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Landwirtschaft:Nagel-Attacke im Maisfeld

Ein Nagel im Maiskolben.

Attacke im Maisfeld: In dem Kolben steckt ein rund 15 Zentimeter langer Nagel.

(Foto: Johannes Hirschlach)

In Mittelfranken häufen sich wieder die Angriffe auf Erntemaschinen. Ein einziger platzierter Nagel kann eine lebensgefährliche Kettenreaktion auslösen. Bauern vermuten, dass militante Umweltschützer hinter den Aktionen stecken.

Von Johannes Hirschlach, Neustadt/Aisch

An einem sonnigen Septembertag um 16.30 Uhr unterbricht ein schrilles Piepsen Markus Kühnles Arbeit. Ein Display leuchtet rot auf. Kühnle sitzt auf einem Maishäcksler, einer martialischen Maschine. Unter dröhnendem Brummen stopft das Fahrzeug unablässig Maispflanzen in einen metallenen Schlund. 64 rasend schnell rotierende Messer zerhauen die Stauden in kleine Stücke. Doch nach dem Piepen verstummt das monströse Gerät.

Der Metalldetektor hat angeschlagen, der Häcksler stoppt. Kühnle denkt sich nicht viel dabei. Ein eiserner Span kann schon mal vorkommen im "Maisgebiss", dem ratternden Erntevorsatz des Stahlungetüms. Doch als der Landwirt dort einige Walzen säubert, findet er einen rund 15 Zentimeter langen Nagel in einem Maiskolben. In den noch stehenden Stauden um ihn herum stecken noch mehr. 35 Nägel zieht Kühnle aus seinen Pflanzen - und ruft die Polizei.

Ein Bauer steht vor seinem Maishäcksler.

Ein einziger Nagel kann eine ganze Erntemaschine zerstören und eine lebensgefährliche Kettenreaktion auslösen.

(Foto: Johannes Hirschlach)

Markus Kühnle heißt eigentlich anders. Weil er fürchtet, noch einmal zur Zielscheibe zu werden, hat die Redaktion seinen Namen geändert. Sein Erlebnis in einem Maisfeld im Kreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim markiert den Auftakt einer rätselhaften Serie. 2019 hat die Polizei in dem mittelfränkischen Landkreis zehn sabotierte Maisäcker registriert. Das macht die Region zu einem diesjährigen Schwerpunkt in Bayern für Attacken auf Erntemaschinen.

Die Vorgehensweise ist nicht neu. Immer wieder versehen Unbekannte Maispflanzen mit Metallteilen und anderen harten Gegenständen. Mal sind es Nägel, mal Eisenstangen oder schlicht Holzscheite. Ziel der Täter ist es, den Maishäcksler zu beschädigen. Eine Statistik für den Freistaat gebe es nicht, erklärt das bayerische Innenministerium auf Nachfrage. Die Fränkische Landeszeitung berichtet von 80 Fällen 2018. Vor allem in den letzten Wochen meldeten die Behörden wieder etliche solcher Anschläge, etwa in Schwaben, Unter- und Oberfranken. In Mittelfranken waren es ein Dutzend, für die vergangenen fünf Jahre spricht das Polizeipräsidium Mittelfranken von 17 vergleichbaren Fällen. Davon aufgeklärt: null.

"Ich hab' inzwischen Schiss", gesteht Kühnle in einem ruhigen Moment. Auf der Erntemaschine sitzt er in einer verglasten Kabine, unter seinem Sitz wummert der Schredder. Verkantet sich dort etwas, können die Messer brechen und mit 25 Umdrehungen die Sekunde das Fahrerhaus durchschlagen. Auf einem Feld einige Kilometer weiter ist genau das kürzlich beinahe geschehen. Ein Messersplitter jagte durch die Maschine und verfehlte knapp einen nebenherfahrenden Traktor. "Du hockst oben und weißt nicht, was im nächsten Meter passiert", beschreibt Kühnle das Gefühl, das ihn nun beschleicht, wenn er Mais erntet. Auch befreundeten Erntehelfern sei mulmig zumute, erzählt er.

Warum es ihn und sein Feld getroffen hat, versteht der Landwirt wie all die anderen Betroffenen nicht. Die einen sehen militante Naturschützer, die anderen Konkurrenten als mögliche Täter. Doch warum ist der Mais solch ein "Hassobjekt"? Als Monokultur beäugen Umweltverbände die Pflanze seit Langem kritisch. Von 2000 bis 2017 hat sich laut bayerischem Agrarbericht die Anbaufläche für Mais im Freistaat um knapp 40 Prozent erhöht - auf insgesamt 546 000 Hektar.

"Wir können ja nicht an jedem Maisfeld einen Polizisten abstellen"

"Maismonokulturen sind für Boden und Artenvielfalt nicht gut. Und sie sind sehr verknüpft mit konzentrierter Tierhaltung", befindet Jutta Sundermann. Die Journalistin und Aktivistin ist in der Szene der Agrarkritiker gut vernetzt. Sie wundert sich über die Attacken. "Ich weiß, dass es Aktivisten gibt, die auch mal zu Sabotage greifen. Die wählen aber etwas aus, das sich gegen größere Machtpositionen richtet. Da geht es auch manchmal um die Tierhaltung", sagt sie.

Auch Josef Schmid, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, kennt die Maisproblematik. Die Körnerfrucht sei Teil eines "verfluchten Wettbewerbs", sagt er. Maissilage für Biogasanlagen statt als Rinderfutter bringe mehr Geld. Das - und eine auf Wachstum ausgerichtete Agrarpolitik - verschärfe die Konkurrenz um wertvollen Pachtgrund. Dass sich daraus immer wieder Streitereien ergeben, berichten auch andere Landwirte der SZ.

Für Markus Kühnle ist das keine Erklärung. Wegen seiner Maisfelder habe ihn niemand angegangen. Seine Silage landet ausschließlich als Futter im Kuhstall. Auch in der zuständigen Polizeiinspektion Neustadt/Aisch tun sich die Beamten mit der Tätersuche zu den aktuellen Vorfällen schwer. "Wir können ja nicht an jedem Maisfeld einen Polizisten abstellen", sagt Dienststellenleiter Siegfried Archut. Seinen Kollegen und ihm sei wichtig, "dass wir in alle Richtungen ermitteln". Er unterstellt dem oder den Tätern aber zumindest "eine gewisse Fachkenntnis, wie eine Erntemaschine funktioniert". Ansonsten gebe es kaum Gemeinsamkeiten. "Wir haben alles geprüft", sagt Archut.

Weder das verwendete Material, noch Ort und Vorgehensweise ergäben ein Muster. Mal wurden Maisfelder für Biogasanlagen, mal für Futtermais attackiert. Mal treffe es Großbauern, mal kleine Landwirte. Der Sachschaden liege inzwischen im fünfstelligen Bereich. Und für Markus Kühnle kann noch etwas folgen: Möglicherweise seien bei der Ernte Nägel unentdeckt geblieben und in die Silage gelangt, fürchtet er. Frisst eine Kuh das Eisenteil, "ist das ihr Todesurteil".

Für kommendes Jahr will Kühnle Abhilfe schaffen: Zusammen mit den anderen Maisbauern im Landkreis hat er für Hinweise eine Belohnung von 10 000 Euro ausgesetzt. Außerdem sollen an Feldern insgesamt 1000 Wildkameras aufgestellt werden, sichert Jürgen Dierauff vom Bayerischen Bauernverband zu.

Vom Maisanbau kann Kühnle nicht ohne Weiteres lassen. Gerade in trockenen Gebieten sei der "die Rettung". So wird Kühnle auch im nächsten Jahr wieder auf dem Maishäcksler sitzen - und nicht wissen, was der nächste Meter für ihn bereithält.

© SZ vom 11.10.2019/syn
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