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Corona-Chaos in Bayern:"Das ist keine Strategie, das ist Populismus"

Kostenloser Corona-Test am Flughafen München, 2020

Wegen einer EDV-Panne sind vergangene Woche an den bayerischen Flughäfen 10 000 Reiserückkehrer tagelang nicht über das Ergebnis ihres Corona-Tests informiert worden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ärzte werfen der bayerischen Staatsregierung die Verschwendung von Ressourcen vor und fordern eine Fokussierung auf bestimmte Gruppen. Unterdessen werden neue Pannen und Verzögerungen bekannt.

Von Lisa Schnell und Christian Sebald

Die neuen Pannen in den Corona-Testzentren an den Flughäfen in München, Nürnberg und Memmingen haben offenbar beträchtliche Ausmaße. Das Gesundheitsministerium hat am Freitag eingeräumt, dass etwa 10 000 Rückreisende, die sich an ihnen testen ließen, länger als die versprochenen 48 Stunden auf ihre Ergebnisse warten mussten. Betroffen seien Personen, die sich zwischen Freitag vergangener Woche und Dienstag Abstriche machen ließen.

Als Grund der Probleme nannte ein Ministeriumssprecher ein "EDV-Problem bei dem Dienstleister Ecolog", der die Testzentren an den drei bayerischen Flughäfen betreibt. Der Rückstau sei aber bis Freitagmittag abgebaut worden. Die positiv Getesteten seien bereits vorab informiert worden, sagte der Sprecher. Zumindest habe das die Firma Ecolog versichert.

Auch an den Teststationen an den Autobahnen gibt es offenbar Probleme. Bei der SZ meldeten sich Leser, die von Verzögerungen berichten. "Es hat sich nichts gebessert", schreibt eine Frau, die sich am 29. August an der A 3-Raststätte Donautal hat testen lassen. Sie musste fünf Tage auf ihr Ergebnis warten. "Es ist schon ein Trauerspiel", lautet ihr Kommentar. Ein anderer Leser berichtet, dass seine Schwägerin ebenfalls fünf Tage auf ihr Ergebnis habe warten und sich deshalb selbst in Quarantäne habe begeben müssen. Das passe nicht zu den Versprechen der Staatsregierung "schneller, kostenlos und jedermann".

"Alle Menschen abzustreichen, die das wollen, das ist keine Strategie, das ist Populismus"

Der Ministeriumssprecher sagte, man habe von solchen Klagen gehört und ihnen nachgeforscht. Dabei sei man auf keine größeren Probleme gestoßen. Einzig vergangenes Wochenende habe es einen Engpass gegeben, der aber schnell behoben worden sei. Damit dieses Wochenende, an dem die letzte große Rückreisewelle erwartet wird, an den Autobahn-Testzentren möglichst alles reibungsfrei laufe, werde die Bundeswehr das Personal dort unterstützen. Aus der Sicht von Medizinern sind die wiederkehrenden Pannen die Folge der Teststrategie von Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Besonders hart geht mit ihr der Münchner Hausarzt Hannes Blankenfeld ins Gericht.

"Alle Menschen abzustreichen, die das wollen, das ist keine Strategie, das ist Populismus", sagt Blankenfeld, der sich bereits zwei Mal mit zahlreichen Kollegen per offenem Brief bei der Staatsregierung über deren Anti-Corona-Politik beschwert hat. Die wichtigsten Punkte seiner Kritik: "Wir haben nicht die Zeit für solche ungezielten Massentests, wir schmeißen sehr viel Geld dafür raus, das wir anderswo sehr viel sinnvoller verwenden können, und wir bringen das Gesundheitssystem an die Leistungsgrenze, den Laboren gehen die Röhrchen aus, die Reagenzien werden knapp." Für Blankenfeld ist es "kein Wunder", dass die Testpannen nicht abreißen.

Die Forderungen des Hausarztes lauten: "Zielgerichtet testen, also in aller erster Linie in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen und anderen sensiblen Einrichtungen." Aber zum Beispiel auch an Schulen und unter Reiserückkehrern - "allerdings nur, wenn ein Anfangsverdacht auf eine Infektion besteht", wie der Mediziner sagt. Vor allem aber fordert Blankenfeld, "dass wir Hausärzte, aber auch die Kinderärzte und die Epidemiologen in die Erarbeitung künftiger Konzepte eingebunden, und sie nicht, wie in der Vergangenheit, an uns vorbei entwickelt werden." Außerdem müssten die Hausärzte entlastet werden. Sie sollten sich auf Patienten mit Krankheitssymptomen konzentrieren können.

Tests für Lehrer und Erzieherinnen, Pfleger und Ärzte sollten Priorität haben

Blankenfeld hat prominente Unterstützung. In einem Kommentar im Bayerischen Ärzteblatt greift der Präsident der bayerischen Ärztekammer, Gerald Quitterer, die Massentests scharf an. Die Testungen seien Momentaufnahmen und sagten nichts über eine schon morgen mögliche Ansteckung eines Menschen aus. Statt der ungezielten, kostenlosen Testung Gesunder sollten Tests für Lehrer und Erzieherinnen, Pfleger und Ärzte Priorität haben.

Die Laborärzte sind ebenfalls unzufrieden. Zwar hätten sie noch genügend Reagenzien für die Tests, sagt der Allgäuer Labormediziner Matthias Lapatschek. Aber natürlich seien die Tests eine große Herausforderung. Das Problem sei, dass der Aufbau der Laborkapazitäten so schnell gehen musste. Für gewöhnlich brauche man dafür ein paar Monate Zeit. Nun aber sollte es gleichsam von jetzt auf gleich gehen. Dabei hätte die Staatsregierung schon im März oder April festlegen können, wer getestet werden solle, sagt Lapatschek. "Das ist lange verschleppt worden." Andere Laborärzte sehen die Lage deutlich kritischer. "Wir sind wirklich am Ende. Wir leben von Tag zu Tag", sagt einer, der aus Furcht vor Schaden für sein Unternehmen anonym bleiben will. Für dreieinhalb Tage reiche das Kontingent noch, dann sei Schluss. Er rede auch mit anderen Kollegen und höre die gleichen Sorgen: "Das sind nicht nur wir."

Es sind aber nicht nur die Mediziner und die Labore, die von Söders Teststrategie überfordert werden. Sondern offenbar auch die Behörden. So warnte am Freitag das Landratsamt des unterfränkischen Landkreises Kitzingen vor Verzögerungen in seinem kommunalen Testzentrum. "Bereits Anfang der Woche meldete der Verband der akkreditierten medizinischen Labore in Deutschland, dass es einen erheblichen Rückstau bei den Tests gebe", teilte die Kreisbehörde mit. Auch die Kapazitäten des örtlichen Gesundheitsamts seien "nahezu ausgeschöpft". Die Ergebnisse könnten deshalb nicht immer innerhalb der ein bis zwei Tage vorliegen, die die Staatsregierung zugesagt hat.

Die Kapazitäten sind derzeit halb so groß, wie von Söder angekündigt

Beim Ausbau der Testkapazitäten kommt die Staatsregierung offenkundig ebenfalls nicht so rasch voran, wie von Söder angekündigt. Bis September sollten 200 000 Tests pro Tag in Bayern möglich sein, hatte der Ministerpräsident Anfang August erklärt. Derzeit betragen Kapazitäten, inklusive der kommunalen Testzentren, laut Gesundheits- und Innenministerium 90 700 Tests am Tag, also nicht mal die Hälfte von Söders Ankündigung. Allerdings liegen sie weit über dem momentanen Bedarf. Der liege bei etwa 40 000 Tests am Tag, heißt es aus Regierungskreisen. Die anlasslosen Tests für jedermann hätten laut Gesundheitsministerin Melanie Huml im Juli etwa 4500, also elf Prozent betragen. Die 200 000 Tests seien ein "Maximalziel", das erreicht werden solle, wenn das Infektionsgeschehen es nötig mache, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Die Opposition übte abermals heftige Kritik an Söders Anti-Corona-Strategie. "Ministerpräsident Söders Corona-Test-Debakel geht in die zweite Runde", sagte die Fraktionschefin der Landtags-Grünen, Katharina Schulze. "Den großspurigen Ankündigungen von kostenlosen Tests können die Strukturen in den Testzentren immer noch nicht folgen." Die Landtags-Grünen fordern eine Corona-Kommission, die die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie interdisziplinär begleiten, bewerten und Erkenntnisse für künftige Herausforderungen ziehen solle.

Huml nennt Test-Strategie "systematisch"

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) wies die Kritik zurück. "Es ist wichtig, möglichst rasch Infektionen zu erkennen", sagte sie. "Deshalb bieten wir allen Bayern an, sich auch ohne Symptome testen zu lassen. Klar war dabei jedoch immer: Symptomatische Verdachtsfälle auf eine Covid-19-Erkrankung sollen wie bisher prioritär getestet werden." Außerdem habe man die Tests von Risikogruppen etwa in Pflege- und Altenheimen sowie in Kliniken ausgebaut. Gleiches gelte für die Tests von Lehrkräften, Erziehern und Reiserückkehrern. "Bayerns Corona-Teststrategie lautet also nicht, dass "ungezielt" Gesunde getestet werden sollen", sagte die Ministerin.

"Vielmehr gehen wir systematisch vor." Der Virologe Alexander Kekulé verteidigte die bayerische Teststrategie ebenfalls. Gerade das umfangreiche Test-Angebot für Reiserückkehrer aus Risikogebieten hält er für sinnvoll. Die Tests unter ihnen hätten eine höhere Positivrate ergeben als den Bundesdurchschnitt von 0,75 Prozent. Man habe also "mehr Positive rausgefischt als bei allen Tests im Durchschnitt", sagte Kekulé. Der Vorwurf sei falsch, dass sinnlos getestet werde. Außerdem sei "extrem wichtig", dass die Angebote niedrigschwellig blieben. Es komme jetzt der Herbst und die Grippewelle. Nach der jetzigen Regelung müsste eine ganze Familie zwei Wochen in Quarantäne bleiben, wenn einer Schnupfen habe. Da sei es wichtig, dass es die Möglichkeit gebe, "sich schnell und niederschwellig testen zu lassen".

© SZ vom 05.09.2020/infu
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