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Open Airs in Bayern:Die Sommerfestivals stehen an

Europäische Wochen Passau

Open Airs wie der Passauer Sommernachtszauber 2020 könnten funktionieren.

(Foto: Europäische Wochen Passau)

Doch wie genau sie über die Bühne gehen sollen, tüfteln die Organisatoren noch aus. Dabei machen es ihnen die staatlichen Vorgaben denkbar schwer.

Von Sabine Reithmaier

Die Nerven liegen blank. Seit Monaten klügeln die Intendanten der großen bayerischen Musikfestivals Sitzpläne aus, erörtern Teststrategien, reden über das Für und Wider von Klimaanlagen. Doch inmitten der "Dritten Welle" verzweifeln sie zusehends am Wirrwarr der Stufen-, Hygiene- und sonstigen Konzepte, die sie auf Bundes-, Landes- oder Kreisebene ereilt haben.

Klare Direktiven fehlen. Weder wissen sie, wie viele Menschen sie einlassen dürfen, noch ist geklärt, welche Abstandsregeln gelten. Es herrscht Funkstille. Dabei lässt sich ein komplexer Festivalbetrieb nicht mit wenigen Tagen Vorlauf starten. "Wir haben seit einem halben Jahr nichts mehr gehört", sagt Andreas Bomba.

Die Bachwoche Ansbach

Der Intendant der Bachwoche Ansbach hat noch Glück, sein im Zweijahresrhythmus laufendes Festival startet erst am 30. Juli. Im Vorjahr sah Bomba den Kollegen noch zu, wie sie versuchten, mit "Streamingzeugs" (Bomba) ihre Fördergelder zu retten. Aber heuer trifft es ihn auch. Er kann ganz schnell vorrechnen, warum klare Ansagen so wichtig wären: Die Bachwoche, eine GmbH, verwaltet in normalen Zeiten einen Etat von 1,2 Millionen Euro.

In den letzten drei Festivals erwirtschaftete die Gesellschaft jeweils rund 800 000 Euro aus dem Ticketverkauf, also zwei Drittel ihrer Gesamteinnahmen. Der Zuschuss des Freistaats beträgt in der Regel 150 000 Euro, kleinere Summen kommen von Bund und örtlichen Sponsoren. Den Rest, das Defizit, müssen die beiden Gesellschafter, die Stadt Ansbach und der Verein der Freunde der Bachwoche, schultern. Wenn nur 25 Prozent der Plätze belegt werden dürfen, reduzieren sich die Einkünfte auf 200 000 Euro.

"Dann wüssten wir, die Bachwoche ist so wie geplant nicht machbar", sagt Bomba, der trotzdem vergangene Woche sein Programm veröffentlicht hat. Aber er hat auch ein Szenario in der Tasche, das nur von 25 Prozent der Plätze ausgeht. Dann finden alle Konzerte zweimal statt. "Dann komme ich auf 50 Prozent."

Die Europäischen Wochen Passau

Carsten Gerhard, künstlerischer Leiter der Europäischen Wochen (EW) Passau, hat auf diese Weise 2020 sein Festival gerettet. Allerdings hatte er es damals in den Herbst verschoben und konnte tatsächlich alle Konzerte durchziehen. Aber dieses Mal starten die EW regulär am 18. Juni, freilich nur wenn die Inzidenzen bis dahin schon 14 Tage stabil unter 100 sind. Erst dann könnte die Passauer Kreisbehörde im Einvernehmen mit dem Gesundheitsministerium die Öffnung von Konzertsälen erlauben. "Auch das ist leider kein Automatismus, sondern bedarf neuerlicher Kommunikation", berichtet er.

Seit Anfang März denkt er über unterschiedliche Strategien nach. "Alles wacklige Kisten", sagt er, seine Gemütslage sei trotzig bis heiter. "Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was ich steuern kann, sonst werde ich wahnsinnig." Falls ihm dieselben Publikumszahlen wie im Vorjahr genehmigt werden - 400 Zuhörer außen, 200 innen - ist die Finanzierung der EW gesichert. Vielleicht werden aber auch nur Open Airs zugelassen - "dann gibt es uns auch, freilich mit einem anderen Programm." Trotz aller Fragezeichen will er den Spielplan am 7. Mai veröffentlichen. "Das machen wir für uns und fürs Publikum als ein Signal, dass wir die Zuversicht nicht sinken lassen."

Musikfest ION in Nürnberg

Musikfest Ion Nürnberg

Gruppenauftritte wie "SingBach" in Nürnberg werden dieses Jahr wohl kaum realisierbar sein.

(Foto: Anestis Aslanidis)

An Verschieben oder gar Absagen denkt auch Moritz Puschke nicht. Der Intendant des Musikfest ION in Nürnberg, das am 25. Juni beginnt, wirkt vergleichsweise gelassen, vielleicht auch weil angesichts der hohen Inzidenz in Nürnberg eine reguläre Eröffnung in weite Ferne gerückt ist. Als Motto für das Festival sakraler Musik hat er "Heimkehren" gewählt. Es sei wichtig für die Konzertbesucher, mal eine Stunde zur Ruhe zu kommen, Trost zu finden in der Musik, findet er. Wie oder auf welchen Kanälen seine Konzerte stattfinden werden, weiß er nicht.

"Vielleicht machen wir aus dem ersten Konzert mit Sopranistin Anna Prohaska nur einen Videofilm", überlegt er. Flexibilität ist das Gebot der Stunde. Irgendwann wird Puschke schon erfahren, mit wie vielen Sängern der Windsbacher Knabenchor anrückt. Der wollte sich anlässlich seines 75-jährigen Bestehens auf der Internationalen Orgelwoche mit einem Uraufführungskonzert präsentieren, aber Proben in Gesamtbesetzung sind derzeit unmöglich.

Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen

Auf Streaming eingestellt hat sich Dominik Sedivý, künstlerischer Leiter der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen (24. bis 27. Juni). Er sei zwar kein Freund desselben, sagt er. "Doch jetzt geht es darum, dass die Kultur am Leben erhalten wird und die Musiker bezahlt werden", sagt er. Im Gegensatz zum Vorjahr komme eine Absage nicht in Frage.

Musikfest Eichstätt

Absagen wollte auch Heidi Gröger nicht. Sie hat das auf Alte Musik spezialisierte "Musikfest Eichstätt" (7. bis 9. Mai) als reines Streaming-Festival ohne Publikum geplant. "Damit möchten wir ein Zeichen für den Erhalt des Kulturlebens setzen und den Musikern eine Auftrittsmöglichkeit und Zukunftsperspektive bieten", schreibt die künstlerische Leiterin. Andere wie Florian Zwipf-Zaharia haben ihre Termine bereits in den Herbst verschoben. Er hofft, dass die Musikfestspiele Königswinkel in Füssen im Oktober stattfinden können. Das ebenfalls von ihm geleitete Carl-Orff-Festival in Andechs und Dießen, das im Vorjahr ganz ausfiel, soll von 10. Juli bis 8. August über die Bühne gehen.

Unterstützung? Gab es bislang für kein größeres Festival

Kein Intendant eines größeren Festivals erhielt bislang Unterstützung aus einem der aufgelegten Hilfsprogramme. "Die Förderkriterien sind nicht so gestrickt, dass sie uns helfen", sagt Gerhard. Wer seinen Etat zu maximal 40 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert, ist ausgeschlossen. "Da liegen wir in Bayern alle drüber." Ob sie Zuwendungen aus einem von Finanzminister Olaf Scholz angekündigten Sonderfonds erhalten, ist noch offen. Demnach werden Veranstalter unterstützt, die corona-bedingt "mit reduzierter Frequentierung" arbeiten müssen.

"Eigentlich genau das, was wir brauchen", sagt Bomba. Auf seine Nachfrage, wann damit zu rechnen sei, teilte man ihm Ende März mit, der Zeitpunkt, zu dem die "Wirtschaftlichkeitshilfe" vorgestellt werde, sei unklar. Doch die Bundesregierung stehe in einem "konstruktiven Austausch mit den Ländern über die administrativen Voraussetzungen des Sonderfonds". Vermutlich sind es solche Sätze, die die Intendanten nach mehr als einem Jahr Pandemie an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben.

Derzeit verfolgen sie gespannt, ob in München die Fußballspiele während der Europameisterschaft vor Zuschauern ausgetragen werden dürfen, was die Staatsregierung in Aussicht gestellt hat, obwohl es laut Bundesnotbremse unzulässig ist. "Ich begrüße die - im Hinblick auf die Gültigkeit und Einhaltung von Gesetzen - pragmatische Haltung der Staatsregierung und hoffe, dass auch Veranstalter anderer Freizeitvergnügen wie Theater, Konzerte, Festivals, Kultur entsprechendes Wohlwollen genießen" schrieb Bomba sarkastisch in einem Brief an Kunstminister Bernd Sibler. Auf die Antwort wartet er noch.

© SZ vom 29.04.2021/infu, van
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