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Coronatests in Bayern:Reiserückkehrer müssen tagelang auf ihre Ergebnisse warten

Kostenloser Corona-Test an Rastanlage

Seit dem 8. August gilt für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten eine Testpflicht.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Ein 16-Jähriger bekommt ein negatives Testergebnis einer anderen Person - ist aber positiv. Warum das Bayerische Rote Kreuz die Staatsregierung angreift und welche Probleme die privaten Betreiber der Corona-Stationen haben.

Von Andreas Glas und Lisa Schnell

Am Anfang lief alles "top", erzählt Dorothea Richter, 39. Die Polizisten seien "super" gewesen. Die Leute, die ihr das Stäbchen in den Rachen gehalten haben, auch. Klappt ziemlich gut in Bayern mit den Teststationen, habe sie gedacht, als sie nach drei Wochen Kroatienurlaub in ihre Heimat Niedersachsen fuhr. Und dann? Wollte sie ihr Ergebnis wissen. Nach vier Tagen lag es nicht vor. Also telefonierte Richter und landete irgendwann beim Gesundheitsamt Traunstein. Testergebnis? Fehlanzeige. Dort hätten sie erst die Ergebnisse vom letzten Samstag. Wann denn ihre da seien, vom Montag? "Das wussten sie nicht", erzählt Richter.

Viele der rund 50 000 Reiserückkehrer, die sich in Bayern freiwillig auf das Corona-Virus testen ließen, warten wie Richter noch. "Gerade in der Anfangsphase kam es zu Verzögerungen", gibt das Gesundheitsministerium zu. Die Zuordnung von den Patienten zu den Tests soll nicht funktioniert haben. Die Mutter eines 16-Jährigen schildert der SZ gar, dass ihr Sohn nach Ankunft am Flughafen erst tagelang warten musste und dann das negative Ergebnis einer anderen Person geschickt bekam. Ein Hausarzt hatte ihn in der Zwischenzeit auf Initiative der Eltern positiv getestet. Dazu kommt, dass es Probleme gibt, genügend Personal für die acht Testzentren an Autobahnen, Flughäfen und Hauptbahnhöfen zur Verfügung zu stellen. Obwohl vom 8. August an für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten eine Testpflicht gilt.

Grund für die Personalnot ist, dass von diesem Montag an ein privater Anbieter übernehmen sollte, dieser aber offenbar nicht genügend Mitarbeiter stellen konnte. Für die nächsten Tage sollen deshalb parallel weiterhin Hilfsorganisationen wie das Bayerische Rote Kreuz (BRK) einspringen. Überwiegend ehrenamtliche Helfer hatten den Betrieb der Testzentren bis jetzt am Laufen gehalten. Dass sie nun weiter aushelfen sollen, löst beim BRK Unmut aus. "Wir helfen, weil offenbar vorhandene Teststrukturen von kommerziellen Dienstleistern nicht in Gang gesetzt werden konnten", sagt BRK-Präsident Theo Zellner. Das BRK habe die Aufgabe, bei Einsätzen wie Hochwasser zu helfen, das Betreiben von Testzentren gehöre nicht dazu. Dass es nun einspringen müsse, liege nicht daran, dass eine akute Notsituation herrscht, sondern an mangelnder Planung: "Wenn man von heute auf morgen entscheidet, dass an den Autobahnen und Bahnhöfen getestet wird, dann muss auch die entsprechende Infrastruktur vom Staat zur Verfügung gestellt werden." Er hoffe, dass nicht vergessen wird, was die Hilfsorganisationen seit Februar in der Corona-Krise leisteten.

Fabian Mehring, parlamentarischer Geschäftsführer der Freien Wähler, kann das nachvollziehen, seine Fraktion will die Tests deshalb professionalisieren: Mehring wartet selbst seit neun Tagen auf ein Testergebnis. So, sagt er, kosteten die Tests nur viel Geld, brächten aber nichts für die Eindämmung der Pandemie. Die Hilfsorganisationen müssten nicht zum ersten Mal einspringen, erzählt Zellner. Der Staat rief nach ihnen am 30. Juli, weil in der Staatskanzlei entschieden wurde, die Testzentren früher als geplant in Betrieb zu nehmen. Er rief wieder, als die privaten Anbieter am 7. August nicht wie versprochen übernehmen konnten. Und nun also zum dritten Mal. Wiederholt habe das BRK auf eine mögliche Personalnot hingewiesen. Insgesamt brauche es bis zu 250 Leute am Tag. Die Arbeit sei "extrem belastend", in einem Anzug, dick wie ein Skianzug, ohne Luftzufuhr - bei 38 Grad.

"Da gehen Sie ein", sagt Zellner. Zudem brauche es medizinische Kenntnisse. Schon bei den Testzentren am Flughafen lief nicht alles rund. Innerhalb von 24 Stunden sollten die Stationen stehen, sagt Ralf Kuchenbuch von der Aicher Ambulanz. Er bekam den Auftrag nicht, sondern das Unternehmen Ecolog, das allerdings Probleme hatte, so kurzfristig genügend Personal zu finden. Am Ende musste wieder das BRK einspringen. Das sei "alles ein bisschen komisch" gelaufen, sagt Kuchenbuch, denn: "Wir hätten das Personal gehabt", rund 500 Leute, die normalerweise körperlich eingeschränkte Passagiere am Flughafen betreuen und jetzt teils in Kurzarbeit seien.

Statt diese Menschen aus der Kurzarbeit zu holen "und die bayerische Wirtschaft zu stärken", gehe so ein Auftrag an ein internationales Unternehmen. Das wundert Kuchenbuch und auch, dass Ecolog bei ihnen angefragt habe, "ob wir denen Personal stellen könnten". Man könne ihm jetzt unterstellen, "ein schlechter Verlierer" zu sein, sagt Kuchenbuch, "aber irgendwas stimmt da halt nicht". Fragt man bei Ecolog nach, ist die Rede von "technischen Anlaufschwierigkeiten". Mittlerweile aber habe man genügend Personal.

Bis Ende der Woche sollen auch alle anderen Teststationen von dem privaten Betreiber Eurofins übernommen werden, der Anfang der Woche startet, aber eben noch nicht überall. Ob der Plan eingehalten werden kann? Eurofins antwortet auf Anfragen der SZ nicht. "Eine weitere Verlängerung auf Basis ehrenamtlicher Strukturen ist nicht mehr möglich", stellt Zellner klar. Aber ist der Gesundheitsschutz nicht sowieso eine staatliche Aufgabe? Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts liege keine öffentliche Aufgabe vor, "wenn eine solche auch durch private Dritte wirksam wahrgenommen werden kann", teilt das Gesundheitsministerium mit. Koordination und Festlegung des Umfangs der Aufgaben verblieben aber in staatlicher Hand. Wie sichergestellt werde, dass es genügend Personal gebe?

Dafür seien "die externen Dienstleister selbst verantwortlich." Doch auch staatliche Stellen scheinen unter Personalnot zu leiden, wie eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Sebastian Körber zeigt. Es geht dabei um "Contact-Tracing-Teams", die nach Kontaktpersonen von Infizierten fahnden. Nach einer Vereinbarung von Bund und Ländern müsste es davon in Bayern 650 geben, also 3250 Mitarbeiter. Nur 228 Teams oder 1140 Personen stünden zur Verfügung, teilt das Ministerium der SZ mit. Mehr seien bei den "erfreulich niedrigen Infektionszahlen" nicht nötig. Eine riskante Strategie, findet Körber: "Wenn eine zweite Welle käme, kann man sich da Sorgen machen." Das Ministerium aber versichert, von Herbst an "innerhalb kürzester Zeit" auf die eigentlich vereinbarten 650 Teams kommen zu können.

© SZ vom 10.08.2020/kbl

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