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Baudenkmäler:Bayerns Erbe für die Welt

Kurort Bad Kissingen

Die 90 Meter lange Wandelhalle im Kurpark Bad Kissingen, die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde.

(Foto: D. Karmann/dpa)

Sankt Martin, Olympiapark, Kulturlandschaften: Eine ganze Reihe bayerischer Sehenswürdigkeiten wartet auf die Adelung durch die Unesco.

Unvergessen, wie der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vor fünf Jahren in seiner Rede beim Politischen Aschermittwoch in Passau frohlockte, Bayern sei die Vorstufe zum Paradies. Diese Belobigung saß, aber auf den zweiten Blick besagt sie eben auch, dass Bayern auf dem Weg zur Vollkommenheit erst eine Vorstufe erreicht hat, nicht einmal dabei läuft alles perfekt. So ist zum Beispiel die Zahl der Unesco-Welterbestätten, die Bayern vorweisen kann, noch überschaubar. Momentan sind es acht an der Zahl, die diesen Ruhm für sich in Anspruch nehmen dürfen, nämlich die Residenz Würzburg, die Wieskirche, die Altstädte von Bamberg und Regensburg, der obergermanisch-raetische Limes, die prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen, das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth und das Wassermanagement-System von Augsburg.

Dabei wird es aber nicht bleiben, denn der Drang, auserwählt zu werden, hat sich im vergangenen Jahr spürbar verstärkt. Wie das bayerische Wissenschaftsministerium bestätigte, sind zahlreiche neue Bewerbungen für die Aufnahme in das Weltkulturerbe eingegangen, die gerade geprüft werden. In ein bis zwei Wochen, so teilte das Ministerium mit, werde feststehen, welche Anträge an die Deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) weitergereicht werden. Dort fällt dann die Entscheidung, welche Bewerber aus Deutschland bei der Unesco für die Aufnahme in das Weltkulturerbe vorgeschlagen werden.

Es ist kein Geheimnis, dass sich in Landshut ein neuer Verein für die Stiftsbasilika Sankt Martin stark macht, der Vereinsname ist quasi Programm: Weltkulturerbe St. Martin. Kürzlich führten die Mitglieder bei einer Führung schlagende Argumente für die Aufnahme der Kirche in das Weltkulturerbe auf. Allein schon der Ort am Eingang zur Landshuter Altstadt ist so genial gewählt, dass der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein einst schwören wollte, er habe nie eine Kirche schöner dastehen sehen. Sie zählt zweifellos zu den bedeutendsten Kirchenbauten in Deutschland, ihr gut 130 Meter hoher Ziegelturm und die verwegene Statik suchen in der ganzen Welt ihresgleichen. Auch wenn für Sakralbauten das Weltkulturerbe-Tor eigentlich geschlossen ist - der Naumburger Dom ist zuletzt nur mit Müh und Not durchgeschlüpft - so sehen die Befürworter in diesem Landshuter Bauwerk alle Voraussetzungen erfüllt, um von der Unesco als technisches Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Wissenschaftsminister Bernd Sibler ließ sich von den vielen Argumenten überzeugen und nahm bereitwillig den Auftrag des Vereins an, die Anmeldung zum Weltkulturerbe im Ministerium vorzubereiten.

Bis zur Aufnahme ist es freilich ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld und Ausdauer braucht. Und manchmal auch eine gewiefte Strategie. Ein gutes Beispiel sind die Königsschlösser Ludwigs II., die bei vielen Besuchern den Eindruck erwecken, als seien sie schon längst in den Olymp des Weltkulturerbes aufgerückt. Selbst eine Sprecherin im Unesco-Büro in Bonn äußerte sich am Dienstag am Telefon überrascht, dass die Schlösser noch nicht zu den weltweit insgesamt 1121 Weltkulturerbestätten zählen. Schon seit Jahrzehnten fordern viele die Aufnahme der drei Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof ins Weltkulturerbe. Um die Sache zu forcieren, kam man vor gut zehn Jahren auf die Idee, einen gemeinsamen Antrag mit den Rumänen zu stellen. Denen geht es nämlich mit ihren Königsschlössern Peles und Peliso so ähnlich wie den Bayern mit Ludwigs Erbe. Sie sind spektakulär gebaut, werden von Touristen überrannt, zählen aber nicht zum Weltkulturerbe. Die Rumänen spielten aber letztlich doch nicht mit.

Die Königsschlösser sind mittlerweile trotzdem auf einem guten Weg. Sie haben es nun nach langer Wartezeit als nationaler Vorschlag der KMK auf die Tentativliste geschafft. Dort harren noch weitere Bewerber mit bayerischem Bezug auf ihre Beförderung zum Weltkulturerbe. Zum Beispiel die alpinen und voralpinen Wiesen- und Moorlandschaften (Historische Kulturlandschaften im Werdenfelser Land, Ammergau, Staffelseegebiet und Murnauer Moos, Landkreis Garmisch-Partenkirchen). Über den Vorschlag "Bedeutende europäische Bäder des 19. Jahrhunderts", zu denen neben Baden-Baden und Bad Ems auch Bad Kissingen zählt, soll bereits bei der nächsten Sitzung des Welterbe-Komitees im Sommer entschieden werden.

Die Listen der Unesco

46 der insgesamt 1121 Unesco-Welterbestätten liegen in Deutschland, acht davon in Bayern. Diese Denkmäler gelten als so wichtig für die Menschheit, dass Erfassung, Schutz und Erhalt von der Unesco unterstützt werden. Die Unesco (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation mit Sitz in Paris.

Welterbe-Stätten haben nach der Welterbe-Konvention eine "außergewöhnliche Bedeutung" und müssen "als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden". 43 der deutschen Welterbestätten gelten als Kulturdenkmal, drei weitere wie das Wattenmeer in der Nordsee als Naturdenkmal. Diese Welterbestätten sollen Lernorte sein, an denen Bürger sich informieren können. In Deutschland entscheiden die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Auswärtige Amt darüber, welche Stätten bei der Unesco eingereicht werden. Das letzte Wort hat das Welterbe-Komitee, das sich aus Vertretern von 21 gewählten Mitgliedsstaaten zusammensetzt, die jedes Jahr im Sommer tagen. Deutsche Kandidaten sind 2020 die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe und die Bäder in Bad Kissingen, Bad Ems und Baden Baden. 2019 wurden das Augsburger Wassermanagementsystem und die Montanregion Erzgebirge Kruśnohoří Weltkulturerbe. Auf der Tentativliste der KMK sind Kandidaten für künftige Nominierungen festgehalten, die in Zukunft der Unesco vorgeschlagen werden sollen.

Neben der seit 1978 existierenden Welterbe-Liste gibt es das immaterielle Kulturerbe, das 2003 initiiert wurde. Als solches gelten Bräuche, Naturwissen, Handwerkstraditionen, Ausdrucksformen oder darstellende Künste. 97 Einträge umfasst das deutsche Verzeichnis. Darüberhinaus gibt es drei internationale Unesco-Listen mit insgesamt 549 Bräuchen, Riten oder Kulturtechniken. Auf der repräsentativen Liste sind vier deutsche Beispiele registriert: die Falknerei, Orgelbau, Blaudruck und Genossenschaften. Dazu kommen die Listen der bedrohten Bräuche und positiver Praxisbeispiele. angu

Wie kompliziert sich gerade länderübergreifende Bewerbungen gestalten, zeigt ein weiterer Bewerber auf der Tentativliste, nämlich der Donaulimes. Dieser Vorschlag wurde bereits im Vorjahr auf der Welterbe-Komiteesitzung behandelt, aber aus formalen Gründen zurückgestellt. Da der Donaulimes von Niederbayern bis Ungarn mehrere Länder berührt, handelt es sich nicht um einen eigenständigen deutschen Antrag. Letztlich reichte Ungarn das gemeinsam ausgearbeitete Papier ein.

Zu den Bewerbern, die ins Weltkulturerbe aufgenommen werden wollen, gehört mittlerweile auch die Stadt München. Der Stadtrat hat sich im Jahr 2018 dafür ausgesprochen, mit dem Olympiapark ins Rennen zu gehen. Allerdings steht man in der Warteliste noch weit hinten, es dürfte noch Jahre dauern, bis die Unesco über die Aufnahme entscheidet. Das Prozedere bis zur Eintragung in die Welterbeliste stellt sich für die Bewerber wie folgt dar: Der jeweilige Kandidat oder ein Vertreter arbeitet einen Antrag unter Begleitung des Ministeriums und des Landesamts für Denkmalpflege aus. Der Antrag wird dann formal durch das zuständige Landesministerium unterzeichnet und an die Kultusministerkonferenz weitergeleitet, die eine sogenannte Tentativliste führt. Das Auswärtige Amt reicht dann die nationalen Vorschläge durch den deutschen Unesco-Botschafter bei der Unesco in Paris ein.

Mathias Pfeil, der Generalkonservator des Landesamts für Denkmalpflege, äußerte sich mit Blick auf den Olympiapark nach dem Beschluss des Stadtrats optimistisch: "Wenn der Antrag ausgearbeitet ist, dann hat er sehr gute Chancen", sagte er. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es - im Gegensatz zu Kirchenbauten - erstaunlicherweise weltweit nur wenige Denkmäler aus dem weiten Feld des Sports gibt.

© SZ vom 19.02.2020
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