Der gelbbraune und sechs Millimeter kleine Schaufelkäfer ist ein unscheinbares Insekt, das seinen Namen von seinen beiden weit nach vorne ragenden, breiten Oberkiefern oder Mandibeln hat. Prostomis mandibularis, wie sein wissenschaftlicher Name lautet, lebt vorzugsweise in faulendem Holz von absterbenden oder toten Eichen und anderen Laubbäumen, wie sie vor allem in urtümlichen Wäldern vorkommen. Deshalb zählen die Schaufelkäfer, die sehr selten und auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht eingestuft sind, zu den sogenannten Urwaldreliktarten.
Einer der Orte in Bayern, an denen Prostomis mandibularis dokumentiert ist, ist der Rainer Wald im niederbayerischen Donautal. Das hat jetzt die Auswertung eines groß angelegten Insekten-Monitorings ergeben, das schon 2023 in dem etwa 250 Hektar Waldstück stattgefunden hat. Beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV), dem Besitzer des Rainer Waldes, ist die Freude über den Nachweis groß. „Das Vorkommen des Schaufelkäfers weist darauf hin, dass der Rainer Wald seit langer Zeit zumindest in Teilen in einem naturnahen Zustand ist“, sagt Tarja Richter, Biologin und Insekten-Expertin beim LBV.
Der Rainer Wald, der in einer Senke nahe der 3000-Einwohner-Ortschaft Rain im Landkreis Straubing-Bogen und wenige Hundert Meter entfernt von der Donau liegt, ist eine einzigartige Enklave in der niederbayerischen Agrarlandschaft. Und zwar nicht nur, weil er das so ziemlich einzige größere zusammenhängende Waldstück in dem ansonsten von riesigen Äckern geprägten Donautal ist. Diese erstrecken sich oft bis an den Horizont, ohne dass sie von einer Baumreihe, einem Gebüsch, einem Hag oder eben einem Waldstück unterbrochen werden. Sondern vor allem, weil er ein in weiten Teilen nahezu natürlicher Bruch- und Sumpfwald ist, wie es nur noch wenige gibt in Bayern. In seinen nassen Teilen ist er geprägt von schier unzähligen Erlen und Eschen, in seinen trockeneren Abschnitten trifft man auf turmhohe Buchen und mächtige Stieleichen, von denen einige um die 250 Jahre alt sind.

Besitzer des Rainer Waldes ist der LBV. Die Organisation hat das Waldstück in den Jahren 2005 bis 2009 abschnittsweise von der Familie Thurn und Taxis erworben, die ihn durch die Jahrhunderte nicht nur forstlich genutzt hat, sondern vor allem als Jagdrevier. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich der naturnahe Charakter des Rainer Waldes erhalten hat. Außerdem unternimmt der LBV sehr viel, um das Gebiet, das längst als europäisches Natur- und Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist, ökologisch aufzuwerten. Etwa indem er Bereiche mit vielen Fichten in Laubwälder umwandelt, seltene Baumarten und Stauden fördert oder Sumpfwälder renaturiert.
Die Artenvielfalt im Rainer Wald ist denn auch beeindruckend – gleich ob in der Pflanzen- oder der Tierwelt. Und insbesondere bei den Insekten. Im Zuge des aktuellen Monitorings sind dort allein 1035 Insektenarten dokumentiert worden. Das sind zwar deutlich weniger als in größeren Schutzgebieten – im Nationalpark Bayerischer Wald etwa gehen Forscher von wenigstens 7000 verschiedenen Insektenarten aus. Aber die LBV-Fachfrau Richter und ihre Kollegen sind überzeugt, dass die 1035 Arten nur die Untergrenze sind im Rainer Wald. Mit ausgefeilteren Kartierungen und spezielleren Fangmethoden könnten noch sehr viel mehr Arten entdeckt werden, sagen sie.

Außerdem sind unter den 1035 Insektenarten im Rainer Wald fast hundert, die – wie der Schaufelkäfer – auf der Roten Liste stehen. Die Goldwespe Chrysis leachii zum Beispiel, die sandige Hänge und warme Bereiche mit blühenden Pflanzen braucht, wie Richter sagt. Mit ihrem metallisch-grünlichen und rot-goldenen Körper sind die Insekten sehr auffällig. Wie alle Goldwespen ist Chrysis leachii außerdem ein Parasit. „Ihre Larven fressen zunächst die Larven anderer Grabwespen oder deren Eier und ernähren sich anschließend von deren Futtervorrat“, sagt Richter. In Bayern ist Chrysis leachii als stark gefährdet eingestuft.


