Kommunalwahl 2020 "Wenn wir Landfrauen was anpacken, dann läuft das"

Taktikplanung auf dem Bankerl: Die Kreisbäuerinnen Christine Singer (re.) und Karina Fischer sprechen über Kommunalpolitik.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auf dem Land dominieren noch immer Männer die Lokalpolitik. Selbstbewusste Bäuerinnen wollen das ändern und organisieren sich. Doch es gibt Hürden.

Von Johann Osel

Als Christine Singer im Jahr 2002 in den Gemeinderat von Spatzenhausen im Kreis Garmisch-Partenkirchen gewählt wurde, war sie die einzige Frau. Praktisch sei das ja, eine weibliche Komponente im Gremium - das sollen sich manche der männlichen Kollegen anfangs gedacht haben. Schließlich habe man jetzt hauswirtschaftlichen Sachverstand im Gemeinderat, eine, die mal eben die Gläser abräumt nach der Sitzung, die Kuchen mitbringt oder eine Wurstplatte herrichtet. "Da muss man schon aufpassen, dass man nicht wirklich die Gläser abräumt, ganz automatisch", erinnert sich Singer. "Dass ich die einzige Frau war, hat sich aber total schnell gelegt. Das liegt auch an einem selber, wie man das alles angeht."

Christine Singer - Anfang 50, Kreisbäuerin, Bezirksbäuerin, stellvertretende Landesbäuerin im Bauernverband, Kommunalpolitikerin für die Freien Wähler - sitzt in Herrsching am Ammersee im Haus der bayerischen Landwirtschaft. Und sie erzählt, wie Lokalpolitik so läuft. Neben ihr hört Karina Fischer angespannt zu, auf der Couch beim Cappuccino, später auf einem Bankerl im Garten inmitten seebedingter Mückenschwärme. Sie stellt Fragen, nickt häufig, nestelt manchmal an ihrer Halskette. Die fünffache Mutter, Anfang 40, ist ebenfalls Kreisbäuerin, hat einen Heumilchhof in Eggenthal im Ostallgäu. Politisch engagiert ist sie nicht. Das soll sich ändern. Vielleicht. Fischer überlegt noch, zaudert. Auch sie wäre wohl die einzige Frau im Gemeinderat.

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Daher gibt es dieses Gespräch, ein Mentorentermin. "Mach es, wenn du es wirklich willst", rät Singer der jüngeren Kollegin aus Schwaben, die von der örtlichen CSU gefragt wurde, ob sie denn an Gemeinderat und Kreistag oder beidem Interesse habe. Bis September müsste sie zusagen, dann werden die Listen aufgestellt. Dass derlei Offerten kommen, wundert beim Bayerischen Bauernverband (BBV) keinen. Die lokalen Funktionärinnen seien fest verankert, heißt es, aktiv bei kulturellen Veranstaltungen, in Vereinen wie im Ehrenamt. Und, abseits der Landwirtschaft, als Mütter involviert in die Themen, die für den ländlichen Raum relevant seien: Schule, Kita, Soziales, Verkehr, Nahversorgung, Ärzte, nachbarschaftliches Leben. Wohl ist es ein bisschen so, wie man es klischeehaft aus der Seifenoper "Dahoam is dahoam" im Bayerischen Fernsehen kennt. Da sind die Königsdisziplinen der Darstellerinnen zwar Apfelstrudelbacken und gnadenloser Dorftratsch; sie organisieren aber auch den Zusammenhalt und all das, was einen Ort lebenswert macht, vom Essen auf Rädern für Senioren bis zum Benefizbasar. Singer sagt: "Wenn wir Landfrauen was anpacken, dann läuft das."

Bayern absolviert gerade einen vierjährigen Wahlmarathon, nach Bundestagswahl, Landtagswahl und Europawahl stehen 2020 die Kommunalwahlen an. "Mehr Frauen in die Politik" ist als Forderung allgegenwärtig, Treiber war "100 Jahre Frauenwahlrecht". Der BBV wandelte das um: "Mehr Landfrauen in die Politik", konkret in Gemeinderäte und Kreistage. Als "Landfrau" definiert man zuvorderst die weiblichen Mitglieder; aber auch allgemein Frauen, die auf dem Land leben - wobei es da keine fixe Grenze gebe irgendwo im Speckgürtel um München oder Augsburg. Gut die Hälfte der bayerischen Bevölkerung ist weiblich, die Politik bildet das allerdings nicht ab. Im Landtag ist der Frauenanteil gesunken, auf knapp 27 Prozent, Kommunalpolitik ist noch männerdominierter. Nur etwa ein Fünftel der Mandatsträger ist weiblich; auf dem Land eher weniger, die Städte ziehen den Schnitt hoch.

20,1 Prozent

beträgt der Frauenanteil in Stadt- und Gemeinderäten sowie Kreistagen in Bayern. Aber nicht nur dort ist Politik kein Abbild der Gesellschaft: Nicht mal jedes zehnte Rathaus in Bayern hat eine Chefin - Landrätinnen sind zudem nahezu eine Rarität. Im Landtag ist zuletzt der Frauenanteil gesunken, auf 26,8 Prozent. Höchststand im Maximilianeum bisher: 31,6 Prozent im Jahr 2008. Im Deutschen Bundestag haben 31,3 Prozent der Mandate Frauen inne.

Forciert hat der BBV das Mentorenprojekt in einem Seminar in Herrsching im April, Politikerinnen gaben dabei Ratschläge, zeigten die Perspektiven auf. Und Landesbäuerin Anneliese Göller, selbst Kreisrätin in Bamberg, rief auf: "Bringen Sie sich politisch ein, ergreifen Sie die Initiative und überlassen Sie die Entscheidungen nicht anderen!" Von Quoten hält Göller nichts. Der "Frauen-Power-Tag" mit den Rollenvorbildern habe aber Mut machen können. Seitdem bilden sich Duos. Wie viele es sind oder sein werden, weiß der BBV nicht, da es nicht zentral organisiert wird. Singer und Fischer sind eines der ersten. Der Erfahrung nach engagierten sich Landfrauen überwiegend bei CSU und Freien Wählern.

Den wissenschaftlichen Impuls im Seminar gab Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Sie sagt, Landfrauen bildeten "eine Art Wurzelgeflecht in Gemeinden, wenn das fehlen würde, zerfasert die Gesellschaft". Ihre Aktivitäten seien quasi ein politisches Amt, nur ohne Mandat - "man muss ihnen zeigen, dass der Schritt dazu nicht so groß ist, wie man vielleicht denkt". Dass der Frauenanteil so niedrig ist, will Münch gar nicht nur den Parteien ankreiden: "Wenn Frauen heute bereit sind zu kandidieren, ist fast überall die Wahrscheinlichkeit groß. Die Hürde sehe ich darin, dass man selbst so weit ist."

Konkret? "Typisch Frau", so Münch, sei die Frage: "Kann ich das überhaupt?" Man werde zudem als Politikerin regional eine Person des öffentlichen Lebens und auch angreifbar. Da sorgten sich viele Frauen darum, "dass die Familie mitkandidiert". Nicht zuletzt spricht Münch von den "Opportunitätskosten": die Abwägung, ob man sich ein Mandat antun wolle, den Wettbewerb, Ellenbogenerfahrungen oder "die Abendsitzung mit womöglich unfreundlichen Kollegen". In der Zeit könnte man sich um die Kinder kümmern. Oder um den Hof. "Der Tag wird nicht länger. Wenn die Politik als zusätzliche Belastung empfunden wird, lässt man es eher."

Karina Fischer, die Vielleicht-Kandidatin, formuliert das so: "Ich habe Verantwortung für Mensch und Tier, da muss es allen gut gehen." Zum Mentorengespräch hatte Singer sie begrüßt: "Kimmst vom Heing?" Heu machen. Antwort: fast. Der Hof der Familie Fischer ist ein Heumilchbetrieb mit 80 Melkkühen. Fischer, gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte, weiß: "Man muss in der Landwirtschaft immer koordinieren, wer wo ist und was machen kann."

Oma und Opa sind auf dem Hof, ein Glück. Der zweite Sohn, Maurer von Beruf, ist akut eingebunden; sonst hätte der Älteste nicht auf die Landtechnikerschule gehen können. Drei Buben und zwei Mädchen hat Karina Fischer, zwischen zehn und 23 Jahren. Wie soll sie den Alltag managen, Familie, Hof, BBV, Ehrenämter und noch Politik? "Was ich mache, möchte ich nicht halb machen. Die Familie weiß, dass sie das mit ausbaden müsste. Die Logistik wird spannend." Singer rät ihr: "Man muss mit sich selbst kompromissbereit sein." So habe sie den Gemeinderat verlassen und sei nur noch Kreisrätin. Und man müsse hie und da Abstriche machen, da gebe es halt daheim nicht nur Drei-Gänge-Menüs. "Und die Fenster sind vielleicht auch nicht immer geputzt", meint Fischer. "Da wächst aber das schlechte Gewissen."

Vielleicht gibt es bei manchen Dörflern wirklich noch die Ansicht: "Politik kann nur ein Mann"

Schon jetzt müsse sie ja manche Dinge einschränken, lasse eine Sportrunde sausen, "da schauen manche komisch". Singer geht nicht mehr zum Kirchenchor, da gehe es ihr ähnlich. Generell das Thema Präsenz treibt die Jüngere um: "Muss ich als Gemeinderätin auf jedes Fest und jede Vereinsversammlung? Das würde ich mir schon als Anforderung stellen - aber ob ich das schaffe?" Singer beruhigt: "Du wirst da ein System finden und gut durchmischen. So dass man im Schnitt überall mal war."

Fischer giert nach Tipps, Singer empfiehlt Kurse, wie man kommunale Satzungen liest. Und wie funktioniert eigentlich das Listenaufstellen? "Da stellst du dich halt vor und es gibt Nachfragen, das war's. Wenn du antrittst, solltest du aber schon gleich dazusagen, dass ein guter Platz her muss und nichts irgendwo hinten. So viel Selbstvertrauen darf man als Kreisbäuerin haben." Sie wolle aber nicht nur aufgestellt werden, weil sie eine Frau sei, wirft Fischer ein. Keine Sorge, sagt die Mentorin. "Natürlich werden Frauen gesucht. Aber die verschwenden sicher nicht einen guten Platz für eine, der man nix zutraut."

Steht also ein Siegeszug der Gemeinderätinnen in Aussicht? Positive Ansätze gibt es. Als Singer den Gemeinderat in Spatzenhausen verließ, rückten zwei Frauen nach, sie habe da mit akquiriert. Die eine ist heute Bürgermeisterin. "Wir Landfrauen können viel anstoßen, wir brauchen aber Netzwerke." Wobei Letzteres durchaus kritisch beäugt wird. Bei einer Tagung von Bürgermeisterinnen sagte die damalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm mal: "Wenn fünf Frauen zusammenstehen, sagen die Männer: Was brüten die wohl wieder aus." Auf der Tagung hörte man auch, dass das Netzwerken von Frauen eher "Wursteln" sei, während die Männerrunden effizient Pfründe aufteilten.

Auch Fischer überlegt, als Kreisbäuerin weitere Frauen für Politik zu begeistern. Jedoch habe sie bereits das Signal erhalten, mehr als eine Frau werde eh nicht in den Gemeinderat gewählt, "das langt auch". Da gebe es vielleicht bei den Dörflern wirklich noch die Ansicht: "Politik kann nur ein Mann."

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