Geht es um das Phänomen des Schlangestehens wird gerne auf die Briten verwiesen, die das – bis hin zur Bushaltestelle – mit Perfektion praktizieren. So zumindest geht die Erzählung, die ebenfalls beinhaltet, dass den Deutschen die Noblesse abgeht beim Anstehen.
Nun wäre es vielleicht einen Versuch wert, ein paar Tausend Briten am Tag des Anstichs vor die Oktoberfest-Zelte zu stellen und zu beobachten, ob es möglich ist, diszipliniert die Biertische zu besetzen und die erste Mass Bier zu ordern. Das war bislang nicht zu beobachten, wenn Hunderte in Dirndl und Lederhosen gewandete Menschen auf die Theresienwiese stürmen.
Gott sei Dank ist es in Bayern nicht notwendig, für Bananen, Feinstrumpfhosen oder einen Trabi-Auspuff anzustehen, dauern kann es allerdings, wenn es um Eintrittskarten für Gerhard Polt oder ein Fußballspiel geht. Und, ganz neue Erfahrung, um den Sommerempfang der Landtagspräsidentin in Schloss Schleißheim.
Das Event, so darf man das wohl inzwischen nennen, ist eines der begehrtesten im Freistaat, 3500 Menschen waren in der vergangenen Woche eingeladen. Wer es auf die Gästeliste und bis hinaus zum Schloss schafft, muss neuerdings einen QR-Code und einen Ausweis vorzeigen und sich einer Sicherheitskontrolle unterziehen, was eine gewisse Zeit braucht – und einen ordentlichen Rückstau verursacht. Da sind die Schlangen schnell Hunderte Meter lang, in denen die Gäste in – so der Dresscode – sommerlicher Abendgarderobe, Tracht, Uniform, auf den Einlass warten.
Auf den ersten Blick hübsch britisch. Der Verkehrsminister steht geduldig in der Reihe, die Weinkönigin auch, Spitzenbeamte warten neben Lobbyisten und wegen ihres Ehrenamts geladenen Gästen. Und die Landwirtschaftsministerin lässt bei ihrem Gang zum Ende der Schlange alle wissen, dass sie sich natürlich hinten anstellen werde, nicht dass am nächsten Tag in der Zeitung stehe, sie habe sich vorgedrängelt. Hat funktioniert, sogar das Gegenteil davon.
Was freilich nicht heißt, dass der eine oder andere Gast mit (von ihm selbst festgestellter) besonderer Bedeutung nicht erst einmal sucht nach dem Eingang für Menschen mit besonderer Bedeutung. Mangels Vorhandenseins bleibt nur der grantige Blick ob der Missachtung der besonderen Bedeutung. Oder das angeregte Gespräch mit einem Bekannten, der zufällig schon ganz vorne steht in der Schlange. Oh, und schon ist man drin, na so was.
Nein, wer das so macht, wird nicht verraten. Vielleicht, wenn wir mal zusammen in einer Schlange stehen.

