbst, darf das Rätseln über den Mein-Platz-ist-in-Bayern-Söder ruhig noch eine Weile weitergehen. Wegen ihm könne die Kandidatenkür der Union statt im Januar "auch erst im März 2021" stattfinden, hat er gerade gesagt. Unter Fußballern gibt es dafür ebenfalls eine Formulierung. Sie lautet: Zeitspiel.

© SZ vom 04.08.2020/vewo
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