Das berühmte „Haus am See“, das einst der Musiker Peter Fox besang, war es zwar nicht. Aber auch im Schilf am See kann es offenbar ganz nett sein. Zumindest, wenn man eine flüchtige Kuh ist und in Freiheit den Sommer verbringen will. So wie das etwa eineinhalb Jahre alte Tier, das vor zirka einem halben Jahr aus seiner Weide im oberbayerischen Landkreis Miesbach ausgebrochen war und – wie die Deutsche Presse-Agentur jetzt meldet – Ende November wieder eingefangen worden ist.
Monatelang hatte sich die Kuh erfolgreich einem Zugriff entzogen und es sich im Schilfgürtel des Seehamer Sees in Weyarn offenbar gemütlich gemacht. Alle Bemühungen des Besitzers, das Tier wieder einzufangen, blieben erfolglos. Da half kein Futter als Lockmittel und auch nicht das Hinzuziehen der Polizei. Diese habe sich, ebenfalls ohne Erfolg, „mit der Kuh befasst“, wie es heißt. Wie genau sich dieses „Befassen“ darstellte, ob sie mit Steckbrief gesucht oder eine Großfahndung eingeleitet wurde, ist nicht überliefert.
Gesichert ist jedoch, dass die Tierschutzorganisation Gut Aiderbichl sich jetzt der Sache angenommen und die mittlerweile auf den Namen Arielle getaufte Kuh letztlich auf ihren Gnadenhof in Iffeldorf gebracht hat. Zuvor mussten freilich auch die Tierschützer ihrer erst habhaft werden. Weil sie befürchteten, das Rind könnte den Winter alleine in freier Wildbahn nicht überleben, setzten sie sich mit dem Besitzer und den Behörden in Verbindung und machten sich auf die Suche nach Arielle, die monatelang zwar keine Meerjungfrau, aber – wenn man so will – eine Seekuh war.
Mittels einer Drohne spürte die Organisation das Tier auf, stellte es unter tierärztlicher Aufsicht mit einem Betäubungspfeil ruhig und barg es aus dem Schilf. Der Abenteuerausflug des Rindes ist jetzt beendet und nach dem mehrmonatigen Survival-Trip ohne Menschenkontakt ist Arielle noch sehr scheu. Aber das wird schon wieder.
Dass es sich auf den Höfen von Gut Aiderbichl, nomen est omen, gut leben lässt, hat schon eine berühmte Artgenossin von Arielle erfahren. Yvonne, die auch als die „Kuh, die ein Reh sein will“ bekannt wurde, sorgte im Jahr 2011 mit ihrer atemberaubenden Flucht durch bayerische Wälder für internationale Aufmerksamkeit und ließ sich auch von dem feschen, als Lockmittel eingesetzten Ex-Zuchtstier Ernst nicht betören. Eingefangen werden konnte Yvonne, wie jetzt Arielle, nur durch den Einsatz von Betäubungspfeilen.
Danach verbrachte sie bis zu ihrem Tod im Sommer 2019 acht sicherlich schöne Jahre auf dem Gut-Aiderbichl-Gnadenhof in Deggendorf. Kein Haus am See, aber ganz bestimmt ein würdiges Altersdomizil.

