Bayerische Geschichte:Mysterien der Mordweihnacht

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Auf einem zeitgenössischen Votivbild in der Pfarrkirche von Egern ist ein Ausschnitt der Sendlinger Mordweihnacht von 1705 dargestellt. (Foto: Hans Kratzer)

Die Erinnerung an den Bauernaufstand von 1705 ist bis heute nicht verblasst. Offen ist, wie der Kampf gegen die österreichischen Besatzer zu bewerten ist. Waren die bayerischen Burschen Verteidiger der Heimat oder Rebellen?

Von Hans Kratzer, München

Die Erinnerung an den Aufstand im Oberland und an die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 ist nie verblasst. Alljährlich am Heiligen Abend wird beispielsweise am Löwen-Denkmal in Waakirchen der "treuen Söhne des Oberlandes" gedacht. Schon in den 1830er-Jahren wurden im Königreich Bayern die Toten des Aufstands als Helden verklärt, die ihr Leben für "Fürst und Vaterland" geopfert hatten. Der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber hat noch vor 20 Jahren den Marsch der Rebellen aus dem Oberland gegen die habsburgischen Unterdrücker als "Symbol für das bayerische Selbstbewusstsein" hochstilisiert.

Die Geschichtswissenschaft betrachtet das Geschehen differenzierter, die Deutungen der Mordweihnacht changieren. Im Kern geht es um die Frage, ob die Aufständischen als Verteidiger der Heimat oder als Rebellen zu betrachten sind. Vor diesem Hintergrund berührte der Aufstand von 1705 diesmal sogar den Deutschen Historikertag, der am vergangenen Freitag in München zu Ende gegangen ist. Die Veranstaltung wurde begleitet von einer Blogparade, bei der Münchner Archive aufzeigten, welche Deutungskämpfe manche Bestände ausgelöst haben. Roland Götz, stellvertretender Direktor von Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising, stellte in diesem Zusammenhang die Forschungslage zur Mordweihnacht vor und rückte dabei die Sterbebücher der Pfarreien in den Blick.

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Der Aufstand von 1705 resultierte aus dem Spanischen Erbfolgekrieg, in dem sich der bayerische Kurfürst Max Emanuel vergebens auf die Seite Frankreichs stellte, denn Bayern ging in den folgenden Schlachten gegen England und Österreich unter. Kaiserliche Truppen aus Wien besetzten Bayern und quälten das Land mit hohen Abgaben, Einquartierungen und Zwangsrekrutierungen. Bald regten sich Aufstände, im Oberland sammelten sich fast 3000 Männer. Allerdings hatte ihr Eifer aufgrund der mangelhaften Bewaffnung kaum eine Erfolgsaussicht. Der Aufstand mündete am Weihnachtstag 1705 in eine Katastrophe: Vor den Mauern Münchens metzelten kaiserliche Soldaten fast 1000 Oberländer nieder. Mehrere Anführer wurden hingerichtet.

Was die Deutung der Ereignisse betrifft, richte sich der Blick der Forschung besonders auf die Sterbebücher, sagt Götz. Dort trugen die Pfarrer die Toten aus ihren Gemeinden ein. Diese Bücher zählen zu den frühesten Quellen, die das blutige Ereignis und die Reaktionen dokumentieren. Eine kritische Sicht aus kirchlicher Sicht käme laut Götz nicht überraschend. Der Freisinger Fürstbischof Johann Franz Eckher hatte als eigenständiger Reichsfürst keinen Anlass, mit den Ambitionen des bayerischen Kurfürsten zu sympathisieren. Auf Bitten der kaiserlichen Administration hatte er noch am 23. Dezember 1705 - und damit faktisch zu spät, wie Götz anmerkt - in einem Rundschreiben angeordnet, alle Pfarrer sollten ihre Pfarrkinder vor einem höchst schädlichen Aufruhr warnen; dieser widerspreche dem schuldigen Gehorsam gegen die Obrigkeit und werde "unausbleiblich" die Strafe Gottes nach sich ziehen.

Die Quellen, die Götz auswertete, zeichnen kein einheitliches Bild. Simon Nagl, Pfarrvikar von Reichersbeuern, kritisiert in seinem Sterbebuch-Eintrag die Aufständischen: "Dieses Jahr haben am 25. Dezember die nachfolgend Genannten, was den Leib betrifft, höchst unglücklich beendet, da sie jedenfalls ohne geistlichen Rat in den Krieg mit den kaiserlichen Soldaten zu Sendling gegangen sind."

Sterbebuch mit den Namen von Opfern des Aufstands von 1705. (Foto: Hans Kratzer)

Im Sterbebuch von Helfendorf ist von den "rebellierenden bayerischen Bauern" die Rede, die dem "Morden der Kaiserlichen" zum Opfer gefallen seien. Doch betrachtet sie Benefiziat Michael Bayr auch als Opfer der eigenen Obrigkeit : "Die meisten haben nicht freiwillig zu den Waffen gegriffen, sondern sie wurden von den Amtleuten gezwungen, die wiederum von anderen verführt worden sind."

Eine aus Sicht von Götz bemerkenswert abwägende Einschätzung stammt aus der Feder des Lenggrieser Pfarrvikars Elias Kaiser: "Als die Einwohner durch Abgabenforderungen, Plünderung und Raub bedrückt wurden, sind Bauern - teils aus Erbitterung, teils aus Verzweiflung und zugleich aus Liebe zum Vaterland - scharenweise zu den Waffen gestürzt, auch die Bauern im Oberland bei Tölz, Aibling usw. Doch das Schicksal blickte auf sie mit bösem Auge; denn der größte Teil wurde vom Feind hinterlistig umzingelt und teils grausam abgeschlachtet."

Götz schreibt, im Waller Sterbebuch sei der Begriff "Vaterlandsverteidiger" (defensores patriae) noch distanziert als Selbstbezeichnung der Rädelsführer des Aufstands zitiert. Kaiser habe den Bauern "Vaterlandsliebe" aber bereits als echten Beweggrund zuerkannt. Noch weiter geht das Sterbebuch von Egern am Tegernsee, in dem Pfarrvikar Alphons Hueber, Benediktiner des Klosters Tegernsee, die laut Götz mit Abstand positivste Wertung des Aufstands abgibt, die sich in einem Sterbebuch des Bistums Freising finde. Sie stehe im Gegensatz zur offiziellen Haltung seines Klosters, das sich mit gewaltigen Strafforderungen der kaiserlichen Administration wegen angeblicher Konspiration konfrontiert sah. Deshalb habe es beteuert, mit der Sache nichts zu tun zu haben.

Die Vorbemerkung zu den 31 Toten der Pfarrei lautet, in Sendling seien "neben unzähligen anderen auch aus unserer Pfarrei Egern etwa 30 für die höchst gerechte Verteidigung unseres Vaterlandes (das, o Schmerz, die Kaiserlichen so gut wie völlig unterdrückt und durch höchst ungerechte Abgabenforderungen erschöpft hatten) vollkommen unschuldig gefallen und mit barbarischer Unbarmherzigkeit auf verschiedene Weise umgebracht worden". Pfarrer Hueber war Mitinitiator eines Votivbildes, mit dem Schlachtteilnehmer der Muttergottes von Egern für ihr Überleben dankten. Es enthält eine der bekanntesten Darstellungen des Aufstands.

Götz zitiert überdies den Pfarrvikar Leonhard Buchberger, der Jahrzehnte später, 1786, im Sterbebuch von Gmund notierte, es seien "in der Sendlinger Schlacht aus der vom Bauernstand errichteten Landes-Defensions-Armee nach dreymalig von dem Feind gegebnen Pardon für ihren Fürsten und Vaterland ermordet worden: Aus Gmund, Waakirchen und Schaftlach 60. Aus Egern, Tegernsee und Kreut 49. Summa 109". Bemerkenswert früh, sagt Götz, erscheine hier die Formulierung "für ihren Fürsten und Vaterland". Diese nehme die seit dem 19. Jahrhundert vorherrschende Deutung des Todes der Opfer von Sendling vorweg. (Weitere Informationen: www.amuc.hypotheses.org).

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