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Mythen in Bayern:Aus Zeiten, als es noch keine Blitzableiter, Krankenversicherung oder Tierärzte gab

Wie sich die archaischen Mythen von einst in der Psyche der Menschen eingenistet haben, lässt sich im Wald auf der Rieglinger Höhe bei Regensburg beeindruckend nachvollziehen, vor allem im Nebel und nach Einbruch der Dunkelheit. Der Künstler Korbinian Huber hat in Bäumen eine sogenannte wilde Jagd installiert, wie sie früher jedes Kind kannte. Huber hat die grausigen Gestalten aus Metallteilen zusammengesetzt. Alles ist mit allem verbunden, der Besucher kann das Spektakel mit einer Schnur in Bewegung setzen. Wie eine klappernde Treibjagd scheint die wilde Jagd zwischen den Baumkronen in rasender Eile dahinzuflattern, während die rostenden Flügel wild quietschen, pfeifen, bellen und klappern. Gänsehaut ist garantiert, und der Gast bekommt eine Ahnung von der einstigen Drangsal durch die Mächte der Nacht und des Bösen.

Diese Vorstellungen waren geprägt von Lebensumständen, in denen sich die Menschen den Mächten der Natur hilflos ausgeliefert fühlten, als es noch keine Blitzableiter, keine Krankenversicherung und keine Tierärzte gab. Selbst der Hexenglaube war nach Recherchen von Susanne Klemm, der Leiterin des Fränkischen Museums in Feuchtwangen, bis ins 20. Jahrhundert lebendig. Noch in den Sechzigerjahren zogen Hexenbanner durch Schwaben, um Exorzismus zu betreiben und Bauernhöfe vom Hexenzauber zu befreien. Die nötigen Utensilien (Zauberstab, Nägel, Pinzetten) trugen sie in einem Koffer bei sich. Gegen Hexen, so besagte es die Volksweisheit, helfe vor allem Spitzes und Scharfes. Zum Aberglauben, so lautet Klemms Erkenntnis, neigten "eher schlichte Menschen, vor allem auf dem Land". So skurril manche Amulette, Schutzbriefe und Abwehrzauber heute auch wirkten, eines dürfe man nicht vergessen: "Die Leute damals waren schutzlos Gefährdungen ausgesetzt, die wir heute gar nicht mehr kennen."

Erstaunlich ist die Fantasie, mit der Menschen jahrhundertelang banale Dinge mit Magie aufluden, um Unheil abzuwenden. Da wurden nach Kirchenbränden geweihte Herrgottsnägel in die Sparren geschlagen oder Stalltüren mit Fellteilen und getrockneten Tierembryonen versehen. Die auf der christlichen Lehre gründende Volksfrömmigkeit vermischte sich oft mit heidnischen Überlieferungen und gipfelte in buntem Aberglauben. Die Breverl zum Beispiel, gefaltete und in Brokatkissen verstaute Briefchen mit christlichen Sinnsprüchen und Gebeten. Zum Schutz vor Dämonen, Pest, Feuer und Unwetter wurden sie um den Hals oder am Körper getragen.

Gerade beim Wetter hat so manche abergläubische Handlung bis heute überlebt. In Altötting kann man immer noch schwarze Wetterkerzen kaufen, die geweiht und dann daheim bei einem heranziehenden Unwetter angezündet werden. Um die Dämonen der Finsternis und Unheil zu bannen, werden nach wie vor Wohnhäuser und Ställe mit Weihrauch ausgeräuchert, und zwar in der Thomasnacht, an Weihnachten, Silvester sowie in der Dreikönigsnacht. "Diese abergläubischen Elemente der Bräuche haben aber abgenommen", sagt Brauchtumsexperte Ritter.

Zum Schutz- und Abwehrglauben gehörte es früher auch, einen Drudenfuß an die Stalltür zu hängen, "das gibt es in dieser Form nicht mehr. Zum Glück", fährt Ritter fort, "denn die Menschen waren ja dadurch psychisch sehr belastet." Er kannte noch Bäuerinnen, die sich abends wegen Hexen und Druden nicht mehr in den Stall wagten. Mittlerweile ist sich Ritter aber sicher: "Die Felder werden heute durch die Produkte der Agrarwirtschaft vor Schäden mehr bewahrt als durch Abwehrzauber."

Letztlich müsse jeder im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Glauben eine persönliche Einstellung finden, sagt Ritter. Für ihn wäre es vermessen zu glauben, "dass wir bereits alles verstehen. Vor 150 Jahren war die Elektrizität noch nicht zu erklären. Heute ist sie physikalisch enträtselt." Auch die Wirkung von Wünschelruten, Bauernregeln und Votivtafeln basiere immer noch weitgehend auf Erfahrungswerten. "Bauernregeln haben tendenziell einen fundierten Wahrheitskern", sagt Ritter, aber jeder müsse selbst entscheiden, ob er sich darauf einlassen will.

Dieser Text ist bereits am 30.10.2017 erschienen.

© SZ vom 30.10.2017/axi
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