Die Wahrheit des Evangeliums, selbst starken Christen nicht jederzeit einsichtig, erweist sich oft an Kleinigkeiten. Dies widerfuhr nun dem Schriftwort, wonach die Letzten die Ersten sein würden, einem wahrlich geflügelten Wort, das freilich gerade bei notorischen Letzten eher Hohn als Zustimmung zu ernten pflegt. Seine Stichhaltigkeit trat nämlich beim Einzug Benedikts XVI. in Altötting aufs Strahlendste ans Licht dieses ohnedies schon mächtig strahlenden Montagmorgens.
Der Papst war gelandet, pünktlicher als pünktlich übrigens, war dann zur Gnadenkapelle gefahren und hatte sich zu einem kurzen Gebet vor der Schwarzen Muttergottes zurückgezogen. Auf dem Weg zum Pfarramt, wo man ihm seine Sakristei eingerichtet hatte, geschah es dann, dass er und sein Anhang anders gingen, als man es hätte vermuten mögen: nicht schnurgerade über den Platz, sondern in einem Winkel, zwischen Rathaus und Kriegerdenkmal hindurch. Dort hinten saßen, etwas abgeschlagen, Schwestern und Kleriker aus Indien, die nun plötzlich merkten, dass sie kurzzeitig den Logenplatz innehatten. Mit wehenden Gewändern und Chorröcken rannten sie zu den Absperrgittern, und der Papst ließ es sich nicht nehmen, ihnen mit großer Herzlichkeit die Hände zu schütteln.
Es war Benedikts dritter Tag in der Heimat, und wie nicht anders zu erwarten, geriet die Station Altötting zu einer Manifestation geistlicher und weltlicher Erdung. Der Papst selbst hat es ja immer wieder wissen lassen, wie sehr ihn als Kind die Altöttinger Wallfahrt, diese unverwechselbare Melange aus Dunkel und Kerzenschimmer, aus Weihrauchschwaden und Gebetsgemurmel, aus halbem Kitsch und ganzer Hingabe, fasziniert und in seiner religiösen Entwicklung geprägt hat. Seinem Gebet vor dem Marienbild konnten, bei der Enge der „uralt heiligen Kapelle“, nur wenige Auserwählte beiwohnen, aber die Menge sah den Beter riesengroß auf den Videowänden, einen Beter, dessen Gesicht von deutlicher Ergriffenheit kündete.
In dem Maß, wie Joseph Ratzinger nach der Wahl zum Papst seine Verbundenheit mit Altötting bekundete, erneuerten die Altöttinger die alte Freundschaft mit dem Kirchenmann, und so war es denn ein wechselseitiges Heimkehrgefühl, das jetzt über dem Kapellplatz und der Menge lag – 60 000 Menschen waren schätzungsweise gekommen. Dass dieses Gefühl nicht im Ungefähren verblieb, war das Verdienst des Passauer Bischofs Wilhelm Schraml, der bei der Begrüßung fast emphatische, nichtsdestoweniger sehr treffende Worte für all das fand.


Er sprach von Altötting als dem Herzen Bayerns, von dem Rosenkranz, der Tag für Tag für den Papst gebetet werde, vom Himmel, der sich an der Gnadenstätte auftue, und schließlich von der auch für den Papst geltenden Wahrheit, dass, wer nach Altötting komme, hier auch daheim sei.
Der Beifall, den Bischof Schraml für diese feine Inauguration bekam, konnte auch als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass die Altöttinger nicht länger wegen der Anbetungskapelle mit ihm hadern. Der Bischof hatte sich aus einer theologisch schlüssigen Erwägung heraus entschlossen, die Schatzkammer, ein Kernstück in Altöttings heiliger Topographie, in eine Anbetungskapelle umzuwandeln. Darüber hatte es einigen Ärger gegeben, der aber jetzt, da der Papst selbst den Raum durch eine erste stille Anbetung geadelt hat, keine rechte Basis mehr hat.

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Der Gottesdienst selbst hatte viel von der hellen Leichtigkeit, die diesen wie schon die vorhergegangenen Tage der Visite auszeichnete. Man denke nur an die liturgischen Gewänder des Papstes und seiner Konzelebranten, Arbeiten aus der Zisterzienserinnenabtei Thyrnau: Sie bestanden aus indischer Rohseide und waren, dem Passauer Ordinariat zufolge, champagnerfarben; die Altöttinger werden, soweit Champagner nicht ihr Alltagsgetränk ist, die Farbe eher als Widerschein des rund ums Gnadenbild herrschenden Goldglanzes wahrgenommen haben.
So oder so hatte die Präsentation etwas entschieden Heiteres, und das setzte sich fort bis zur Kommunion. Sie wurde von Geistlichen verteilt, die ihrerseits von Ministranten mit gelbweißen Schirmen begleitet wurden. Das diente zwar der Sichtbarkeit und nicht dem Sonnenschutz, verbreitete aber trotzdem eine, mit Verlaub, fast mediterrane Stimmung. Dass der Papst kurz, schön und präzise predigte, wird in einer Stadt wie Altötting, die in dem Punkt durchaus kennerisch genannt werden darf, mit Respekt wahrgenommen. Und wenn die Altöttinger dann auch noch hören, dass Benedikt bei den Kapuzinern Schweinsbraten mit Knödel aß, werden sie nicht zögern, seinen Besuch eine runde Sache zu nennen.

