Rettung in BayernWarum der Notarzt heute länger braucht als früher

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Hilfe im Notfall: In Bayern funktioniert die Rettungskette nach wie vor gut, auch wenn die Probleme im Gesundheitssystem größer werden.
Hilfe im Notfall: In Bayern funktioniert die Rettungskette nach wie vor gut, auch wenn die Probleme im Gesundheitssystem größer werden. (Foto: Robert Michael/dpa)
  • In Bayern wird die gesetzliche Hilfsfrist von zwölf Minuten für Notfalleinsätze seltener eingehalten.
  • 2024 schafften nur noch 59 Prozent der Versorgungsbereiche diese Vorgabe.
  • Die Eignung der Klinik ist laut Experte Christian Lackner wichtiger für die Prognose als die Geschwindigkeit der Behandlung - bei Schlaganfällen sollte man besser in Spezialkliniken fahren.
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Die Hilfsfrist von zwölf Minuten wird seltener eingehalten - auch, weil die 112 oft gewählt wird, wenn kein Notfall vorliegt. Akutmediziner Christian Lackner über die abnehmende Gesundheitskompetenz der Menschen - und die Wahl der richtigen Klinik.

Interview von Nina von Hardenberg

Wie Patienten im Notfall schnell in die richtige Klinik kommen, treibt den Unfallchirurgen Christian Lackner schon seit vielen Jahren um. Er hat 2001 das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement am LMU-Klinikum in München gegründet, das mit dem „Rettungsbericht Bayern“ der Staatsregierung jährlich ein Zeugnis ausstellt, wie gut die Rettungskette funktioniert. Derzeit arbeitete er als medizinischer Experte und empfahl als Gutachter etwa die Umwandlung des Krankenhauses in Mainburg zum „Medizincampus“, wie er es nennt. Ein Gespräch über die abnehmende Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, den Charme von nächtlichen Video-Sprechstunden und die Frage, warum man bei einem Schlaganfall besser in die Spezialklinik fährt.

SZ: Vor Kurzem ist der Rettungsbericht 2025 erschienen. Der klingt, als sei das System ganz schön unter Druck: Die Zahl der Notfalleinsätze ist in den vergangenen Jahren um 28 Prozent gestiegen und auch die Fahrtzeit zum Einsatzort verlängerte sich. Was ist da los?

Christian Lackner: Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Zahl der echten und gefühlten Notfälle hat tatsächlich zugenommen, was aber daran liegt, dass Menschen immer öfter niedrigschwellig die 112 rufen, auch wenn kein echter Notfall vorliegt.

Fiebernde Kinder, eingeklemmte Finger …

Zum Beispiel. Die Menschen haben oft keine feste Hausarztbindung mehr, also kommen sie mit solchen kleineren Problemen in die Notaufnahme der Klinik. Da müssen wir etwas verändern, aber das hat nichts mit den echten Notfällen zu tun.

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Aber auch in der Notfallrettung stiegen die Hilfsfristen, also die Zeit zwischen dem Eingang des Notrufs und der Ankunft am Einsatzort. Gesetzlich geregelt ist, dass in Bayern in mindestens 80 Prozent der Fälle innerhalb von zwölf Minuten ein Rettungswagen oder Hubschrauber vor Ort sein muss. Im Jahr 2015 haben das noch 90 Prozent der Versorgungsbereiche in Bayern geschafft. 2024 nur noch 59 Prozent.

Das ist aber noch tolerabel. Das sind Planungsgrößen – keine harten medizinischen Grenzen. Das sehen Sie schon daran, dass unterschiedliche Bundesländer da unterschiedliche Hilfsfristen im Gesetz haben. Es gibt landläufig die Meinung, da geht es um wenige Minuten oder gar Sekunden.

Es heißt doch auch immer, im echten Notfall zählt jede Minute.

Klar, wenn ich jetzt hier einen Herz-Kreislauf-Stillstand habe, dann müssen Sie mich reanimieren und den Defi holen lassen.

Bloß nicht. Mein Erste-Hilfe-Kurs ist Jahre her.

Aber wenn man tatenlos wartet bis der Notarzt kommt, ist das entscheidende Intervall rum. Da nutzt uns also auch die Hilfsfrist nicht. Aber bei den anderen schweren oder lebensbedrohlichen Diagnosen haben Sie ein Zeitintervall, in dem Sie in eine Klinik kommen müssen, in eine geeignete wohlgemerkt. Die Eignung der Klinik ist mit großem Abstand der maßgebliche Faktor für die Prognose und den Therapieerfolg.

Die Wahl der Klinik ist wichtiger als die Frage, wie schnell die Behandlung beginnt?

Innerhalb eines gewissen Zeitintervalls auf jeden Fall. Die Studienlage ist da seit Jahren eindeutig.

Christian Lackner arbeitet als klinischer Experte für die Unternehmensberatung PwC und ist Vorsitzender der Claus-Enneker-Stiftung, die Forschung auf dem Gebiet der Akut- und Notfallmedizin fördert.
Christian Lackner arbeitet als klinischer Experte für die Unternehmensberatung PwC und ist Vorsitzender der Claus-Enneker-Stiftung, die Forschung auf dem Gebiet der Akut- und Notfallmedizin fördert. (Foto: CES, Gmund)

Wenn Sie selbst betroffen wären, würden sie also im Zweifelsfall an der Kreisklinik vorbeifahren, um in das Zentrum zu kommen?

Das entscheidet die Leitstelle für mich. Aber ja. Ich würde lieber weiterfahren, um in ein routiniertes Klinikum zu kommen.

Was macht hier die Eignung aus?

Das hängt vom Krankheitsbild ab. Schauen Sie sich den Schlaganfall an. Die Behandlung hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Früher bekamen Patienten nach einem Schlaganfall eine Lyse, das heißt, es wurde ein Medikament gespritzt, das den Thrombus aufgelöst hat. Das wurde auch in vielen kleineren Kliniken gemacht von Internisten oder Neurologen. Heute ist das die Domäne der interventionellen Radiologie. Diese Radiologen schieben einen Katheter in das verstopfte Gefäß und ziehen den Pfropf raus. Das ist hocheffektiv und eine solche Behandlung hat prognostisch die besten Ergebnisse. Für die interventionelle Radiologie gibt es aber bisher nur wenige Zentren in Bayern.

Und kommt man da als Patient rechtzeitig hin?

Nach aktueller Studienlage hat man nach dem Notruf 120 Minuten Zeit, um in ein solches Spezial-Zentrum zu kommen. Danach werden die Ergebnisse messbar schlechter.

Schafft der Rettungsdienst das?

Wir haben einen tollen Rettungsdienst in Bayern. Der wird, wenn sich solche medizinischen Veränderungen ergeben, auch nachgesteuert. Immer mal wieder werden Vorhaltungen angepasst und auch neue Rettungswachen aufgemacht. Mich sorgen diese sogenannten High-Code-Fälle in Bayern nicht…

… also die besonders lebensgefährlichen Fälle ...

Was mir ehrlich Sorgen macht, ist die Flächendeckung im Low-Code-Bereich, also bei den leichten, nicht lebensbedrohlichen Ereignissen. Wir haben seit Jahren eine überbordende Beanspruchung der Notaufnahmen. Das ist ein gesellschaftliches Thema. Die Menschen haben nicht mehr die gleiche Gesundheitskompetenz. Manche bekommen schon Panik, wenn das Kind fiebert. Viele haben auch keine gute Anbindung an den Hausarzt mehr. Wenn sie etwas haben oder meinen etwas zu haben, fangen sie an zu googeln. Und lesen dann von irgendwelchen hoch unwahrscheinlichen Maximalkomplikationen deren Eintrittswahrscheinlichkeit sie nicht bewerten können.

Es gibt eine allgemeine Verunsicherung. Und in dieser Situation machen derzeit viele Kliniken zu oder verkleinern sich. Das birgt enormen politischen Sprengstoff. Im Fall von Mainburg haben Sie das selbst erlebt. Sie haben als Gutachter die Umwandlung der Klinik empfohlen.

Ich war in sechs Kreistagssitzungen und in Bürgerversammlungen vor Ort. Ich habe die Kollegen versucht, mit rationalen Argumenten zu überzeugen – ist mir nicht wirklich gelungen. Da war schon eine aufgeheizte Stimmung. Hilft aber nix – Veränderungen müssen klar und vor Ort kommuniziert werden.

In Mainburg haben sie noch ein Herzkatheterlabor. Und wenn das Krankenhaus schließt, müssen an die 44 000 Menschen 30 Minuten länger als bislang in die nächste Klinik fahren. Ist doch klar, dass die dagegen sind.

Was in Mainburg verkannt wird, ist, dass die harten klinischen Voraussetzungen nicht mehr existieren, um schwere Notfälle zu behandeln. Schon jetzt nicht. Die Intensivstation, die sie dort haben, hat nicht die vorgeschriebenen sechs Betten und die vorgeschriebene fachärztliche Rund-um-die-Uhr-Besetzung. Sie können dort geplante Herzkatheter-Untersuchungen machen. Aber für echte schwere Notfälle ist Mainburg nicht der richtige Ort.

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Mindestens sechs Betten auf der Intensivstation – das sind die Art Vorgaben, an denen gerade viele kleine Häuser scheitern. Warum ist das wichtig?

Man braucht eine Mindestanzahl von Patienten und Routine, sonst leidet die Qualität. Sie dürfen jemand, der kritisch krank ist, nicht in eine ungeübte Struktur geben. Das ist ein erfolgskritischer Aspekt der Patientensicherheit.

Der Kreistag in Mainburg hat gerade dafür gestimmt, dass es dort weiterhin eine 24/7-Notfallversorgung geben soll. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich selbst habe immer von einer Notfallanlaufstelle gesprochen. Tagsüber könnte die auch von dem MVZ abgedeckt werden. Nachts hatten sie in Mainburg zuletzt zwei bis drei echte Notfälle pro Woche. Dafür rund um die Uhr einen Notdienst zu organisieren, ist wirtschaftlich nicht abbildbar.

Genau deshalb sind in Mainburg viele besorgt, dass die Notfallversorgung dann doch wieder eingestellt wird.

Diese Patienten können vom Netzwerkverbund abgedeckt werden, insbesondere von Ingolstadt und Pfaffenhofen. In der Kern-Nacht ist eine telemedizinische Anbindung ans Zentrum oder die KVB denkbar. Das funktioniert heute andernorts schon prima – auch bei älteren Menschen. Der diensthabende Arzt im Zentrum könnte antworten und er muss nur einen von drei Ratschlägen geben: Das hat Zeit bis morgen. Setzten Sie sich in ein Taxi zu uns. Oder: Bleiben Sie, wo Sie sind, ich schicke den Rettungsdienst.

Vermutlich ist bei diesen nicht lebensbedrohlichen Krankheiten vielen Menschen schon mit einem ärztlichen Rat geholfen. Trotzdem möchte ich den Politiker sehen, der Ihre nächtliche Video-Sprechstunde verkauft. Das Thema Gesundheit rührt an Existenzängste. Die Wahl können Sie gleich an die AfD verloren geben.

Es ist die Frage, wie man Bürger mit komplexen und emotionalen Themen erreicht. Ich kann nur versuchen, rational und belegbar zu argumentieren. Immer wenn etwas weggeht, muss man das Warum erklären und darstellen, was bleibt.

Im Fall von Mainburg bleibt eine „sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung“ – schreckliches Wort …

Stimmt – ich hätte Gesundheitscampus gewählt.

Sie sind ein Fan dieser Idee.

Ja, Mainburg wird in der Versorgung der Bevölkerung eine weiterhin wichtige und nachhaltige Rolle spielen. Wir haben auf dem Land auch das Problem, dass viele Arztpraxen keine Nachfolger mehr finden, weil die jungen Menschen nicht mehr als Einzelkämpfer arbeiten wollen. Auf einem solchen Gesundheitscampus können niedergelassene Ärzte in die Klinik eingebunden werden.

Gesundheitsministerin Judith Gerlach wurde in der Vergangenheit vorgeworfen, dass sie sich zu stark aus der Krankenhausplanung raushält. In Mainburg hat sie nun erreicht, dass sich das Kabinett per Beschluss hinter die Pläne stellt. Der richtige Weg?

Absolut. Sie beweist da Haltung. Auch die Regionalkonferenzen, die sie organisiert, in denen die Kliniken einer Region ihre zukünftige Zusammenarbeit abstimmen sollen, sind gut.

Und wie sehen Sie die Krankenhausreform insgesamt? Hand aufs Herz – verwalten wir damit den Mangel: zu wenig Fachärzte, zu wenig Geld? Oder sehen Sie darin eine Chance, etwas zu verbessern?

Ich sehe die Chance, dass man daraus etwas Besseres macht, als wir aktuell haben. Die große Veränderung ist, dass die Kliniken von Kompetition auf Kooperation umschalten müssen. Die Reform ist so angelegt, dass große wie kleine Häuser einen Vorteil haben, wenn sie sich in Verbünden zusammenschließen. Und das nutzt letztlich auch Patienten und Mitarbeitern. Im Beispiel Mainburg wird Ingolstadt das Zentrum für die hochaufwendigen Eingriffe. Aber die haben auch endliche Ressourcen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Patienten relativ schnell heimatnah zurückverlegt werden. Was ja für die Angehörigen auch besser ist. Und die Mitarbeiter profitieren, wenn sie in so einem Netzwerk nach persönlicher Neigung rotieren können.

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