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Bildung:Die überforderte Schule

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Was ist gesunde Ernährung? Selbst für Abiturienten ist das wichtigste Gerät in der Küche der Dosenöffner. Deshalb sollen Schulen Kochen lehren.

(Foto: imago)

Werte, Alltagskompetenz, Glück, Benehmen - jede gesellschaftliche Gruppe formuliert inzwischen ihre Erwartungen an den Unterricht. Und die Pädagogen fragen sich: Was denn noch alles und wann?

Lesen, Schreiben und Rechnen sollen Kinder in der Schule lernen, dazu eine ordentliche Allgemeinbildung. Auf dass Mädchen und Buben zu mündigen, demokratischen Bürgern werden. Dazu kommt die im bayerischen Schulgesetz verankerte Bildung von "Herz und Charakter". Klingt vernünftig? So einfach ist es längst nicht mehr. Schule soll heute vieles übernehmen, was früher in den meisten Familien vermittelt wurde. Und diese Erwartungshaltung ist ein Problem.

Bestes Beispiel ist die letzte Vollversammlung des Landtags vor Weihnachten, es ging um Alltagskompetenz: Schulen sollen Umgang mit Geld vermitteln, dazu noch Wissen über die Herkunft und gesunde Ernährung, über Verbraucherschutz, Haushaltsführung und Kochen. Dies waren nur die Wünsche von CSU- und FW-Abgeordneten, die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Nach dem erfolgreichen Artenschutz-Volksbegehren wollte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein neues Schulfach einführen. Insider sagen, um Bauern und Landfrauen zu besänftigen, die sich über den ergrünten Söder ärgerten. Das Schulfach als schnelle Lösung kam nicht, zu kompliziert und konfliktträchtig. Aber jeder Schüler wird künftig zwei Projektwochen zur Alltagskompetenz durchleben.

Was denn noch alles und wann? Das fragen sich nun wieder viele Pädagogen. Inklusion, politische Bildung, Lesetraining, Mobbing- und Gesundheitsprävention, sinnvollen Umgang mit dem Smartphone werden ohnehin vorausgesetzt. Lehrerverbände beklagen seit Jahren Erwartungsdruck, Stress und Zusatzaufgaben, warnen vor Burn-Out und anderen Krankheiten. Der Freistaat reagierte mit dem "Institut für Lehrergesundheit". Ein Ende des Wunschkonzerts ist aber nicht in Sicht.

In der Gesellschaft steige das Bedürfnis nach einem starken Staat, der viel leiste und regle, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Chef des Deggendorfer Robert-Koch-Gymnasiums. Das habe es früher so nicht gegeben. "Und die Politik hat die Angewohnheit, alles den Schulen zu delegieren, woran sie selbst scheitert", sagt Meidinger. Reflexartig würden neue Fächer gefordert. In den Achtzigerjahren sei das etwa das Schulfach Aids gewesen, heute eben Glück, Umwelt oder Alltagskompetenz. Denn Schule sei heute die letzte gesellschaftliche Instanz, die alle Schichten erreiche, die letzte Chance, um Werte und Grundlagen des Zusammenlebens "in Köpfen und Herzen zu verankern". Die Folge sei fatal: Schule werde als "Dienstleister" gesehen. Weil die Erwartungen zu groß seien, könne Schule nur scheitern. Das wirke sich auf Stimmung und Arbeitsmoral aus. "Das Fundament, auf dem wir stehen, wackelt", bestätigt Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Ständig fragten sich Lehrer, wie sie den Kindern und der Welt gerecht würden. Die Herausforderung abzulehnen, sei keine Option. Zahlen belegten, dass vor allem in sozial schwachen Familien immer weniger Erziehung stattfinde. "Jemand muss in das Leck reingehen - und das machen wir auch." Dafür müssten sich die Rahmenbedingungen ändern.

Denn junge Lehrer fühlen sich nicht auf die neuen Herausforderungen vorbereitet. Angelika Wildgans-Lang bezeichnet die ersten Monate im Job als "Kulturschock", der in allen Schularten eintreten kann und keine Milieufrage ist. Ihr Gymnasium liegt in München-Schwabing, vielen Familien geht es finanziell gut. Wildgans-Lang, die im Philologenverband bis vor kurzem Referendare und junge Lehrer vertrat, erzählt von egozentrischen Kindern, denen sie Rücksicht beibringen muss, von Schülern, die daheim keinen Tandempartner haben, weil beide Eltern arbeiten, und von Eltern, die nicht wissen, wie sie das Kind vom Smartphone loseisen. Allein durch die Digitalisierung habe sich Schule massiv verändert, sagt Christoph Brunk, 31, der an der Realschule Poing arbeitet. Kinder glaubten Influencern mehr als Lehrern und Eltern, sie sind weltweit vernetzt und wollen Lehrer auch nach Unterrichtsschluss noch anmailen können. Lehrer müssten umdenken - und entlastet werden, sagt Brunk, der Englisch, Geschichte und Informationstechnologie unterrichtet. "Diese Zeit ist spannend. Aber ich fühle mich auch in der digitalen Welt wohl." Vielen Kollegen gehe das anders. Entsprechend wichtig seien Freiraum für Fortbildungen und das Testen neuer Methoden.

Damit Lehrern künftig der Kulturschock erspart bleibt, fordert Thomas Eberle eine grundlegende Reform des Studiums. Dass Schule die gesellschaftliche Herausforderung annehmen muss, ist für den Schulpädagogikprofessor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg klar. Aber das klappe nur, wenn Lehramtsstudenten viel mehr Pädagogik und Psychologie lernten. Dafür sei bisher keine Zeit. Eberle würde das Studium um ein Jahr verlängern. Der Augsburger Professor Klaus Zierer, geht noch weiter: "Wir brauchen einen Neustart des Systems hin zur stärkeren Werteorientierung, zur Vermenschlichung von Schule." Man müsse diskutieren, welche Inhalte die Kinder wirklich brauchen. Weniger "Kuscheleckenpädagogik", weniger "Bulimie-Lernen", weniger methodische Trends. Selbst Grundschüler würden derzeit als Denkmaschinen und nicht als Menschen mit eigenen Interessen gesehen, sagt Zierer.

Gesetzlicher Bildungsauftrag

Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen:

(1) 1 Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen.

2 Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden.

3 Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung, vor der Würde des Menschen und vor der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur, Umwelt, Artenschutz und Artenvielfalt.

4 Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.

(2) Bei der Erfüllung ihres Auftrags haben die Schulen das verfassungsmäßige Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder zu achten.

Ein grundsätzliches Umdenken sieht auch BLLV-Chefin Fleischmann als einzigen Weg. Die Systemfrage ist im Bildungsbereich allerdings immer auch ideologisch. Fleischmann möchte die grundsätzliche Veränderung, sie steht für längeres gemeinsames Lernen aller Kinder. DL-Chef Meidinger dagegen hält am gegliederten System fest. Er fordert stattdessen ein Assessment-Center, um so vor dem ersten Unitag die talentiertesten Lehrer zu finden, die resolut sind und entspannt.

Welche Entspannung Meidinger meint, ahnt man im Gespräch mit Siegfried Hummelsberger und Pankraz Männlein. Beide erleben als Chefs beruflicher Schulen jeden Tag Schüler aller Altersklassen, aller Milieus und mit unterschiedlichsten Lebensläufen. Berufsschulen seien es gewohnt, ständig auf Änderungen zu reagieren, sagt Verbandschef Männlein. Das erwarteten die Betriebe. Und ziehen mit. Die Schulleiter müssen selten mit sturen Eltern oder einem starren System kämpfen. Das Studium ist praktischer, oft unterrichten Quereinsteiger aus der Industrie. "Wenn Schule wirksam ist, sind die Erwartungen leicht zu ertragen", sagt Männlein. Dafür müsse aber der Rahmen stimmen.

© SZ vom 03.01.2020/kbl
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Von Dietrich Mittler

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