Signalkrebse bedrohen heimische ArtenBarrieren gegen den amerikanischen Aggressor

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Der Signalkrebs ist dem heimischen Edelkrebs recht ähnlich, zumindest für Laien.
Der Signalkrebs ist dem heimischen Edelkrebs recht ähnlich, zumindest für Laien. A. Trepte/Imago

Vor mehr als 100 Jahren schon wurde der Signalkrebs in heimischen Gewässern ausgesetzt - und zur massiven Gefahr  für Stein- und Edelkrebse. Nun will man wenigstens die Restbestände der Steinkrebse schützen – mit einer einfachen Methode.

Von Christian Sebald, Freyung-Grafenau

Der Steinkrebs und der Edelkrebs waren einst sehr häufig in Bayerns Bächen und Flüssen. „Es gibt Berichte, nach denen man sie in früheren Zeiten nach Hochwässern von den Bäumen schütteln konnte“, sagt Johannes Schnell. Der Biologe ist passionierter Angler und außerdem Leiter des Referats Gewässer- und Naturschutz beim Landesfischereiverband (LFV). Er gilt als profunder Kenner des Artenspektrums in den heimischen Gewässern.

„Außerdem gab es in einzelnen Regionen Regelungen, dass man Hausangestellten und Knechten nicht mehr als zweimal in der Woche Krebse zum Essen vorsetzen durfte“, sagt Schnell. „Und zwar, um sie bei Laune zu halten und ihnen Abwechslung auf dem Speisezettel zu bieten.“ Krebse waren demnach lange Zeit keine Delikatesse, sondern ein Allerweltsessen.

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Das ist inzwischen anders. Austropotamobius torrentium und Astacus astacus, wie Wissenschaftler Steinkrebs und Edelkrebs nennen, werden längst auf der Roten Liste geführt und sind streng geschützt. Vor allem der Steinkrebs ist extrem selten und kommt nur noch in einigen wenigen sehr sauberen und naturnahen Bachoberläufen in den Mittelgebirgen von Spessart bis Bayerischem Wald sowie im oberbayerischen und Allgäuer Alpenvorland und den Bergen vor.

Der Biologe Schnell schätzt, dass es bayernweit noch höchstens 60 Gewässerabschnitte mit heimischen Krebsen gibt. Was deren Zukunft anbelangt, ist er skeptisch. „Wenn sich der Schwund fortsetzt wie bisher, dann dauert es vielleicht 20 oder 30 Jahre, bis auch diese Populationen der Vergangenheit angehören“, sagt Schnell.

Es gibt viele Gründe für die dramatischen Verluste. Die Begradigung, Kanalisierung und Verrohrung unzähliger Bäche überall in Bayern zählen dazu. Der wichtigste Grund aber, gerade in den vergangenen 100 Jahren, ist das Überhandnehmen des amerikanischen Signalkrebses (Pacifastacus leniusculus) in den bayerischen Bächen. Da ist sich die Fachwelt einig.

Signalkrebse sehen – gerade für Laien – ähnlich aus wie Edelkrebse, vor allem was ihre Größe und Gestalt anbelangt. Außerdem haben sie eine ähnliche Lebensweise und vergleichbare Ansprüche an ihre Umwelt. So kann man es in einem Merkblatt des Landesamts für Umwelt (LfU) nachlesen, das für den Artenschutz in Bayern und den Erhalt der Vielfalt auch in den Gewässern des Freistaats zuständig ist.

So sieht die Krebssperre aus, die das Landesamt für Umwelt jetzt an einem kleinen Bach im Bayerischen Wald hat installieren lasssen.
So sieht die Krebssperre aus, die das Landesamt für Umwelt jetzt an einem kleinen Bach im Bayerischen Wald hat installieren lasssen. Christoph Graf/LfU

Insbesondere in den 1960er-Jahren brachte man Signalkrebse aus Nordamerika nach Mitteleuropa und setzte sie in den hiesigen Gewässern aus, auch in Bayern.  Der Grund war laut LfU der damalige Glaube, mit dem amerikanischen Signalkrebs eine „Krebspest-resistente Alternative“ zum heimischen Edelkrebs zu haben.

Die Krebspest ist eine Pilzkrankheit, die für die heimischen Edelkrebse und Steinkrebse tödlich verläuft. Sie kann binnen weniger Wochen ganze Bestände dahinraffen. „Der amerikanische Signalkrebs hingegen ist gegen die Krebspest immun“, sagt der Biologe Schnell. „Die Krankheit macht ihm nichts aus.“ So wie die Krebspest auch für Menschen und Säugetiere völlig ungefährlich ist, sie befällt ausschließlich Krebstiere.

Was seinerzeit nicht bedacht wurde, ist, dass Signalkrebse allerdings sehr wohl Überträger der Krebspest sind. „Mit ihrem Aussetzen hat man die Ausbreitung der Krebspest unter den heimischen Krebsarten rasant beschleunigt“, sagt Schnell. „Und damit natürlich auch ihr Aussterben.“

Das Blech ist so glatt, da kommt der Signalkrebs weder schwimmend noch kletternd drüber

Hinzukommt, dass Signalkrebse vergleichsweise aggressive Tiere sind. Vermehrungsfreudiger als die heimischen Krebsarten sind sie außerdem. Und sie gelten als Profiteure der Klimakrise. Das Einsetzen von Signalkrebsen in heimische Gewässer ist denn auch längst strikt verboten.

Gleichwohl bleiben die Signalkrebse auf dem Vormarsch. Massenhafte Fänge, etwa mit Reusen, und der Besatz besiedelter Gewässer mit Raubfischen haben sich bisher als wirkungslos erwiesen. Beim LfU setzen sie deshalb jetzt auf sogenannte Krebssperren. Dazu lassen sie Bauwerke, Solabstürze oder Verrohrungen in Bächen mit Steinkrebs-Vorkommen zu Barrieren für Signalkrebse umbauen.

So eine Krebssperre funktioniert recht einfach und ist wenig aufwendig, bei Bedarf kann sie zudem schnell wieder abgebaut werden. Denn das jeweilige Bauwerk wird dafür einzig mit glattem Blech aus Edelstahl ausgekleidet, so wie kürzlich an einem winzigen Bachobverlauf im Landkreis Freyung-Grafenau. Dort ließ das LfU einen alten gemauerten Solabsturz zu einer solchen Krebssperre umbauen.

„Die Methode ist tatsächlich sehr effektiv“, sagt Schnell, „denn die Signalkrebse können die Blechverkleidung nicht überwinden.“ Und zwar weder schwimmend noch kletternd, wie sie beim LfU betonen. Die Steinkrebs-Population oberhalb der Sperre ist vor den Signalkrebsen geschützt. Damit der Steinkrebs in Bayern nun wenigstens eine Überlebenschance, sagt Schnell.

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