Naturschutz:Die Bartgeier brechen auf

Naturschutz: Bavaria steigt oberhalb des Klausbachtals in der Thermik auf. Inzwischen ist der junge Bartgeier auf und davon in Richtung Wien.

Bavaria steigt oberhalb des Klausbachtals in der Thermik auf. Inzwischen ist der junge Bartgeier auf und davon in Richtung Wien.

(Foto: Sebastian Beck)

Viereinhalb Monate haben zwei junge Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden verbracht. Vor Kurzem ist Bavaria auf und davon geflogen. Wally dürfte dieser Tage folgen.

Von Christian Sebald, Ramsau

Ursprünglich hat Toni Wegscheider ja erwartet, dass Wally und Bavaria Mitte September auf und davon fliegen und sich irgendwo in den Alpen eine neue Heimat suchen, wo sie die nächsten zwei bis drei Jahre verbringen. Denn Mitte September ist für gewöhnlich die Zeit, zu der junge Bartgeier sich endgültig abnabeln und selbständig werden. Doch dann hat es sich gezogen und gezogen. Zwar sind die Ausflüge von Wally und Bavaria immer weiter geworden. Doch spätestens am nächsten Tag waren die beiden Greifvogelweibchen wieder in der Halsgrube im Nationalpark Berchtesgaden zurück, wo sie im Juni bei dem großen Bartgeier-Wiederansiedlungsprojekt des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) ausgewildert worden sind. Die SZ begleitet das Projekt von Anfang an.

"Aber jetzt hat zumindest Bavaria der Rappel gepackt", sagt Wegscheider, der das Projekt leitet. "Am Sonntag ist sie ohne jede Vorwarnung zu einem dreitägigen Direktflug in Richtung Osten gestartet. Am Mittwoch saß sie in der Rax am Schneeberg und musste sich erst einmal zurechtfinden."

Die Rax oder Rax-Schneeberg-Gruppe, wie sie offiziell genannt wird, ist ein Bergmassiv ungefähr 80 Kilometer südlich von Wien und zählt zu den Wiener Hausbergen. Der Schneeberg, an dem sich Bavaria am Mittwoch aufgehalten hat, ist mit 2076 Metern der nördlichste Zweitausender der Alpen. Der Flug dorthin war für Bavaria recht beachtlich. "Das sind immerhin um die 380 Kilometer Luftlinie", sagt Wegscheider. "Die tatsächliche Strecke war aber viel länger. Denn Bavaria hat sich im Zickzack von Gipfel zu Gipfel entlang gehangelt."

Wegscheider kann die Flüge der beiden Bartgeier-Weibchen minutiös nachverfolgen. Die beiden tragen hochmoderne GPS-Sender auf ihrem Rücken, die mindestens zwei Mal, in der Regel sogar vier Mal am Tag eine Unmenge Flugdaten an den Rechner in Wegscheiders Arbeitszimmer schicken. Die Teile sind samt dem Solarmodul, von dem sie ihre Energie beziehen, klein wie eine Zigarettenschachtel und wiegen nur 50 Gramm. Das ist weniger als ein Hundertstel des Körpergewichts von Wally und Bavaria.

Die beiden Bartgeier-Weibchen haben die Hüftgurte samt den Sendern angelegt bekommen, kurz bevor sie im Juni in der Halsgrube ausgewildert worden sind. "Jetzt, wo Bavaria abgeflogen ist, ist ihr Sender das Band zwischen ihr und mir", sagt Wegscheider. "Es ist gut möglich, dass ich sie nicht mehr wiedersehe, zumindest nicht so schnell."

"Sie wirkt irgendwie ein bisschen verloren"

Wally dagegen zieht es noch nicht so recht in die Ferne. "Am Montag, da ist sie ins Salzburger Land zum Tennengebirge hinübergeflogen, wo sie bis dahin noch nie war", sagt Wegscheider. "Da dachte ich schon, jetzt ist sie auch weg. Doch dann hat sie offenbar die Schneid verlassen." Wally hat kehrt gemacht in Richtung Nationalpark und hält sich seither im Bereich der Watzmann-Ostwand auf. "Sie wirkt irgendwie ein bisschen verloren", sagt Wegscheider. "So als würde sie Bavaria vermissen." Aber das wird nicht lange andauern. Wally wird sich schnell daran gewöhnen, dass sie jetzt alleine ist. Schließlich sind junge Bartgeier Einzelgänger. "Und dann wird sie sich auch aufmachen und sich ihr neues Streifgebiet suchen", sagt Wegscheider. "Das dauert sicher nicht mehr lange, womöglich passiert es schon am Wochenende."

Wally, für die die SZ die Patenschaft übernommen hat, und Bavaria sind inzwischen gute sieben Monate alt und "ausgesprochen fit", wie Wegscheider sagt. Ihr letzter großer Schritt in die Selbständigkeit war, dass sie auf ihren Tagesausflügen rund um den Nationalpark Berchtesgaden selbst Kadaver oder Knochen von Gämsen, Schneehühnern und anderen Wildtieren aufgespürt haben. Denn ein Grund, warum sie so beständig zu der Auswilderungsnische an der Halsgrube zurückgekehrt sind, dürfte gewesen sein, dass sie dort sicher sein konnten, auf Futter zu treffen. Wegscheider und seine Helfer haben dort bis zuletzt Läufe, Schädel, Bauchlappen und andere Überreste von Gämsen ausgelegt, die bei der Jagd anfallen und nicht vermarktet werden können. "Zuletzt waren die beiden aber nicht mehr darauf angewiesen", sagt Wegscheider. "Wally hat einmal von einem Ausflug ein totes Schneehuhn mitgebracht, ein andermal war es ein Riesenteil einer Wirbelsäule von einer Gams."

Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählen zu den spektakulärsten Greifvögeln weltweit. Das liegt vor allem an ihrer Größe - ihre Flügelspannweite beträgt bis zu 2,90 Meter -, aber auch an dem hakenförmigen Schnabel und den schwarzen Federn, die von ihm borstenartig nach unten abstehen. Von ihnen hat der Bartgeier seinen Namen. Die Greifvögel sind harmlos. Sie fressen nur Aas und Knochen. Gleichwohl sind sie in den Alpen ausgerottet worden. Das hatte mit dem über Jahrhunderte gepflegten Irrglauben zu tun, dass sie Schafen und sogar Kleinkindern nachstellen. Deshalb wurden Bartgeier gnadenlos gejagt. 1906 wurde der letzte in Österreich abgeschossen.

Aktuell leben etwa 300 Bartgeier in den Alpen

In den Achtzigerjahren startete die Wiederansiedlung in den Alpen - vom Nationalpark Hohe Tauern aus. Die Projekte waren sehr erfolgreich. Aktuell leben wieder etwa 300 Bartgeier in den Alpen. Der LBV will nun die Lücke zwischen den Populationen in den Ostalpen und auf dem Balkan schließen. Wally und Bavaria sind die ersten beiden jungen Bartgeier, die im Zusammenhang dieses Projekts ausgewildert worden sind. Im nächsten Jahr werden drei weitere junge Bartgeier folgen. So soll es die nächsten neun Jahre weitergehen. Insgesamt will der LBV bis zu 30 junge Bartgeier in die Bergwelt entlassen.

Bavaria hat es übrigens nicht lange am Schneeberg gehalten. Schon am Donnerstag hat sie kehrt gemacht und ist zurück nach Westen geflogen. Mittags war sie im Gesäuse. Die Gebirgsgruppe im Westen der Steiermark ist viel felsiger und schroffer als die Rax und in weiten Teilen ein Nationalpark. "Das Gesäuse passt viel besser zu Bavaria als die Rax, hinter der nur noch die pannonische Tiefebene kommt", sagt Wegscheider. "Sie wird sich dort erst mal eine ruhige Ecke suchen." In Österreich ist es dieser Tage auch ziemlich stürmisch. "Da ist das Fliegen selbst für Flugkünstler wie die Bartgeier kein Spaß", sagt Wegscheider. "Aber wenn der Sturm vorbei ist, wird's wieder spannend, wohin es Bavaria treibt."

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SZ-Serie: Vogelwuid
:Zwei Geier auf Sendung

Die beiden Bartgeier werden mit aufwendiger GPS-Technik Tag und Nacht überwacht. Denn immer öfter entschwinden Wally und Bavaria bei ihren Flügen aus dem Sichtfeld der Wissenschaftler.

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