Diskriminierung:Die Schamlosigkeit der "Zigeunerpolizei"

Lesezeit: 2 min

Vorstellung Forschungsarbeit zur ´Landfahrerzentrale" im BLKA

Das Foto einer historischen Polizeiakte ist anlässlich der Vorstellung der Forschungsarbeit zur "Landfahrerzentrale" gezeigt worden.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Eine Studie zeigt, wie Sinti und Roma in Bayern auch nach dem Ende des Nationalsozialismus von der Polizei benachteiligt und herabgewürdigt wurden.

Von Johann Osel

Sogar die tätowierte KZ-Nummer sei bei Überlebenden als "Identifizierungsmerkmal" in die Akten aufgenommen worden - eine "besondere Schamlosigkeit", sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Oder schon manche Situation bei der Erfassung von "Zigeunern", die in der Diktatur der Ermordung entkommen waren, durch die bayerische Polizei in der jungen Bundesrepublik: Da hätten Beamte mit Maschinenpistolen Wohnanhänger umstellt.

Es geht um die Landfahrerzentrale, damals auch "Zigeunerpolizei", die kurz nach der Gründung des Landeskriminalamts 1946 die Arbeit aufnahm. 1965 wurde sie abgeschafft. In den knapp zwei Jahrzehnten registrierten Beamte die Minderheit, auch nach Prinzipien und Begriffen aus Kaiserzeit, Weimarer Republik und eben NS-Diktatur.

Die Geschichte und ihre "Kontinuitäten und Diskontinuitäten" arbeitet jetzt die Doktorarbeit einer Historikerin auf - eine Auseinandersetzung "mit diesem gesellschaftspolitisch sehr bedeutenden, aber wenig beachteten Thema", wie LKA-Präsident Harald Pickert sagt, sei der Behörde ein Anliegen. Eine "Lehre" daraus sei, "schon in der Ausbildung noch stärker dafür zu sensibilisieren, welchen Verletzungen Sinti und Roma in der Vergangenheit ausgesetzt waren, und die eigene Verantwortung dafür aufzuzeigen, dass sich so etwas nicht wiederholen kann". Die wissenschaftliche Arbeit stammt quasi aus dem eigenen Haus.

Kriminalhauptkommissarin Eveline Diener hat sich in den vergangenen sieben Jahren parallel zu ihrem Job bei der Prävention des LKA in einer Promotion an der Fernuniversität Hagen der Landfahrerzentrale gewidmet. Die kürzlich publizierte Dissertation wurde am Dienstag vorgestellt. Sie konnte dafür einen bisher kaum erschlossenen Bestand an Quellen und Unterlagen der Behörde nutzen. Zur Unterstützung des Projekts durch das LKA zählt auch eine Teilfreistellung. Ihr Doktorvater versicherte am Dienstag die "Distanz und wissenschaftliche Unabhängigkeit".

Vorstellung Forschungsarbeit zur ´Landfahrerzentrale" im BLKA

Eveline Diener ist Kriminalhauptkommissarin und Erstellerin der Forschungsarbeit zum Vorgehen gegen Sinti und Roma.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Diener arbeitete heraus, dass Bayern früh eine Vorreiterrolle im Vorgehen gegen Sinti und Roma einnahm. Um die Jahrhundertwende entstand in München unter Ägide von Alfred Dillmann, Polizeipräsident im Königreich Bayern, eine "Zigeunerzentrale", 1905 kam das "Dillmannsche Zigeunerbuch", das Informationen sammelte und dezentral verbreitete - gegen den "schädlichen Fremdkörper" mit "unsteter Lebensführung und ihrem Hange zu unrechtmäßigem Vermögenserwerb".

1926 wurde das "Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen" verabschiedet, Bayern prägte in der Weimarer Republik die nationale Polizeipolitik dazu. Die Nationalsozialisten, so Diener, hätten schließlich die Münchner Zentralstelle mitsamt Personal und Unterlagen nach Berlin umgesiedelt. Gleichwohl setzte dann ein grausamer Vollzug ein, mit Reichssicherheitshauptamt und staatlicher Rassenhygiene.

Die Sprach-Codes der Nationalsozialisten blieben

1946 wurde bei diesem Thema dann laut der Historikerin "das Ende des NS-Regimes nicht als Bruch" betrachtet. Die Landfahrerzentrale arbeitete zudem mit den Entschädigungsbehörden für Opfer zusammen, selten aber nur mit positivem Bescheid: Gutachten rechtfertigten Verfolgung als polizeipräventive Maßnahme. Auch die "Sprach-Codes" in Schriftstücken seien "relativ unverändert" geblieben.

Als Basis sieht Diener hier auch die "stark antiziganistische Haltung" in großen Teilen der damaligen Bevölkerung. Und doch kam es, seit Mitte der Fünfzigerjahre, zu Änderungen: So seien Anfragen an lokale Polizeibehörden zur Meldung der Minderheit unbeantwortet geblieben, es gab insgesamt einen Generationenwechsel, auch Distanzierungen innerhalb des LKA von der Stelle.

Vorstellung Forschungsarbeit zur ´Landfahrerzentrale" im BLKA

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, lobte die historische Aufarbeitung. Zudem könne er sich eine weiterführende Untersuchung vorstellen.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Romani Rose lobt, die Polizistin und Historikerin habe den bisher lückenhaften Kenntnisstand "enorm erweitern und empirisch unterfüttern" können. Er könne sich aber eine weiterführende Untersuchung der Kontinuität nach 1965 durch unabhängige Historiker vorstellen. So habe es auch später etwa eigene Kürzel für Sinti und Roma in Polizeicomputern gegeben.

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