Wintersport ohne Schnee:Skifahren lernen auf Teppichen

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Ski-Kurse für Kinder: überlebenswichtig für Eltern - und in Gefahr. (Foto: Uwe Lein/dpa)

In Bayern hat fast jedes Dorf einen Skiklub - selbst in den flacheren Gegenden. Es handelt sich dabei um ein verdecktes Elternentlastungsprogramm. Und es ist in Gefahr.

Glosse von Deniz Aykanat

Tausende Eltern in Bayern fiebern seit jeher einem Tag entgegen: jenem Tag, an dem ihre Kinder alt genug sind, um einen Skikurs zu machen. Die Zukunftsvision, dass man die eigenen Kinder morgens am Lift als Michelin-Männchen verpackt an Skilehrer Toni übergibt und sie völlig ausgepowert erst wieder nach Liftschluss abholt, hält einen am Leben. Man gebe ihnen dann noch ein Schnitzel mit Pommes und lege sie ins Bett, wo sie dank der ganztägigen Frischluftzufuhr und der hohen Dosis an Tageslicht augenblicklich einpennen.

An solchen Tagen kann man selbst die Pisten heruntergleiten, ohne alle fünf Meter Rotznasen putzen oder verlorengegangene Skistecken aufsammeln zu müssen. Denn das macht nun Toni. Toni bringt den Kindern auch Pflug und Parallelschwung bei, während die Erwachsenen endlich mal alleine aufs Klo gehen dürfen.

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In Bayern hat gefühlt jedes Dorf einen Skiklub. Man muss dafür nicht mal am Berg wohnen. Schon kurz hinter Regensburg zum Beispiel sind an der sanftesten Andeutung von einem Hügel Ski-Lifte installiert. Allerdings stehen die gerade natürlich alle still. Damit ist ein bayernweites Elternentlastungsprogramm in Gefahr, denn nichts anderes ist die flächendeckende Versorgung mit Skikursen für Kinder ab drei Jahren. In dem Alter treffen die meisten mit dem Löffel nicht mal den eigenen Mund, aber rasen schon im Schuss den Berg runter? Selbst Eltern, die sonst ihr Kind im Dreirad anschnallen, werden auf der Piste locker.

Weil so ein Tag im Schnee eben schnell rumgeht, und das ist wichtig in der kalten und grauen Jahreszeit. Im Sommer rutscht man einfach 20 Mal die Wasserrutsche im Freibad runter, isst abwechselnd Pommes und Eis und plötzlich ist der Tag rum. Im Winter hat man 20 Bücher vorgelesen, acht Mal staubgesaugt und hundert Mal Kaufladen gespielt, bevor überhaupt die Sonne aufgegangen ist.

Außer es schneit. Dann macht man einfach exakt dasselbe wie im Sommer, nur mit dem Zipfelbob auf Schnee. Aber es schneit ja nicht. Was wird also aus den vielen Skiklubs und den verzweifelten Eltern? In Schwandorf in der Oberpfalz bieten sie jetzt einen "Zwergerl-Mattenkurs" an. Die Kleinen lernen das Skifahren auf weißen Teppichen. Das ist vermutlich nicht tagesfüllend, aber dann können es die Kinder wenigstens, wenn sie mal alt genug sind, dass man sie zu Toni auf den Gletscher raufschicken kann. Sofern es Gletscher dann noch gibt.

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