Schulstart:Ein Klassenstörer namens Omikron

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Schulstart: Noch sind Ferien, aber derzeit hält das Ministerium am Präsenzunterricht fest: Die Stühle stehen auf den Tischen in einem Klassenzimmer der St.-Martin-Schule in München.

Noch sind Ferien, aber derzeit hält das Ministerium am Präsenzunterricht fest: Die Stühle stehen auf den Tischen in einem Klassenzimmer der St.-Martin-Schule in München.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

"Wir werden mit Präsenzunterricht starten": Für diese Zusicherung erntet der Kultusminister viel Zuspruch. Allerdings sind noch ein paar praktische Fragen zu klären.

Von Viktoria Spinrad, München

Die Erleichterung ist vielerorts groß: Vom kommenden Montag an können die 1,6 Millionen Schüler in Bayern wieder zurück an die Schulen. Das versicherte Kultusminister Michael Piazolo am Montagabend im Bayerischen Fernsehen. "Wir wollen Präsenzunterricht, wir hatten Präsenzunterricht, wir werden in der nächsten Woche so wie andere Bundesländer auch mit Präsenzunterricht starten", sagte er. Zumindest vorerst wird es also kein flächendeckendes Homeschooling geben.

Da gibt es selbst von der Opposition Applaus. "Ich bin ganz begeistert. Unsere Kinder hat man lange genug in Haftung genommen", sagt der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Markus Bayerbach (AfD). Etwas verhaltener spricht der bildungspolitische Sprecher der FDP, Matthias Fischbach, von einem "Schritt in die richtige Richtung". Derweil sieht seine Amtskollegin Simone Strohmayr (SPD) das Schlimmste vorerst abgewendet: "Schulschließungen wären untragbar", sagt sie. "Das würde bei vielen Kindern zum Totalzusammenbruch führen."

Die Verunsicherung darüber, wie es nach den Weihnachtsferien an den mehr als 6000 Schulen im Freistaat weitergeht, war mit der Ankunft der hochansteckenden Omikron-Variante zuletzt groß gewesen. Lehrerverbände hatten zudem gemahnt, die Schulen um jeden Preis offenzuhalten. So hatte der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Hans-Peter Meidinger bekräftigt, dass mit Omikron in Zukunft wohl mehr Schulen dichtmachen werden müssen. Freilich nach einer Einzelfallprüfung durch das örtliche Gesundheitsamt und nicht als flächendeckende politische Anordnung - dafür fehlt seit dem Auslaufen der epidemischen Lage auf Bundesebene die Rechtsgrundlage.

Dennoch saßen im Dezember Tausende Schüler in Bayern zuhause. Das Gesundheitsministerium hatte verordnet, dass bei einem Omikron-Verdacht die ganze Klasse in Quarantäne muss, auch geimpfte Schüler. Entsprechend groß ist die Sorge, dass die Regelung in den kommenden Wochen die bayerischen Schulen lahmlegt, wenn die zwar offenbar relativ zahme, aber hochansteckende Virusvariante um sich greift. Um das zu verhindern, wollen sich die Kultusminister der Länder am Mittwoch zusammenschalten. Am Freitag wollen Bund und Länder unter anderem über eine Verkürzung von Quarantänefristen beraten. Fischbach plädiert dabei für Konsistenz im Freistaat: "Gleiche Sachverhalte sollten von den Gesundheitsämtern auch gleich entschieden werden."

In Großbritannien und den USA waren seit Omikron zuletzt mehr Kinder hospitalisiert worden. Experten schreiben dies aber vor allem Zufallsdiagnosen und der hohen Ansteckungskraft der Variante zu. Deutsche Kinderärzte hatten in einer gemeinsamen Stellungnahme kürzlich Entwarnung gegeben. Die Erkrankungsschwere liege nach neuen Erkenntnissen in allen Altersgruppen deutlich unter der der Delta-Variante, so die Experten. In Bayern sind bisher laut den Daten des Robert-Koch-Instituts bereits mehr 60 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen erstgeimpft, 54 Prozent vollständig. Bei den Kindern zwischen fünf und elf Jahren ist es derweil mit mehr als 80 000 bisher nur ein Bruchteil. Die Ressentiments vieler Eltern sind groß, viele befürchten eigentlich längst widerlegte Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit.

Andere fürchten vor allem das Virus und hadern, ihr Kind in der kommenden Woche überhaupt in die Schule zu schicken. "Reihenweise Zuschriften" erhalte sie von besorgten Eltern, die ihre Kinder krankschreiben wollten, berichtet Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV). Das Schuljahr werde "nichts an Normalität haben, weder aus Eltern-, noch aus Lehrer- und Schülersicht", prognostiziert sie. Ähnliches befürchtet auch der Sprecher der bayerischen Gymnasiallehrer, Michael Schwägerl. "Wir wollen nicht wieder über Monate hinweg mit Wechselunterricht, Teilöffnungen und Teilschließungen operieren", sagt er.

Auf? Zu? Oder lieber doch nur ein bisschen auf? Zu einer klaren Aussage, wie es nun längerfristig weitergeht, hatte sich auch der Kultusminister im BR-Gespräch nicht hinreißen lassen. "Wir sollten nach zwei Jahren Corona gelernt haben, dass wir nicht Monate im voraus planen können", sagte er. Man müsse die Entwicklung von Omikron "intensiv beobachten". Ein für viele Eltern zwar unzufriedenstellender Auftritt, aber auch eine ehrlicher - in dem Fleischmann eine klare Ansage vermisste, die Erwartungshaltung runterzuschrauben. Zwar hatte das Kultusministerium die Lehrer in einem Schreiben dazu aufgerufen, Fingerspitzengefühl beim Lehrplan und der Zahl der Proben walten zu lassen. "Ein Schreiben der leisen Zwischentöne verändert die Lern- und Leistungskultur im scharfen bayrischen Selektionssystem aber nicht", moniert sie.

Schulen flächendeckend auf Biegen und Brechen offenzulassen, das lehnt auch Fleischmann ab. "Wenn die Bordcrew nicht da ist, wird auch der Flug gestrichen", sagt sie. Heißt: Sind zu viele Lehrer in Quarantäne oder krankgeschrieben, muss es eben doch ins Homeschooling gehen. Dessen Erfolg hängt dann an "Visavid", einem Videokonferenzsystem der Firma Auctores aus Neumarkt in der Oberpfalz. Das Programm funktioniert ähnlich wie Microsoft Teams, gilt aber als datenschutzsicherer und muss nicht extra installiert werden. Fischbach (FDP) plädiert dafür, das Programm zeitig einem Belastungstest auszusetzen, um ein Abstürzen der Server zu verhindern. Wenn es drauf ankommt, "dann sollte Visavid schon laufen", sagt er.

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