Für Schummler bricht in Bayern gerade ein goldenes Zeitalter an. Wer früher versuchte, mit überschaubarem Aufwand durch die Schulzeit zu rutschen, schrieb sich vor der Mathe-Arbeit die Mitternachtsformel auf den Oberarm. Oder er versteckte für die Lateinstunde Vokabellisten im Federmäppchen. Es half indes wenig: Die quadratischen Gleichungen blieben dem derart vorbereiteten Schüler oft genug trotzdem ein Rätsel, Caesars Schlachtpläne ein unverständliches Unterfangen.
Wie viel bequemer trickst es sich dagegen heute: Ein Handy in der hochgezogenen Tennissocke löst per ChatGPT in Minuten gleich die ganze Rechengleichung. Oder es schreibt den vollständigen Übersetzungstext. Und wo das Smartphone vorsorglich eingesammelt wird, entwickeln sich in rasendem Tempo noch raffiniertere Spick-Möglichkeiten: Ein Hemd mit Kamera im Knopfloch, ein kaum sichtbarer Kopfhörer, der mit dem Handy verbunden die Lösung einflüstert oder ein Stift, der den Text scannt.
Für die Pauker ist das ein Graus, wie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) vergangene Woche in einem offenen Brief an Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) beklagte. Auch die vom Kultusministerium veröffentlichten Tipps, wie die neuen Täuschungsversuche aufzuspüren sind, helfen den Lehrern demnach nicht. Um etwa Handys zu entdecken, sollen Pädagogen während der Prüfung auf „aktives nach unten schauen oder eine besonders nach vorne gebeugte Haltung“ achten, liest man dort.
„Leises Flüstern in einen Ärmel“ könne ein Zeichen für den Einsatz einer Smartwatch sein. Auch die „Revers- oder Brustpartie“ der Schüler sollen die Lehrer genau kontrollieren. In dort angebrachten auffälligen Schmuckstücken könnten sich Kameras verstecken. Der Lehrerverband protestiert: Es sei „aus naheliegenden Gründen nicht zumutbar, dass Lehrkräfte die Brustpartie von Schülerinnen und Schülern in Augenschein nehmen“.
Statt neue Aufgaben als Hilfs-Sheriff wünschen sich die Lehrer „einfach umsetzbare, technische Regelungen, beispielsweise zur Blockade des Datenverkehrs“. Diese wird es indes nicht geben, wie das Ministerium am Dienstag mitteilte. Der Einsatz von Frequenzstörern, die das Mobilfunksignal, WLAN oder GPS blockieren, sei in Schulen in Deutschland rechtlich unzulässig und strafbar. Störsender führten an Schulen außerdem zu einem Sicherheitsrisiko, da man dann auch keine Notrufe mehr absenden könne. Auch seien sie für Menschen mit medizinischen Geräten wie Herzschrittmachern ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Schummeln mit KI ist damit weiterhin verboten, aber technisch trotzdem leicht wie nie.


