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Schule in der Pandemie:Schneller zurück ins Klassenzimmer

Land unterstützt Schulen mit zusätzlichen Corona-Hilfen

Die Staatsregierung setzt nach wie vor auf Präsenzunterricht. Um den zu erleichtern, soll die Quarantänezeit für Schüler verkürzt werden.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Ministerpräsident Söder will die Quarantäne für Schüler verkürzen, von aktuell 14 auf fünf Tage. Das würde Eltern und Lehrer entlasten. Auch Ärzte sehen den Vorstoß positiv.

Von Anna Günther

Fast 4000 bayerische Schüler und 334 Lehrer sind derzeit wegen eines positiven Coronatests nicht in der Schule. 70 000 Jugendliche und 4830 Lehrer sind in Quarantäne, 3000 von 72 000 Klassen sind geschlossen daheim, 52 der 6200 Schulen komplett zu. Dazu zählen 16 Berufsfachschulen des Gesundheitswesens, die nach der Praxisphase vorsorglich 14 Tage daheim lernen.

Die Quarantänezahlen steigen seit Wochen an, auch wenn die Mehrheit der 1,65 Millionen Schüler in den Schulen sitzt, was Kultusminister Michael Piazolo (FW) positiv stimmt. Aber die Wintermonate beginnen erst, der Teil-Lockdown hat seine erhoffte Wirkung verfehlt. Zwar könnte in Hotspots bald ein Wechselbetrieb aus Schul- und Distanzunterricht gelten, aber grundsätzlich hält die Staatsregierung an der Priorität Präsenzunterricht fest. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) plant nun sogar, die Quarantäne zu verkürzen - unabhängig davon, auf welche Regeln sich die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin einigten. Mit kürzerer Quarantänezeit sollen Schüler schneller in die Schule zurückdürfen und so weniger Stoff verpassen.

Bisher muss bei einem bestätigten Corona-Fall die gesamte Klasse 14 Tage lang daheim bleiben. Auch bei einem Corona-Verdacht müssen alle heim, bis das Gesundheitsamt Entwarnung gibt. Söder möchte die Quarantäne von 14 auf fünf Tage verkürzen. Liegt dann ein negatives Testergebnis vor, sollen die Klassen zurück in den Unterricht. Mit Corona-Schnelltests könnte es noch zügiger gehen. Das sei ein "sehr gutes Angebot, um den Schulbetrieb am Laufen zu halten", sagte Söder. Parallel dazu prüfe die Regierung Wechselmodelle und Hybridangebote, also Streaming aus der Klasse nach Hause oder aus dem heimischen Lehrerbüro in die Klassen. Die Schulen sollen entscheiden, was sie umsetzen wollen. Faktisch wird die Technik entscheiden, was überhaupt möglich ist. Streaming ist vielerorts undenkbar, weil Internetgeschwindigkeit oder Serverleistungen nicht ausreichen. Ein Wechselbetrieb könnte am Personalmangel kranken, weil auch immer mehr Lehrer in Quarantäne sind. Kürzere Quarantäne könnte an einigen Schulen aber auch das Personalproblem lösen.

Wann diese neuen, verkürzten Quarantäne-Regeln an den bayerischen Schulen gelten sollen und wie genau mit den Schnelltests verfahren wird, war am Mittwoch allerdings noch nicht zu erfahren. Das Kultusministerium verwies ans für Quarantäne zuständige Gesundheitsministerium von Melanie Huml (CSU), dort verwies man auf die Gespräche der Ministerpräsidentenkonferenz. Details stünden noch nicht fest.

Handlungsbedarf sieht wohl auch das Verwaltungsgericht Würzburg: Die Richter gaben am Montag einem Schüler recht, der gegen die 14-tägige Quarantäne der ganzen Klasse geklagt hatte. Der Antragsteller habe glaubhaft dargelegt, dass er nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts keinen engen Kontakt mit der positiv getesteten Schülerin oder dem Schüler gehabt habe, teilte das Gericht mit. Damit sei ein Abstand beider von weniger als eineinhalb Metern über mindestens 15 Minuten gemeint. Der Richterspruch gilt aber nur für den klagenden Schüler.

Ärzte sehen keine hohe Dunkelziffer bei Kindern und Jugendlichen

Dass die Staatsregierung nun die Quarantäne-Regeln anpassen will, stößt bei Medizinern und Eltern auf Gegenliebe. Erst am Montag hatten Direktoren deutscher Kinderkliniken eine Analyse der routinemäßigen Corona-Tests aller neuen Patienten aus 100 Kinderkliniken präsentiert. Zwischen Mai und Mitte November wurde jedes Kind bei der Aufnahme in eine Klinik auf Sars-CoV-2 getestet, egal ob es wegen eines gebrochenen Beines oder Bauchweh eingewiesen wurde. Von 118 000 erfassten Kindern wurden 621 positiv auf Sars-CoV-2 getestet, der Unterschied von kleinen Kindern zu Jugendlichen war marginal.

Daraus schließt Mitunterzeichner Mathias Keller, Direktor der Passauer Kinderklinik und Vorsitzender der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, dass es im Gegensatz zum Frühjahr keine hohe Dunkelziffer von infizierten Kindern in Schulen gibt. Also auch keine Kinder, die zwar keine Symptome haben, aber Mitschüler und Lehrer anstecken könnten. "Es gibt keinen Anhaltspunkt für diese Annahme, Kinder werden viel getestet", sagte Keller. Er und seine Kollegen sehen sich in ihrer Forderung bestätigt, die Schulen offen zu halten. Sie seien - wenn Hygienekonzepte eingehalten werden - keine Treiber der Pandemie, Kinder steckten sich eher außerhalb an.

Der Kinderarzt Keller befürwortet Söders Idee, die Quarantäne zu verkürzen: "Für Kinder, Familien und den Schulbetrieb wäre das eine große Entlastung. Kinder sollten nicht ungerechtfertigterweise zu lange daheim bleiben müssen." Zweifel an Corona-Schnelltests entkräftet er. Wenn eine Person ansteckend ist, sei der Test mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv. Das dürfte auch Martin Löwe, den Chef des Bayerischen Elternverbands (BEV), beruhigen. Auch Löwe sagt, dass es richtig ist, an die Quarantäne-Regeln ranzugehen. Der BEV habe schon lange kritisiert, dass Schüler auch dann noch in Quarantäne bleiben müssen, wenn nach fünf Tagen ein negativer Test vorliegt.

© SZ vom 26.11.2020/aner
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