Den schönsten Landkreis hat ja jeder Landrat, allein von Amts wegen könnte keiner von ihnen in Bayern etwas anderes behaupten. Den schönsten in diesem Sinne hat natürlich auch Maria Rita Zinnecker mit dem Ostallgäu, aber das sagt sie nicht. Sie hat etwas viel Besseres, das sagt sie lieber, weil damit eben keiner ihrer 70 Kolleginnen und Kollegen werben kann: „Ich“, sagt Zinnecker, „habe den weltbekanntesten bayerischen Landkreis.“ Das Märchenschloss Neuschwanstein, das kennen sie ja tatsächlich überall, ob in Japan, den USA oder überhaupt auf allen Kontinenten.
Maria Rita Zinnecker sagt so etwas im Spaß, sie ist nicht der Typ, der protzt. Sie ist auch nicht der Typ Politikerin, der bei jeder Gelegenheit zum Schloss fährt, für ein schönes Foto und ein wenig Glanz. Die 61-Jährige ist eher die Art von Politikerin, die in den zwei vergangenen Wahlperioden viele Dinge der Daseinsvorsorge angeschoben hat in ihrem Landkreis, die Sanierung der Schulen, die Familienstützpunkte, die Ortsumfahrung Ruderatshofen. Nichts, was sie überregional in die Schlagzeilen gebracht hätte. Aber allesamt Projekte, die die Menschen im Ostallgäu honorieren.
Egal, mit wem man sich unterhält, ob im Tourismus, in der Wirtschaft und selbst beim politischen Gegner, die meisten Bürger im Allgäu haben vor allem Gutes zu sagen über die CSU-Landrätin. Trotzdem tritt sie bei der Wahl nicht mehr an. Ihr Mann ist schwer erkrankt, ihre Energie, ihre Kraft und Zeit braucht sie nun zu Hause. Die erste Landrätin im Regierungsbezirk Schwaben hört auf.

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Mit ihrer Wahl im Jahr 2014 schaffte sie etwas Historisches. Wobei sie schon auch froh ist, dass das heute kaum mehr Thema ist. Eine Frau, auf dem Chefsessel, da hat sich ja doch viel getan in den vergangenen Jahren. Bei den anderen Landräten war das nie ein Thema, versichert Zinnecker. „Wenn wir uns treffen, wissen wir oft nicht einmal, welche Partei der andere hat.“ Da ist das Geschlecht erst recht egal. In den Medien, da war es im Wahlkampf damals schon ein Thema, und zum Start in den neuen Job auch.
Bezeichnend, dass es eine Journalistin war, die sie bei ihrem ersten Termin als Landrätin in Buchloe gefragt hat, ob sie nervös sei. War sie nicht, daran erinnert sie sich noch gut, und auch den Text der Frau bekommt Zinnecker nicht aus dem Kopf. Dort stand, die Landrätin habe an ihrem Schal gezupft. „Es würde bei einem Mann doch nie jemand schreiben, dass der an seiner Krawatte zupft.“

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Über so etwas muss sie sich heute nicht mehr aufregen, allerdings gibt es immer noch nur sieben Landrätinnen in Bayern. „Es werden nicht unbedingt mehr werden“, befürchtet Zinnecker mit Blick auf die Kommunalwahlen, vor allem im Südwesten. Im Oberallgäu, in Weilheim-Schongau, da treten die Landrätinnen ja auch ab.
Dabei ist der Chefsessel in einem Landratsamt immer noch „das schönste Amt der Welt“, versichert Zinnecker. Und der Höhepunkt ihrer Laufbahn. Die 61-Jährige stammt eigentlich aus Baden-Württemberg, auch wenn im Allgäuer Grenzland die Trennlinien verschwimmen. Aufgewachsen ist sie bei Leutkirch, direkt an der Grenze zu Bayern. „Zum Einkaufen sind wir nach Memmingen gefahren.“ Zum Studium der Ökotrophologie ist Zinnecker nach Weihenstephan gegangen, tief hinein in den Freistaat.
Was folgte, war eine Verwaltungslaufbahn quer durch Bayern, mit Stationen unter anderem in Franken, dann in Mindelheim, in Augsburg, in München im Umwelt- und im Landwirtschaftsministerium, schließlich als Leiterin des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kaufbeuren.
Zinnecker definiert sich als Teamspielerin
In der Stichwahl löste sie 2014 Johann Fleschhut von den Freien Wählern ab – als erst dritte Person im Amt des Landrats im Ostallgäu. Dass es zwei von weltweiten Krisen geprägte Amtszeiten werden würden, ahnte sie da noch nicht. Die Flüchtlingswelle, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine – ganz normal regieren, das war für Maria Rita Zinnecker eigentlich nie möglich.
Und trotzdem hat sie Schulen sanieren lassen, das Ostallgäu wird bald dem Münchner Verkehrsverbund beitreten, sie hat den ersten Pflegestützpunkt im Allgäu auf den Weg gebracht. „Bei vielen sozialen Projekten und Themen war der Landkreis Ostallgäu in den vergangenen Jahren sehr früh und aktiv unterwegs“, sagt Zinnecker, das Thema ist ihr wichtig. Ebenso wie Klima- und Naturschutzprojekte, das Ostallgäu entwickelte unter Zinnecker das erste Klimaanpassungskonzept in Bayern.

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Die erste Landrätin Schwabens hat auch einen Wirtschaftsbeirat ins Leben gerufen und dem Landkreis eine Tourismusstrategie hinterlassen, das gab es zuvor nie. Zinnecker definiert sich als Teamspielerin, sie wird von Weggefährten auch so beschrieben. Vielleicht, sagt Zinnecker, ist das eine der Stärken von Frauen. Ihre Stärke war auf jeden Fall ihr Einsatz. Das Ostallgäu hat viel Fläche, es ist ein lang gezogener Landkreis, von den Bergen im Süden bis hinauf nach Buchloe, auf Höhe von Landsberg am Lech. Zinnecker ist viel herumgefahren, sie hat viele Hände geschüttelt, sie hat immer geschaut, dass der von Wirtschaft geprägte Norden genauso zum Zug kommt wie der vom Tourismus geprägte Süden ihres Landkreises.
Und sie hat dabei die Finanzen nicht aus dem Blick verloren. Zum Amtsantritt hatte sie das Ostallgäu mit dem historisch höchsten Schuldenstand von 50 Millionen Euro übernommen. Bis 2024 baute sie die Schulden ab auf den niedrigsten Schuldenstand seit der Gebietsreform 1972, im Zuge derer das Ostallgäu entstand: 8,5 Millionen Euro.
Maria Rita Zinnecker hinterlässt ihrem Nachfolger ein bestelltes Feld, trotzdem, sagt die 61-Jährige, fühlt sich ihre bereits vor Monaten verkündete Entscheidung richtig an. Vor allem ihrer privaten Situation wegen. Der Job des Landrats, egal ob in ihrem oder in einem anderen Landkreis, warnt sie, wird aber auch nicht leichter. Viele Entscheidungen haben sie im Ostallgäuer Kreistag einstimmig beschlossen. „Das wird sich ändern“, sagt Zinnecker mit Blick auf die AfD.

