Als Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) vor wenigen Tagen durch das Schwabenland gekurvt ist, knurrte zwischendurch sein Magen. Wie in den sozialen Medien zu sehen war, gönnte er sich in einer Landmetzgerei nahe Günzburg eine Brotzeit. Durch vorzügliche Würste wieder zu Kräften gekommen, appellierte Aiwanger sodann frohgemut an seine Follower, sie möchten doch die Metzgereifachverkäuferinnen und die Qualitätsmetzgereien wieder mehr wertschätzen.
Längst vorbei sind die Zeiten, in denen der Alltag von der Bildhaftigkeit des Metzgerwesens geprägt war. Da hieß es zum Beispiel, man kenne es gleich am Kraut, wenn eine Sau durchgelaufen ist (wenn also ein Stück Fleisch drin gelegen ist). Damals stammten noch viele Großkopferte aus stolzen Metzgerfamilien, weshalb sie von Natur aus Würsten, Sulzen und Bratenstücken zugeneigt waren. Ein aufrechter Freund der Sulz war zum Beispiel der Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU), während sein Spezl Franz Josef Strauß (CSU) eher das Kronfleisch schätzte.
Auch Strauß entstammte einer Metzgerfamilie und zog schon als dürrer Jüngling den Metzgerkarren von der Schellingstraße bis zum Schlachthof hinaus, wobei er lernte, dass man sich nicht bei jeder Arbeit durchwursteln kann. Die bayerische Gesellschaft war damals vom Metzgerwesen dermaßen durchdrungen, dass der Schriftsteller Heimito von Doderer (1896-1966) in seinem Sinnieren über die hiesige Bevölkerung nicht anders konnte, als sie in zwei Hauptgruppen einzuteilen. Die einen sind Metzger, schrieb er sinngemäß, und die anderen schauen aus wie Metzger.
Diese Herrlichkeit ist verflogen, im Bayerischen Landtag ist aktuell nur noch ein Metzgermeister vertreten. Er heißt Andreas Kaufmann (CSU) und vertritt den Stimmkreis Marktoberdorf, wo dieser Berufsstand offensichtlich noch hinreichend gewürdigt wird. Der Bundestag leidet unter einem ähnlichen Metzgerschwund wie der Landtag. Immerhin hat es Alois Rainer (CSU), der letzte Metzger im Reichstagsgebäude, zum Landwirtschaftsminister gebracht, was ihn freilich veranlasste, seine Metzgerei in Haibach sofort zuzusperren.
Das segensreiche Wirken der Metzger in allen Ehren – ihr Denken war bisweilen auch rätselhaft. Will man das Leben in seiner ganzen Tiefe erfassen, sollte man es unbedingt aus der Warte des Metzgers betrachten. Als der Münchner Hallodri Josef Apfelböck anno 1919 seine Eltern ermordete, ließ er die Toten wochenlang in der Wohnung liegen. Einer vom Autor Martin Arz dokumentierten Schauermär zufolge soll das Leichenwasser in der darunter liegenden Wohnung Flecken gebildet haben. Als die Räume neu vermietet wurden und der Bewerber auf dieses Detail hingewiesen wurde, soll dieser geantwortet haben: „Des macht gar nix. I bin a Metzger.“

