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Corona-Maßnahmen:Söder verordnet Bayern eine Party-Pause

Großer Personenandrang an Sonnenhungrigen, die die Abendsonne und den warmen Sommertag auf der Uferpromenade am Mainufer

An beliebten Plätzen wie dem Mainufer in Würzburg kann es schon mal eng zugehen. Weil das in Corona-Zeiten gefährlich sein kann, gibt es neue Regeln.

(Foto: imago)

Immer mehr Menschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren stecken sich mit dem Coronavirus an. Die Staatsregierung erlässt deswegen neue Beschränkungen. Die Frage ist: Wird Söders Kurs auch funktionieren?

Von Andreas Glas und Dietrich Mittler

Rudolf Schlänzer hat Covid-19 hinter sich. "So etwas habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht gehabt", sagt der 28-jährige Oberpfälzer. Was Schlänzer (Name geändert) nie gedacht hätte: Altersmäßig gehört er aus Sicht von Politik und Behörden zu einer neuen Art von Risikogruppe. In Bayern ist derzeit knapp jeder zweite neue Corona-Infizierte zwischen 15 und 34 Jahre alt. 45 Prozent aller gemeldeten Infektionen der vergangenen sieben Tage stammen nach Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) aus dieser Altersgruppe.

Drei Wochen lang musste Rudolf Schlänzer in Quarantäne, und diese drei Wochen hatten es in sich. "Anfangs habe ich das gar nicht mit Covid in Verbindung gebracht", seine Puste war "halt ein bisschen weg", sagt er. "Gut, ich bin ja nicht der Schlankeste", dachte er sich da noch. Dann stieg die Körpertemperatur, am Ende wurde er bewusstlos. Wo er sich das Virus eingefangen hat, weiß er bis heute nicht. Schlänzer zählt sich absolut nicht zu den Partygängern. Für Gleichaltrige, die bezüglich Corona eher unbekümmert sind, hat er aber einen Tipp: "Man muss ja jetzt nicht in Hysterie verfallen, aber man sollte sich jetzt auch nicht mit 50 Leuten zum Saufen treffen." Auf jeden Fall sei es ratsam, bereits harmlose Krankheitssymptome - wie etwa Husten oder Halskratzen - ernst zu nehmen. Alles andere sei Leichtsinn.

Über Leichtsinn spricht auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag. "Die Zahl derer, die sich über Leichtsinn infizieren, wächst", sagt er und macht kein Geheimnis daraus, dass es vor allem die jungen, feiernden Menschen sind, die er für leichtsinnig hält. "Wir wollen als bayerische Staatsregierung kein Spielverderber sein", sagt Söder. Doch die neuen Regeln, die sein Kabinett nun beschlossen hat, dürften bei einigen jungen Menschen genau dieses Bild zementieren: Söder, der Spielverderber.

Wenn künftig in einer Region die Sieben-Tage-Inzidenz über 50 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner steigt, werden sich Jugendliche und junge Erwachsene schwerer tun als bisher, einen Raum zum Feiern zu finden. Dann soll auf öffentlichen Plätzen, auf denen sich viele Menschen tummeln, eine Maskenpflicht gelten. Das hat Söder bereits am Montag in Aussicht gestellt, am Dienstag hat die Staatsregierung dies nun ebenso beschlossen wie ein Alkoholverbot, das dann auf den entsprechenden Plätzen gelten soll. Welche Plätze dies sind, entscheiden die betroffenen Städte und Landkreise selbst. Die haben dann die Möglichkeit, die Sperrstunde auf 23 Uhr vorzuziehen.

Um zu verhindern, dass die Feiernden in großer Zahl auf andere Plätze oder in Privaträume ausweichen, wird ab der 50er-Marke die Zahl der Personen begrenzt, die sich treffen dürfen: auf maximal zwei Hausstände, nahe Angehörige oder Gruppen von bis zu fünf Personen. Bei Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder Beerdigungen sind dann draußen nur noch 50 statt wie bisher 200 Gäste erlaubt, drinnen 25 statt 100. Auch das Besuchsrecht in Klinken, Alten- und Pflegeheimen soll dann wieder eingeschränkt werden. Nur falls die Infektionen in einer Kommune auf einen klar definierten Personenkreis eingrenzbar sind, kann alles beim Alten bleiben.

"Mehr Maske, weniger Alkohol", weniger Menschen bei privaten Feiern, so fasst Ministerpräsident Söder seinen Kurs zusammen. Die Frage ist: Wird der Kurs auch funktionieren? "Es wird keinen Schnüffelstaat geben", sagt Söder. Was er meint: Auf öffentlichen Plätzen wird die Polizei kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden. Im privaten Bereich setzt Söder vor allem auf die Vernunft derjenigen, denen er gerade noch Leichtsinn bescheinigt hat. Bei den Jungen gehe es darum, "das Bewusstsein zu schärfen" für die Gefahr der Pandemie. Es gebe junge Menschen, die sich im März angesteckt haben, "die leiden zum Teil immer noch", sagt Söder über mögliche Spätfolgen einer Covid-Infektion. Und er appelliert: "Es geht nicht nur um euch. Es geht auch um die Eltern und Großeltern."

Einen Effekt verspricht sich Söder auch vom Bußgeld, das etwa fällig wird, wenn jemand gegen die Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen verstoßen sollte. Und er vertraut darauf, dass junge Menschen sich auch untereinander sensibilisieren. "Wenn heute jemand ohne Maske in ein Geschäft geht, gibt es auch eine Sozialkontrolle", sagt Söder, der am Dienstag noch weitere Beschlüsse des Kabinetts verkündet. Um für Herbst und Winter gerüstet zu sein, will Bayern zunächst zehn Millionen neuartige Corona-Schnelltests kaufen. Außerdem stellt das Kabinett den Kommunen 50 Millionen Euro für den Kauf von Raumlüftern und Filtern in Schulen und Kitas zur Verfügung.

Wie schnell sich das Virus auf privaten Feiern verbreiten kann, zeigt sich aktuell im unterfränkischen Bad Königshofen. Wegen zahlreicher Corona-Fälle blieben dort am Dienstag alle drei Kitas und sechs Schulen geschlossen, ebenso die Alten- und Pflegeheime der Stadt. Die vielen Fälle führen die Behörden auf eine Hochzeitsfeier am 12. September in der Region zurück. Dort hätten sich 17 Gäste infiziert, Tests am Montag ergaben zwölf weitere Infizierte. Über der 50er-Marke liegen am Dienstag nur Würzburg und München, wo die schärferen Regeln von Donnerstag an gelten sollen, sofern die Infektionen nicht wieder unter die Marke sinken.

Bayerns Junge Liberale ärgern sich derweil darüber, dass nun vor allem das Verhalten junger Menschen im Mittelpunkt steht. Sie fordern: "Hören wir doch bitte auf, generationsübergreifende Schuldzuweisungen zu machen". Rudolf Schlänzer, der Covid-19 hinter sich hat, würde sich auch für Schuldzuweisungen bedanken. "Ich kann mir das nur beim Einkaufen geholt haben", sagt er.

© SZ vom 23.09.2020/mmo
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