Süddeutsche Zeitung

Artenvielfalt:Bayern bekommt vier neue Naturwälder

Forstministerin Michaela Kaniber richtet in Kürze vier große Schutzgebiete ein. Dort soll der Nationalpark-Grundsatz gelten, "Natur Natur sein lassen". Zwei der Flächen sind politisch brisant.

Von Christian Sebald

Die bayerische Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) startet eine große Naturschutzinitiative. In den nächsten Wochen lässt sie über Bayern verteilt vier weitläufige Naturwälder ausweisen. In ihnen gilt künftig der Nationalpark-Grundsatz "Natur Natur sein lassen", die Forstwirtschaft wird dort eingestellt. "Wir geben diese wertvollen, urtümlichen Wälder ganz der Natur zurück und stellen sie unter den verbindlichen Schutz des bayerischen Waldgesetzes", sagt Kaniber. "Sie sollen sich jetzt frei und ungestört entwickeln." Nach den Unterlagen, die der SZ vorliegen, summiert sich die Fläche der neuen Schutzgebiete auf etwa 5000 Hektar. Das entspricht einem halben Nationalpark. Schon 2019 hat Kaniber entschieden, fast 1000 Hektar Auwald bei Neuburg an der Donau als Naturwald unter Schutz zu stellen.

Alle vier neuen Naturwälder sind ökologisch sehr wertvoll. Die Umweltorganisation Greenpeace und der Bund Naturschutz haben sie bereits 2016 in ihrer Studie "Mehr Naturwälder für Bayern" als Anwärter für neue Schutzgebiete aufgeführt. Politisch brisant ist der neue Naturwald Böhlgrund im fränkischen Steigerwald. Das ist die Region, in der seit zwölf Jahren erbittert um die Einrichtung eines Buchen-Nationalparks gestritten wird. Denn im Steigerwald trifft man die ältesten und mächtigsten Buchen von ganz Bayern an. CSU, Freie Wähler und Staatsregierung stehen auf der Seite der Bauern, Forstleute und anderer Nationalpark-Gegner. Vor fünf Jahren hat die CSU sogar das Naturschutzgesetz geändert, um im Steigerwald ein Schutzgebiet annullieren zu können, das ein Landrat zuvor ausgewiesen hatte - in der Hoffnung, es könnte Kern eines Buchen-Nationalparks werden.

Natürlich gilt das Diktum von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weiter, dass es in Bayern keinen neuen Nationalpark und schon gar keinen im Steigerwald geben wird. Aber der neue, 850 Hektar große Naturwald im Böhlgrund ist ein starkes Signal, dass der Freistaat Wert auf den Erhalt der einzigartigen Buchenwälder im Steigerwald legt. Der Böhlgrund ist eine wilde Waldlandschaft mit steilen Hängen und Schluchten. Außer Buchen, Eichen, Linden und Eschen wachsen dort auch Elsbeeren und Speierlinge. Und man trifft viele besondere Tiere an. Allen voran den schwarz-gelben Feuersalamander. Aber auch den Netz-Rotdeckenkäfer, der einen knappen Zentimeter klein, aber mit seinem zinnoberroten Halsschild und den ebenfalls zinnoberroten Flügeldecken recht auffällig ist.

Um die Buchenwälder am Donaudurchbruch bei Weltenburg ist zuletzt ebenfalls erbittert gestritten worden. Auch sie zählen zu den ökologisch wertvollsten in Bayern. Aus diesem Grund hat die Staatsregierung erst vor einem guten Vierteljahr dort Bayerns erstes Nationales Naturmonument eingerichtet. Außerdem gibt es dort zwei Naturschutzgebiete, in denen allerdings nach wie vor Forstwirtschaft erlaubt ist. Die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) , welche die Staatswälder bewirtschaften, haben in ihnen zuletzt unzählige Buchen umgelegt. Die Folge: Naturschützer liefen so lange Sturm dagegen, bis die BaySF alle Arbeiten stoppten und die Umweltbehörden neue, strenge Regularien für die Schutzgebiete ankündigten.

Ministerin Kaniber geht nun einen großen Schritt weiter. In dem neuen Naturwald am Donaudurchbruch werden nicht nur keine Bäume mehr gefällt. Sondern er wird gute 150 Hektar größer sein als die bisherigen Schutzgebiete mit dem Nationalen Naturmonument. Das liegt auch daran, dass ihm eine Reihe kleinerer Waldstücke an der Altmühl bis über Riedenburg hinaus zugeschlagen werden. Ein besonderes Merkmal der Wälder bei Weltenburg sind die vielen Eiben. Schon die Steinzeitmenschen schätzten den immergrünen, giftigen Nadelbaum. Aus dem zähen Holz schnitzten sie ihre Bögen.

Der Irtenberger Wald in Unterfranken hingegen ist wenig bekannt. Dabei durchqueren ihn jedes Jahr Zigtausend Menschen auf der A 3 hinter Würzburg. Eine Besonderheit dort ist das Blutsee-Moor nahe der Ortschaft Kist. Der gleichnamige See hat seinen Namen von den Roten Augentieren oder Euglenae sanguineae. Das sind winzige Einzeller, die sich gelegentlich massenhaft vermehren und dann das Wasser des Sees rot färben. Natürlich ist auch der Irtenberger Wald sehr artenreich. Die Bechsteinfledermaus, der Mittelspecht und vor allem der Hirschkäfer mit seinem auffälligen "Geweih", das in Wirklichkeit sein Oberkiefer ist, sind nur eine kleine Auswahl der Arten, die dort vorkommen. 510 Hektar, das ist ein gutes Drittel des Irtenberger Waldes, werden jetzt Naturwald.

Fast fünfmal so groß - nämlich gut 2400 Hektar - sind Auwälder entlang der mittleren Isar. Als bis zu 500 Meter breites, immer mal wieder unterbrochenes Band ziehen sie sich beidseits des Flusses auf über 50 Kilometer Länge vom Münchner Norden über Freising und Moosburg bis nach Landshut. Vor allem um Freising herum ist in den letzten Jahren viel getan worden. Man hat Uferverbauungen entfernt und Deiche nach hinten verlegt, sodass die Aulandschaft wieder mehr Platz hat und der Fluss in seinem Bett Kiesbänke aufhäufen kann. Inzwischen brütet dort auch wieder der Flussregenpfeifer. Mit dem nicht minder urwüchsigen Auwald bei Neuburg an der Donau waren die Auwälder an der Isar denn auch bereits für einen Auen-Nationalpark im Gespräch, bis Ministerpräsident Söder die ganze Debatte abgesagt hat.

Gleichwohl hat auch Söder versprochen, den Naturschutz in den Wäldern zu stärken. Nach der Landtagswahl 2018 verständigten sich CSU und FW in ihrem Koalitionsvertrag auf die Einrichtung eines bayernweiten Netzwerks aus Naturwäldern. Vor gut einem Jahr - bei der Umsetzung des überaus erfolgreichen Volksgehrens "Artenvielfalt - Rettet die Bienen" - bekräftigte Söder die Zusage. Inzwischen ist das Netzwerk, das einmal 79 000 Hektar oder zehn Prozent des Staatswalds umfassen soll, im Waldgesetz verankert. Berechnungen von Naturschützern zufolge stehen allerdings erst 31 000 Hektar oder etwa vier Prozent des Staatswalds unter Schutz. Das sind die Kernzonen der beiden Nationalparks Bayerischer Wald und Berchtesgaden, die Kernzone des Biosphärenreservats Rhön und ungefähr 150 meist kleine und quer übers Land verstreute Naturwaldreservate.

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SZ vom 29.05.2020/syn
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