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Ausnahmesituation bis ins neue Schuljahr:Worauf sich Schüler und Lehrer jetzt einstellen müssen

Abiturienten während einer Prüfung in Berlin

Auch Bayerns Schüler werden, wie die Abiturienten in Berlin, bei ihren Prüdungen viel Platz haben.

(Foto: Tobias Schwarz/ AFP)

In Schulen wird es Masken geben, Risikogruppen dürfen daheim bleiben. Und: Die Lehrpläne sollen zu einem Basiswissen zusammengestrichen werden. Ein Ausblick auf die kommenden Monate.

Die Ausnahmesituation an den bayerischen Schulen wird weit bis ins neue Schuljahr andauern. Das machte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am Mittwoch in München deutlich. "Mein Ziel ist es, dieses Jahr alle Schüler in die Klassen zu bringen, damit sie die Schule von innen sehen", sagte Piazolo. Dieses Jahr wohlgemerkt, nicht dieses Schuljahr, das in drei Monaten endet. Gesundheit stehe an erster Stelle, so der Minister. Daher wolle er behutsam vorgehen und die Schüler nur schrittweise, abhängig vom Infektionsgeschehen, in Abstimmung mit den anderen Bundesländern und dem Kanzleramt zurückholen. Klar sei, dass weder in diesem Schuljahr noch zu Beginn des kommenden Schulalltag einkehre. "Ich gehe davon aus, dass wir auch im nächsten Schuljahr vorsichtig sein müssen." Dann werde man neu überlegen, ob und wie Unterricht möglich ist. Solange es keine Medikamente gegen Covid-19 und keinen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gebe, sei Vorsicht geboten.

Den Anfang machen am Montag alle Schüler, die in den kommenden Wochen ihren Abschluss schreiben. An diese fast 223 000 jungen Männer und Frauen möchte Piazolo nun doch Gesichtsmasken verteilen lassen. Entschieden ist das aber noch nicht. Den Lehrern wird das Ministerium Masken bereitstellen, eine Maskenpflicht soll es in Schulen aber nicht geben, anders als in Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr. Schüler und Lehrer hatten das in der Vergangenheit wiederum scharf kritisiert. Zwar werden die Klassen nun halbiert, die Tische eineinhalb Meter auseinander geschoben, Jugendliche dürfen nur einzeln auf die Toilette gehen und sich nicht in Fluren sammeln. Aber einige bezweifelten die Sinnhaftigkeit dieser Hygienemaßnahmen, wenn Schüler und Lehrer stundenlang in einem Raum zusammensitzen. Persönlich halte er Masken in der Schule "durchaus für angemessen", sagte Piazolo dazu, etwa bei Toilettengang oder der Ankunft in der Schule. Unterricht mit Maske halte er dagegen für weniger sinnvoll - auch weil die Masken beim längeren Tragen durchfeuchten und ihre Schutzwirkung nachlässt.

Schüler, die zu Risikogruppen gehören oder psychische Probleme haben, können sich mit einem Attest oder Gutachten vom Präsenzunterricht befreien. Für Lehrer gilt Dienstpflicht, aber zum Unterricht der Abschlussklassen müssen Risikogruppen - Schwangere, chronisch Kranke und Über-60-Jährige - nicht in die Schulen kommen. Sie alle sollen sich um die Betreuung der daheim lernenden Kinder kümmern. Offen und abhängig vom Infektionsgeschehen bleibt, ob am 11. Mai jene Schüler in die Schulen zurückkehren, die im kommenden Schuljahr ihren Abschluss machen sowie vielleicht die Viertklässler. Zurück wären dann 40 Prozent der 1,6 Millionen Schüler, was manche Schule vor logistische Probleme stellen dürfte.

Piazolo appellierte daher an die Solidarität in dieser Sondersituation und stimmte Eltern, Lehrer und Schüler auf Schichtbetrieb in Schulen und längeres Lernen daheim ein. Besonders die Eltern seien gefragt, den Druck nicht zu hoch werden zu lassen. Die Lehrpläne sollen zusammengestrichen werden, Basiswissen nennt Piazolo das. Neue Richtlinien fürs Lernen daheim werden seit Montag verschickt. Im Detail unterscheiden sie sich je nach Schulart. Generell gilt, dass Lehrer engen Kontakt zu ihren Schülern halten, Aufgaben per E-Mail oder Post schicken, laufend Feedback geben, den Lernfortschritt kontrollieren und Wochen- sowie Tagespläne erstellen sollen. Tests sind erlaubt, benotet wird erst, wenn Schulstunden stattfinden.

Ziel des Lernens daheim sei aber nicht, den Lehrplan durchzubekommen, sagte Piazolo. "Wir werden auch im nächsten Schuljahr nicht einfach den Stoff durchziehen." Pläne zum Übergang würden gerade entwickelt, auch Computer-Leihgeräte für Kinder ohne entsprechende Ausstattung daheim sollen organisiert werden. Das Thema Chancengerechtigkeit sei ihm bewusst. Auch hierzu hatten Lehrer und Eltern zuletzt große Sorgen geäußert, weil manche Kinder wochenlang nicht greifbar waren. Der Minister versuchte zu beschwichtigen: Für alle sollten faire Bedingungen herrschen. Es werde eine "Phase des Ankommens" in den Schulen geben, in der auch die Erfahrungen mit dem Coronavirus besprochen würden.

Eltern- und Lehrerverbände hatten zuletzt eine klare Linie aus dem Ministerium gefordert und Wildwuchs beim Lernen daheim kritisiert. Viele begrüßten nun die Präzisierungen. Man komme in den Bereich, in dem Schule wieder möglich sei, sagte Michael Schwägerl, Chef des Bayerischen Philologenverbands. Doch brauche es für Lehrer und Schüler, die weiter online lernten, mehr Austauschmöglichkeiten als die offizielle Plattform Mebis. Ähnlich äußerte sich Susanne Arndt, Vorsitzende der Landeselternvereinigung. Nur mit klareren Vorgaben des Ministeriums könne jede Schule ein einheitliches Konzept und klassenübergreifende Stundenpläne erstellen.

Die Opposition im Landtag ging mit Piazolo hart ins Gericht. Die Grünen warfen ihm "Planungsversagen" vor. "Vier Wochen werden die bayerischen Schulen im Regen stehen gelassen", sagte die bildungspolitische Sprecherin Gabriele Triebel, "jetzt sollen sie in kürzester Zeit einen Corona-Schulalltag auf die Beine stellen." Auch Matthias Fischbach (FDP) bemängelte das zähe Krisenmanagement: Es sei absehbar gewesen, dass man ein Hygienekonzept brauche. Seit Tagen fragten ihn Schüler von Fach- und Berufsoberschulen, wie das bei ihnen gehen solle mit den Abständen. An ihren Schulen kehren am Montag gut 50 Prozent aller Schüler zurück. Markus Bayerbach (AfD) sagte, Sicherheit gehe vor, trotzdem hätten die Abschlussklassen mit entsprechenden Regeln früher den Schulunterricht fortsetzen können. Simone Strohmayr (SPD) sind die Vorgaben zu unverbindlich. Zudem besäßen viele Schüler daheim keinen Computer, an dem sie lernen könnten: "Falls die Schulen nicht genügend Verleihgeräte haben, muss der Freistaat für eine entsprechende Ausstattung sorgen." Ein SPD-Dringlichkeitsantrag hierzu soll am Donnerstag im Bildungsausschuss behandelt werden.

© SZ vom 23.04.2020/syn/mmo

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