Flächendeckende Sprachtests für KindergartenkinderWer keinen Kitaplatz bekommt, hat schlechte Chancen

Lesezeit: 3 Min.

Die verpflichtenden Sprachstandserhebungen der angehenden Vorschulkinder an den Grundschulen verlief zuweilen chaotisch und lösten im Frühjahr in einigen Schulen Ärger aus.
Die verpflichtenden Sprachstandserhebungen der angehenden Vorschulkinder an den Grundschulen verlief zuweilen chaotisch und lösten im Frühjahr in einigen Schulen Ärger aus. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

20 Prozent aller Kinder, die 2026 in die Grundschule kommen, sprechen so schlecht Deutsch, dass sie dem Unterricht nicht folgen könnten. Sie sollen nun ein Jahr Förderunterricht in der Kita bekommen. Eine eigentlich gute Idee. Doch die Sache hat einen Haken.

Von Anna Günther

Die größte Irritation ist verflogen, aber nach den Sprachtests von 42 000 Kindergartenkindern im Frühjahr war die Laune bei vielen Familien in Bayern und an sehr vielen Grundschulen im Keller. Hinzu kam die Angst vor Stigmatisierung. Dass diese Tests grundsätzlich sinnvoll sind, darin waren sich die Mitglieder des Bildungsausschusses im Landtag an diesem Donnerstag trotzdem einig: Sie sollen frühzeitig Mädchen und Buben herausfiltern, die so großen Sprachförderbedarf haben, dass sie in der ersten Klasse der Grundschule dem Unterricht gar nicht folgen könnten.

Diese Kinder müssen ein Jahr lang an einem speziellen Deutschkurs in der Kita und der künftigen Grundschule teilnehmen. Erst wenn sie einen weiteren Test kurz vor ihrer Einschulung bestehen, können sie eingeschult werden. Das soll auch die Lehrkräfte entlasten, die an den Grundschulen immer öfter von der großen Schere zwischen sprachlich sehr fitten Kindern und jenen, mit deutlichem Sprachförderbedarf, überfordert sind.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Das Konzept des Vorkurses Deutsch 240 ist in Bayern seit fast 25 Jahren etabliert, aber die Dimensionen des neuen, flächendeckenden Testens waren in diesem Frühjahr um einiges größer. Und es rumpelte kräftig – daraus macht man selbst in der Führungsebene des Kultusministeriums keinen Hehl. Wohl auch deshalb mussten Maria Wilhelm, im Ministerium zuständig für Grundschulen, und Kolleginnen im Bildungsausschuss berichten, wie das Prozedere lief, was sie aus der ersten Runde gelernt haben und was sie verbessern wollen.

Das Wort „Rapport“ fiel nicht im Landtag, unter Rechtfertigungsdruck standen die Abgesandten des Kultus- und Sozialministeriums trotzdem. Offensichtlich hatten die Abgeordneten im Wahlkreis den Unmut von Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen abbekommen. Auch die Fachverbände kommunizierten den Ärger ihrer Mitglieder und kritisierten das Verfahren als „bürokratischen Irrsinn“.

Von insgesamt 130 000 Mädchen und Buben, die 2026 eingeschult werden sollen, mussten 42 000 zum Test. Allen anderen bescheinigten die Kitas, sprachlich topfit zu sein. Von den 42 000 getesteten Kindern haben 24 000 laut Wilhelm einen „deutlichen Sprachförderbedarf, der so erheblich ist, dass wir davon ausgehen müssen, dass sie nicht erfolgreich in die Schule starten könnten“. Das sind fast 20 Prozent dieses Jahrgangs.

Wilhelm und ihre Kolleginnen wollten die Tests samt Förderung keinesfalls nicht als „Strafe“ verstanden wissen, sondern als „Geschenk“, als notwendige Förderung, die diese Kinder brauchen, „um mit Erfolg ihr Schulleben beginnen zu können“. Zumal solch ein Testverfahren samt Förderung mittlerweile auch von Wissenschaftlern und dem Bundesbildungsministerium empfohlen werde.

Reaktion auf Pisa-Schlappe
:Verpflichtende Sprachtests für Kita-Kinder: Chaos oder Segen?

Bis Anfang Mai werden Zehntausende bayerische Kinder in ihren künftigen Grundschulen getestet. Wer nicht gut genug Deutsch kann, bekommt Förderunterricht, damit der Start in der Schule klappt. Aber wie gut funktioniert das vor Ort?

Von Anna Günther und Laura-Grazia Indelicato

„Das Ruckeln und Zuckeln“ sei für ein Verfahren dieser Dimension völlig normal, sagte Wilhelm. Trotzdem arbeiteten die Arbeitsgruppen intensiv weiter und man sei „bemüht, das Feedback umzusetzen“. Größte Priorität habe die Digitalisierung des „Einladungsmanagements“ und der Kommunikation mit den Eltern.

Die spannendste Frage des Tages stellt die stellvertretende Vorsitzende des Bildungsausschusses, Gabriele Triebel (Grüne), gegen Ende der Diskussion: „Aber was ist, wenn es nicht genügend Kita-Plätze gibt?“

Zwar sind die Familien dazu verpflichtet, ihre Kinder mit Förderbedarf in einer staatlich geförderten Kita anzumelden und diese Häuser sind verpflichtet, schon ab einem Kind den Vorkurs Deutsch anzubieten. Eltern müssen nachweisen, dass sie nach einem Platz suchen. Aber was, wenn sie keinen finden?

Gerade in Ballungsräumen wie Augsburg, Nürnberg oder München sind Kitaplätze zuweilen rar.  Ohne Kitaplatz gibt es aber keinen Vorkurs Deutsch. Die Antworten der beiden Ministerien waren zunächst so ausweichend, dass auch die Ausschussvorsitzende, Ute Eiling-Hütig (CSU), mehrmals nachhakte: „Es ist natürlich klar, dass wir größtes Interesse daran haben, dass Kinder, die verpflichtet sind, auch einen Platz bekommen!“

Die Antwort war dann simpel: Niemand weiß jetzt schon, ob die Plätze reichen. Das zeige sich erst im September, sagte die Expertin des Sozialministeriums. Erst wenn das Kindergartenjahr beginnt und alle Plätze verteilt sind, gibt es Gewissheit. Damit zeigte sich auch eine alte Krux: Für Grundschulen ist das Kultusministerium zuständig, für Kitas das Sozialministerium, für Kitaplätze die Kommunen. Aber wenn der Freistaat ihnen die Schaffung neuer Plätze verordnen würde, müsste die Staatsregierung dafür bezahlen. „Dann warten wir“, sagte Eiling-Hütig, „aber oberstes Ziel ist, dass diese Kinder einen Platz bekommen.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Hochschulen in Bayern
:Schüsseln so groß wie Badewannen: die Arbeit in der Erlanger Großmensa

Eine der größten Mensen Bayerns steht in Erlangen. Täglich gehen dort 2500 Essen über die Ausgabentheke. Ein Blick in ziemlich große Kochtöpfe.

SZ PlusVon Anna Günther und Stephan Rumpf (Fotos)

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: