Maschkera in MittenwaldMit Peitschen, Gewehrschüssen, gruseligen Masken den Winter vertreiben

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Zentral sind beim Maschkera-Treiben die hölzernen Masken, auch Larven genannt, welche die Anonymität der Männer sicherstellen.
Zentral sind beim Maschkera-Treiben die hölzernen Masken, auch Larven genannt, welche die Anonymität der Männer sicherstellen. Florian Peljak

Mit historischen Holzmasken und teils großen Kuhglocken um die Hüfte wird in Mittenwald im Alpenvorland der Fasching gefeiert. Zu Besuch bei Vogelfängern und Bärentreibern.

Von Lena Luisa Jaumann, Mittenwald

Die Kirchenglocken schlagen zwölf Uhr, nur wenige Augenblicke später fängt es auch in den Straßen Mittenwalds an zu schellen. Der kleine Markt in Bayern, umgeben von den hohen Gipfeln der Alpen, hat mit den „Maschkera“ an Fasching eine ganz besondere Tradition, die am „unsinnigen Donnerstag“ ihren Höhepunkt findet.

Überall auf den Straßen haben sich Zuschauer zusammengefunden und auch aus den Fenstern blicken die Anwohner herab – angezogen von dem bunten Spektakel, das jährlich das Dorfleben aufmischt. Noch bevor die ersten Teilnehmer des Umzugs zu sehen sind, kann man diesen schon durch laute Glocken und fröhliche Rufe hören. Den Start bilden die zwölf Schellenrührer, ein jeder steht für einen Monat, die traditionell mit schweren Kuhglocken um die Taille den Frühling wecken sollen. Im Gleichtakt springen sie in Lederhosen und weißen Hemden unter dem freudigen Jubel der Zuschauer.

Den Start bilden die zwölf Schellenrührer, ein jeder steht für einen Monat.
Den Start bilden die zwölf Schellenrührer, ein jeder steht für einen Monat. Florian Peljak

Auch Simone Festinger und ihre beiden Kinder feuern die Männer lautstark an. Sie ist eigens für den Faschingsumzug aus Stuttgart angereist. „Wir waren vor ein paar Jahren schon einmal hier“, erzählt sie. „Bis heute ist mir der traditionelle Umzug durch den einzigartigen Charme des kleinen Dorfes in Erinnerung geblieben. Deshalb wollte ich unbedingt noch einmal mit den Kindern her.“

Dann wird sie unterbrochen, denn die nächste Gruppe kommt und knallt mit lauten Peitschen, die wie Gewehrschüsse durch die Straßen hallen. Weitere Scharen folgen in verschiedensten Verkleidungen – vom bunten „Fleckerlg’wand“, einem Anzug bestehend aus hunderten bunten Stoffstücken, bis hin zum „Untersberger Mandl“, einem Paar mit überdimensionalen Hüten. Während die Kostüme unterschiedlicher nicht sein könnten, so haben doch alle eine Gemeinsamkeit: die hölzerne Maske, die das Gesicht der Akteure verbirgt.

Teilnehmer im sogenannten „Fleckerlg’wand“, einem Anzug bestehend aus hunderten bunten Stoffstücken.
Teilnehmer im sogenannten „Fleckerlg’wand“, einem Anzug bestehend aus hunderten bunten Stoffstücken. Florian Peljak

Ein Teilnehmer hinter dieser Maskierung ist Stefan Weineisen – schon seit über 40 Jahren ist er beim Maschkera-Treiben dabei. Er erklärt, dass viele Ursprünge der Verkleidungen auf die Lage Mittenwalds an der Rottstraße zurückzuführen seien – die im Mittelalter bedeutsame Handelsroute zwischen Augsburg und Venedig. So beispielsweise die „Vogelfänger“ und die „Bärentreiber“. Die Kostüme seien somit einerseits als Spott, andererseits als Verarbeitung der Eindrücke zu verstehen. Doch betont er: „Vor allem geht es aber auch darum, nach dem langen und harten Winter aus sich herauszukommen und lustig zu sein.“

Tradition mit historischer Geschichte

Schon Jahrhunderte alt ist das Brauchtum, das sich in den Maschkera mit ihren kunstvoll gestalteten Kostümen widerspiegelt und mit dem bunten Karneval andernorts nicht zu vergleichen ist. So dürfen nach Überlieferung offiziell auch nur die Männer an dem Brauch teilnehmen. In Mittenwald beginnt das Treiben bereits ab dem Dreikönigstag, wenn sich die Maschkera jeden Montag, Dienstag und Donnerstag zum „Gungln“ treffen – also spontan von Wirtshaus zu Wirtshaus ziehen, um die Menschen durch Tanzvorführungen und Musik zu erfreuen.

Das „Untersberger Mandl“, ein Paar mit überdimensionalen Hüten, ist beim Umzug durch den Ort auch immer dabei.
Das „Untersberger Mandl“, ein Paar mit überdimensionalen Hüten, ist beim Umzug durch den Ort auch immer dabei. Florian Peljak

Zentral sind dabei die hölzernen Masken, auch Larven genannt, welche die Anonymität der Männer sicherstellen. Diese Unkenntlichkeit gilt als oberstes Gebot, da während des Maschkera-Treibens das Prinzip der verkehrten Welt regiert – ein Topos, der bereits seit der Antike als mundus inversus die närrische Zeit von der geregelten Alltagswelt trennt. So sollen nicht nur die Wintergeister ausgetrieben, sondern auch die vorherrschenden Normen und Regeln durchbrochen werden.

Toni Ostler ist Holzbildhauer und hat schon zahlreiche solcher Masken angefertigt. „Als Kind haben meine Eltern zwei Larven besessen“, erzählt er. Schon damals sei er von ihnen fasziniert gewesen und habe kurzerhand versucht, sie selbst anzufertigen. Mittlerweile ist das Maskenschnitzen mehr als ein Hobby geworden: Er arbeitet die Larven nicht nur für sich selbst aus, sondern bietet sie auch zum Verkauf an.

Von fröhlich-grinsend bis hin zu zornig-düster, Holzbildhauer Toni Ostler hat jegliche Emotionen in seinem Repertoire.
Von fröhlich-grinsend bis hin zu zornig-düster, Holzbildhauer Toni Ostler hat jegliche Emotionen in seinem Repertoire. Florian Peljak

Angefertigt werden die Larven in der Regel aus Zirbelkiefer. Dieses Material punktet in gleich mehreren Aspekten: Das Holz ist leicht zu bearbeiten, wiegt wenig und fängt nicht an zu riechen. Diese Eigenschaften erklären auch die lange Lebensdauer der Masken: Über 100 Jahre sind manche von ihnen bereits im Einsatz und werden stets von Generation zu Generation weitergegeben. „Die Larven in Mittenwald sind ein bisschen kleiner als ein normales Gesicht, damit der Träger größer erscheint“, ergänzt Ostler.

Die Mimik der Masken fertigt Ostler nach Gefühl an. Von fröhlich-grinsend bis hin zu zornig-düster ist dabei die ganze Bandbreite an Emotionen abgebildet. So werden, passend zum jeweiligen Kostüm, unterschiedliche Charaktereigenschaften verkörpert. „Ich denke, jeder hier hat seine kleine Schatzkiste mit Larven darin“, sagt Ostler. Auch er besitzt mittlerweile ein Dutzend davon, aus denen er sich nun eine passende aussucht. Denn auch in diesem Jahr nimmt er wieder mit seinen Freunden am Umzug teil. Die Kirchenglocken schlagen bereits zwölf Uhr – es geht also jeden Moment los.

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