bedeckt München 16°

Tourismus in Bayern:Urlaub mit neuem Prädikat

Der Oberpfalzturm, der auf der 946 Meter hohen Platte steht, bietet einen weiten Blick in das Fichtelgebirge und den Oberpfälzer Wald.

(Foto: Naturpark Steinwald)

Bayern, das sind nicht nur Berge und Lederhosen, finden die Grünen. Sie wollen "Naturerlebnisdörfer" bewerben - auch als Gegengewicht zu einem "alpentümlerischen Zerrbild" vom Freistaat.

Von Christian Sebald, Friedenfels

Ein Schloss, eine Brauerei, ein Dorfladen, etliche Bauernhöfe und kleine Pensionen, dazu viele Wander- und Radwege. Das ist Friedenfels in der nördlichen Oberpfalz. Der 1300-Einwohner-Ort liegt am Fuße des Steinwalds, einem stillen Mittelgebirgsrücken mit dunklen Fichtenwäldern, leise gluckernden Bächen und wuchtigen Felspartien aus Granit, die Vogelfelsen oder Saubadfelsen heißen. Die höchste Erhebung dort ist die 946 Meter hohe Platte. Auf ihr thront der Oberpfalzturm. Von ihm aus hat man einen weiten Blick ins Fichtelgebirge und den Oberpfälzer Wald. Wenn es nach dem Grünen-Politiker Ludwig Hartmann geht, wird Friedenfels schon bald Bayerns erstes Naturerlebnisdorf sein.

"Naturerlebnisdorf" ist ein neues Prädikat für naturnahen Tourismus in den bayerischen Mittelgebirgen. Das Konzept dafür stammt von Hartmann, der Fraktionschef der Landtags-Grünen hat es in Anlehnung an das der "Bergsteigerdörfer" des Deutschen Alpenvereins (DAV) entwickelt. "Die Bergsteigerdörfer pflegen den urtümlichen Charakter ihrer Ortsbilder und ihrer Bergwelt", sagt Hartmann. "Sie verzichten auf Seilbahnen, Schneekanonen und andere technische Erschließungen der Bergnatur, sie achten auf regionale Wirtschaftskreisläufe und engagieren sich für ihre Bauern."

Oberstes Ziel der Bergsteigerdörfer ist laut Kriterienkatalog des DAV eine ausgewogene Balance zwischen dem Schutz der Natur und der Kulturlandschaft auf der einen Seite und einem umweltverträglichem Tourismus auf der anderen, der aber der örtlichen Bevölkerung Einnahmen und Zukunftsperspektiven verschafft, die sie sonst nicht hätten. Kreuth, Schleching und Ramsau sind die bisherigen Bergsteigerdörfer in Bayern. Zertifiziert hat sie der DAV, der Freistaat fördert sie finanziell.

Die "Naturerlebnisdörfer" sollen nach dem Willen der Grünen dem Konzept der Bergsteigerdörfer folgen und zugleich "ein touristisches Gegengewicht zu den bayerischen Alpen sein", die gerade in diesem Corona-Sommer unter einem nie dagewesenen Ansturm leiden. "Mit ihrem einseitigen Fokus auf Bayern, Berge, Lederhosen haben CSU und Staatsregierung über Jahre hinweg ein alpentümlerisches Zerrbild von Bayern gezeichnet, das letztlich zu einer Überlastung von Oberbayern und dem Allgäu führt", sagt Hartmann. "Dabei hat Bayern überall schöne Ecken." In der Rhön etwa, im Oberpfälzer und im Bayerischen Wald, aber auch im Fichtelgebirge, im Frankenwald und im Spessart.

Zwei Verbände wählen aus und zertifizieren

Die Naturfreunde und der Wanderverband sollen einmal die Naturerlebnisdörfer auswählen und zertifizieren. Beide Organisationen waren sofort angetan, als Hartmann ihnen sein Konzept vorgetragen hat. Die Naturfreunde sind eine gut 100 Jahre alte, von österreichischen Sozialisten gegründete Organisation für naturnahen Sport, sanften Tourismus und kulturelle Vielfalt. In Bayern zählen sie rund 20 000 Mitglieder. Der Wanderverband ist eine Dachorganisation, der so traditionsreiche Organisationen wie der Bayerwaldverein oder der Frankenwaldverein angehören. Er vertritt mehr als 100 000 Mitglieder.

"Das Konzept passt sehr gut zu uns", sagt der Präsident des Wanderverbands, Gerhard Ermischer. "Wir sind ja vor allem in den Mittelgebirgen daheim und da sind noch so viele Regionen so ursprünglich, dass die Marke sicher ein Erfolg wird." So wie Ermischer hat auch Christine Eben von den bayerischen Naturfreunden sofort zugesagt, als Hartmann ihren Verbänden die Vergabe des Prädikats angetragen hat. "Wir stehen ja von Anbeginn unserer Geschichte für einen naturnahen Tourismus", sagt Eben.

Und was sagen die Friedenfelser dazu, dass sie womöglich schon bald Bayerns erstes Naturerlebnisdorf werden. "Das wäre eine große Chance für uns", meint Bürgermeister Oskar Schuster (Freie Wähler). "Denn mit dem Prädikat täten wir uns sicher leichter, neue Gäste zu gewinnen, die Wert auf unverbrauchte Landschaften legen."

© SZ vom 27.08.2020
Wirtshaus Weißbräu Huber in Freising, 2020

Folgen der Pandemie
:Landgasthöfe leben wieder auf

Angela Inselkammer, Präsidentin der Wirte und Hoteliers, sieht eine Umkehrung des alten Trends: Die städtische Gastronomie leidet, die ländliche boomt.

Von Franz Kotteder

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite