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Militärstandorte:"Wir müssen uns rüsten für den Tag X"

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Abmarsch: US-Soldaten an bayerischen Standorten, zum Beispiel Grafenwöhr, werden in die USA zurückkehren.

(Foto: R. Wittek/imago)

Der Abzug US-amerikanischer Truppen aus Bayern löst in betroffenen Gemeinden unterschiedliche Reaktionen aus: Die einen befürchten wirtschaftliche Folgen. Andere sehen darin eine große Chance.

Von Florian Fuchs, Maximilian Gerl und Clara Lipkowski, Nürnberg/München

Hans-Martin Schertl hat eine ruhige, sonore Stimme. Er klingt wie ein Mann, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Zu drastischen Worten neigt der Bürgermeister der Stadt Vilseck in der Oberpfalz sicher nicht; für den angekündigten US-Truppenabzug von 4500 Mann aus seiner Region macht er aber eine Ausnahme - zu ernst ist die Situation. Ein "Aderlass", ein "Super-Gau" wäre der Abzug, sagt er. "Im Spielball der Mächte USA und Deutschland muss das kleine Vilseck bluten."

12 000 Soldaten wollen die USA aus Deutschland abziehen. Das hat US-Verteidigungsminister Mark Esper am Mittwoch bekannt gegeben. In Bayern betrifft dies vor allem das 2. Kavallerieregiment in Vilseck. Auch andere Standorte wie Grafenwöhr oder Ansbach-Katterbach könnten zum Teil betroffen sein. Im Detail sind die Truppenverlegungen noch nicht festgelegt. Wo ein Standort betroffen ist, wird der Aderlass allerdings gewaltig sein - er kann jedoch auch eine Chance für eine Region bedeuten.

Bürgermeister Schertl sagt, dass in Vilseck mehr als 5000 US-Soldaten stationiert sind. Wenn 4500 davon in die USA zurückverlegt werden, dann gehen auch etwa 9000 Familienmitglieder mit. "Das ist der Umfang einer kleinen Stadt." Viele persönliche Beziehungen zwischen Deutschen und US-Truppenmitgliedern würden so zerstört. Etwa 700 Millionen Euro an Kaufkraft pro Jahr generieren die US-Truppen an den nah beieinander gelegenen Standorten Vilseck, Grafenwöhr und Hohenfels. "Da hängen Gastronomen, Handwerker, Baufirmen, Händler und auch Busunternehmen dran, die die Kinder der Soldaten in die Schulen fahren", sagt Schertl. Auch würden auf einen Schlag sehr viele Wohnungen frei stehen.

Viele Arbeitsplätze in der Region würde dies kosten, befürchtet Kathrin Birner von der Gewerkschaft Verdi. "Angespannt" sei die Lage deshalb jetzt, sagt auch Richard Reisinger am Telefon. Schon öfter sei von diesem Szenario die Rede gewesen, meint der Landrat des Kreises Amberg-Sulzbach, jetzt werde es konkreter. "Wir müssen uns rüsten für den Tag X." Birner wie Reisinger fordern deshalb konkrete Wirtschaftsprogramme von der bayerischen Regierung, sollte es tatsächlich so weit kommen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat in Aussicht gestellt, der oberpfälzische Bundestagsabgeordnete Uli Grötsch (SPD) macht Druck: Es liege an Söder, nicht "Ankündigungs-Ministerpräsident" zu bleiben. Für Mitte August sei ein runder Tisch in Grafenwöhr geplant, an dem Beteiligte aller Seiten zu Gesprächen zusammenkommen sollen. Auch Reisinger hofft auf mehr Klarheit, eine Schaltkonferenz mit der Staatskanzlei war noch für diesen Donnerstag angesetzt. Bürgermeister Schertl aus Vilseck hofft erst einmal auf den 3. November. Würde US-Präsident Donald Trump nicht wieder gewählt, könnten auch die Abzugspläne vom Tisch sein.

Ohne Hilfe vom Freistaat und vom Bund wäre der Aderlass aber nicht zu verkraften, da ist sich Schertl sicher. Deshalb kann er auch keine Chance in dem angekündigten Truppenabzug sehen. Ulrike Siebenhaar von der Pressestelle der Stadt Bamberg sieht das inzwischen anders. Im Jahr 2013 wurden plötzlich US-Truppen aus der Stadt abgezogen. "Ein großer Schock", sagt Siebenhaar. Im Nachhinein betrachtet aber sei dies "wirklich befreiend für uns" gewesen. Inzwischen sind auf den Konversionsflächen Wohnungen entstanden, Kulturflächen, Gewerbe. Bamberg steht mit dieser Erfahrung nicht alleine da, es wäre ja auch nicht der erste Truppenabzug: Waren es 1985 noch 250 000 US-Streitkräfte in der Bundesrepublik, sank deren Zahl auf 70 000 im Jahr 2000. Heute sind es 36 000. Entscheidend für die Entwicklung in Bamberg war aber, dass Bund und Freistaat die Stadt unterstützten.

In anderen bayerischen Städten, die in der Nähe weiterer Stützpunkte liegen, blickt man denn auch nicht allzu bange in die Zukunft. Sicher, sagt der Oberbürgermeister von Ansbach, Thomas Deffner, wäre ein Abzug zunächst tragisch für die Wirtschaft. Für die riesige Fläche, die in Ansbach-Katterbach und im benachbarten Illesheim frei werden könnte, kursieren aber bereits mehrere Szenarien. Deffner könnte sich eine Gewerbeansiedlung vorstellen. Teilweise könne sich auch die Hochschule Ansbach vergrößern. Überfällig sei jener Hochschulausbau, findet Boris André Meyer von der Bürgerinitiative "Etz langt's", die einen Truppenabzug fordert. Damit käme endlich der für die Region so wichtige "Quantensprung in die Zukunft".

Edgar Knobloch, Bürgermeister von Grafenwöhr, geht zurzeit davon aus, dass der oberpfälzische Truppenübungsplatz - einer der modernsten in Europa - erhalten bleibt. Weder aus Washington noch aus dem Bundesverteidigungsministerium sei Gegenteiliges zu hören. Sollten die US-Amerikaner doch abziehen, eigne sich der Übungsplatz für Truppen der Nato oder womöglich der Europäischen Union. Es gehe aber nicht an, warnt er, dass die US-Amerikaner nur zu Schießübungen auf das Gelände kämen, nicht aber in der Region lebten. Denn die hohe Akzeptanz, die sie in der Bevölkerung genießen, hänge auch von der Wirtschaftskraft ab, die sie derzeit mit sich brächten. "Sie sind gerne gesehen, aber der Schießlärm ist nicht ohne. Da muss die Balance erhalten bleiben."

© SZ vom 31.07.2020/syn
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