Süddeutsche Zeitung

Schwaben:Unbekannte lockern Radmuttern

Immer öfter wird an parkenden Autos manipuliert - allein in Nordschwaben zählte die Polizei in diesem Jahr schon 100 Fälle. An Zufälle glaubt niemand mehr. Das Motiv der Täter gibt Rätsel auf.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Es ist nicht mehr passiert als ein Sachschaden, berichtet die Polizei, da hatte der 64-Jährige Glück. Nachmittags war er mit seinem Auto auf einer Kreisstraße nördlich von Donauwörth unterwegs, von Harburg in Richtung Schaffhausen, als sich kurz vor einem Kreisverkehr plötzlich das linke Vorderrad löste. Der Mann schaffte es, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten und zum Stillstand zu bringen, andere Wagen waren von dem Unfall nicht betroffen. Offenbar hatte jemand an seinem Auto die Radmuttern gelockert.

Der Unfall des 64-Jährigen ist nur eines von etlichen Beispielen, bei denen an parkenden Autos im nördlichen Schwaben in diesem Jahr Radmuttern gelockert wurden. Das Polizeipräsidium Schwaben Nord hat in seinem Einzugsgebiet seit Januar 100 Fälle gezählt und deshalb bereits eine Aufklärungskampagne gestartet. An Zufall glaubt in den Landkreisen Donauwörth, Dillingen und im Augsburger Land niemand mehr. Offenbar gibt es einen oder mehrere Täter, die wahllos Radmuttern an parkenden Autos lösen, ohne dass ein Motiv zu erkennen wäre oder ein Zusammenhang zwischen den Geschädigten herzustellen wäre. Die Polizei ermittelt großflächig, will aber nichts zur Ermittlungstaktik sagen: "In solchen Fällen einen Täter zu ergreifen, ist eine Herausforderung", sagt ein Sprecher des Präsidiums.

Bislang sind die meisten der 100 Fälle glimpflich ausgegangen. Das Präsidium berichtet von fünf Vorfällen, bei denen sich während der Fahrt ein Rad komplett gelöst hat, jeweils ohne Personenschaden. Einen Unfall gab es auf der A 8, auch hier gab es keinen Personenschaden. Immer wieder heißt es in den täglichen Pressemeldungen, dass hier ein Fahrzeughalter mitteilte, dass an seinem Wagen alle fünf Radmuttern des linken Vorderrads gelöst wurden und dort ein Fahrer die Polizei verständigte, weil an seinem Familienwagen alle Radmuttern zugleich nicht mehr fest sitzen. Die Autos parken jeweils an Straßen oder vor der Garage der Eigentümer. Es sind auch Fälle überliefert, etwa in Blindheim, bei denen Wagen manipuliert wurden, die in einer frei zugänglichen Tiefgarage eines Wohnhauses standen.

"Solche Taten sind keinesfalls als Scherz oder Kavaliersdelikt zu werten", heißt es bei der Polizei. Paragraf 315b Strafgesetzbuch regelt, dass solche Taten, die auch Leib und Leben von Menschen bedrohen, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden können. Das Präsidium empfiehlt inzwischen allen Autofahrern in seinem Gebiet, vor der Fahrt einmal um das Auto zu gehen und nach Beschädigungen zu sehen. Wer klackende Geräusche hört oder bei wem die Lenkung beeinträchtigt ist, soll unverzüglich anhalten. Bei höherer Geschwindigkeit jedoch, etwa von Tempo 60 an, warnt die Polizei, könnten die Geräusche gar nicht mehr wahrnehmbar sein.

Auch in Franken gab es einmal eine ähnliche Serie, bei der gehäuft gelockerte Radmuttern gemeldet wurden. Eine Ermittlungsstrategie aufzubauen ist allerdings schwierig, wenn Geschädigte und Tatorte willkürlich ausgewählt werden und das Motiv des Täters unklar ist. Oft hilft am Ende der Zufall, wie zuletzt in Unterfranken. Dort suchte die Polizei monatelang nach einem Autokratzer, der ebenso wahllos parkende Wagen beschädigte und damit an etwa 400 Fahrzeugen einen Schaden von knapp 500 000 Euro verursachte. Schließlich hörte nachts eine Anwohnerin verdächtige Geräusche und alarmierte Einsatzkräfte, die einen 26 Jahre alten Studenten festnahmen. Auf so einen Zufall hofft nun auch die Polizei in Schwaben. Wobei sich, das betonen die Ermittler schon, Radmuttern auch bei unsachgemäßer Handhabung lockern können. Aber halt aller Wahrscheinlichkeit nicht so oft wie momentan in Schwaben.

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Quelle:
SZ vom 24.09.2020/vewo
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