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Bildung in Bayern:Warum streikt dauernd Mebis?

Mebis, Mail und Matheseiten - Wie Schüler trotz Corona lernen

Mal digital, mal analog: Der Alltag vieler bayerischer Schulkinder verlangt im Corona-Jahr besonders viel Flexibilität.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Die Lernplattform allein ist für den Unterricht im Lockdown schlecht geeignet. Wo die Ursachen für die Mebis-Pannen liegen könnten - und wieso nicht auf andere Programme wie Microsoft Teams umgestellt wird.

Von Andreas Glas, Anna Günther, Susanne Klein und Max Muth

Auch am Donnerstagmorgen hat es zwei Stunden lang Probleme mit der Lernplattform des bayerischen Schulnetzwerks Mebis gegeben. Wut der Eltern und Frust vieler Lehrer brachen sich in sozialen Netzwerken oder Mails Bahn. Mebis sei "für die Tonne", liest man da. Ursache war laut Kultusministerium diesmal die "stark erhöhte Last" durch die "hohe Nutzerzahl" von 220 000. Die Regierung löst die Schuldfrage auf ihre Art: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte Kultusminister Michael Piazolo (FW) ein Ultimatum gestellt. Nach den Ferien muss der Distanzunterricht laufen. FW-Fraktionschef Florian Streibl wies Söders Kritik am Donnerstag zurück: "In einer Koalition arbeitet man zusammen und stellt sich keine gegenseitigen Ultimaten oder verteilt Schuldzuweisungen." Die FW hätten im Sommer "darauf verzichtet", als Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) "schwer unter öffentlichem Beschuss stand". Die CSU reagierte prompt: "Statt die offenkundigen Probleme zu lösen, redet man die Dinge schön", heißt es aus Regierungskreisen. Über Streibls Kritik könne man nur "ratlos den Kopf schütteln".

Ungeachtet dieses Zanks stellen sich viele die Frage, was Mebis bringt und wieso nicht auf Programme wie Microsoft Teams umgestellt wird. Die Antwort ist für Lehrer, die Mebis lange einsetzen, klar: Mebis ist datenschutzkonform und Teams kann Mebis nicht ersetzen. 2012 programmiert und seit 2014 bayernweit im Einsatz, bietet Mebis neben der Lernplattform eine Mediathek mit 70 000 Audio- und Videobeiträgen, deren Urheberrechte geklärt sind. Es gibt ein Archiv mit Tausenden Arbeitsmaterialien und Prüfungsaufgaben. Neu ist Mebis-Tube, das Piazolo und Söder im Sommer angekündigt hatten: Darin stehen Erklärvideos bayerischer Lehrer verschiedenster Fächer, die bisher nur über Youtube abgerufen werden konnten.

Digitale Gruppenräume oder Konferenzen bietet Mebis nicht. Das fehlt vielen

Der Lehrer Sebastian Schmidt nennt die Lernplattform "sein Klassenzimmer", auf das Schüler auch daheim zugreifen. Darin gibt es Matheaufgaben verschiedenster Niveaus, Schmidts Erklärvideos, Tests - und sein Feedback auf hochgeladene Arbeiten. Er ist von Mebis überzeugt, ohne hätte er nicht den Deutschen Lehrerpreis 2019 gewonnen, sagt Schmidt. Gemeinsam digitalisieren 40 Lehrer den Mathestoff der bayerischen Realschulen, erstellen Aufgaben und Clips in einen eigenen Mebis-Raum. Schmidt nutzt Mebis seit 2012, auch er ist von Pannen genervt, lobt aber: "Mein Unterricht ist differenzierter, individueller und schülerzentrierter. Da kann ich zwei Stunden Ausfall verkraften."

Eine Schwäche aber wiegt schwer: Digitale Gruppenräume oder Konferenzen bietet Mebis nicht. Das können MS Teams und andere Chatprogramme, die viele Lehrer mit Mebis kombinieren. Im "Twitterlehrerzimmer" hoffen viele auf die von Söder versprochene "Bayerncloud Schule", die alles bieten soll. Wann die Cloud so weit ist, weiß niemand. Die Ausschreibung läuft.

Warum aber streikt Mebis? Sogar IT-Experten rätseln. Sie kritisieren, dass das Ministerium wenig Informationen zu Pannen herausgebe. Mebis läuft auf Basis von Moodle, einer australischen Software für verteiltes Lernen, die von vielen Universitäten eingesetzt wird, etwa der TU München. Die Probleme sind daher wohl nicht bei der Software zu suchen, sondern dort, wo der Freistaat selbst aktiv werden muss: beim Hosting der Seite und der Anbindung der Datenbank. Die 36 Server stehen laut Kultusministerium in München, verantwortlich ist das Finanzministerium. Hinter Mebis selbst stecken das Staatsinstitut für Schulqualität, die Lehrerakademie in Dillingen und externe Softwareentwickler.

Auch in anderen Bundesländern gibt es Schwierigkeiten mit den Lernplattformen

Experten der freien Wirtschaft schütteln den Kopf über die Mebis-Probleme: Wolfgang Landsberger etwa, der als Systemadministrator in München arbeitet und in seiner Freizeit das freie Wlan "Freifunk" in der Stadt mitbetreut. Er fragt sich, wieso Microsoft eine funktionierende Plattform hinstellen kann, der reiche Freistaat aber nicht. Landsberger zufolge gebe es Dutzende Experten, die helfen würden, die IT-Probleme zu lösen. Allein, weil ihren Kindern damit geholfen wäre. "Man muss halt debuggen", sagt er. Und die "Bottlenecks" finden. Debuggen, also Fehler suchen. "Bottlenecks", Flaschenhälse nennen IT-Fachleute die Stellen im Hintergrund einer Anwendung, wo sich die Daten und Prozesse stauen. Dafür müsste das Ministerium Probleme im Detail benennen.

Kaum trösten dürfte Bayerns Eltern, Lehrer und Schüler, dass es auch anderswo hakt: Mit Beginn des Shutdowns am Mittwoch brach in Mecklenburg-Vorpommern der Server für die Schulplattform "itslearning" zusammen, laut Schulministerium durch die "enorme Nutzung". Beim Nachbarn Sachsen-Anhalt konnten viele Schüler und Lehrer nicht auf die Internet-Lernplattform "Moodle" zugreifen. Und in Sachsen, wo die Schulen bereits seit Montag geschlossen sind, war die Plattform "Lernsax" laut Ministerium durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Probleme hatte auch der "Lernraum Berlin". Laut Bildungsverwaltung konnten sich nur 8000 der 108 000 aktiven Nutzer anmelden. Donnerstagfrüh lief der Log-in ebenfalls für viele ins Leere.

Am anderen Ende der Republik fiel am Mittwoch die "Online Schule Saarland" mit Lernmaterialien für 300 Schulen zeitweise aus. Vereinzelt Kritik gab es an der Plattform Logineo-NRW. Ein Schulleiter aus Pulheim klagte, bei der Umstellung auf Distanzunterricht seien Schüler und Lehrer am Montag "grandios gescheitert", weil das System abgestürzt war. Dagegen registrierte Baden-Württemberg einen Nutzerrekord der Lernplattform Moodle. Das integrierte Videokonferenztool BigBlueButton hätte 32 500 User registriert, drei Mal mehr als im Frühjahr. Damals war Moodle überlastet. Eine Kleinigkeit im Vergleich zum Fiasko mit der landeseigenen Plattform "Ella", die nach jahrelangen Schwierigkeiten 2019 endgültig scheiterte. Auch Logineo-NRW hatte lange nur Ärger gemacht, wurde 2017 ausgesetzt und erst 2019 wiedereingeführt.

Bei all diesen Pannen drängt sich die Frage auf, ob ein einheitliches bundesweites System nicht besser und zuverlässiger wäre? Doch vor solch einer Kooperation scheuen die meisten Bundesländer zurück. Befürchtet werden Nachteile für mittelständische Anbieter, die Abhängigkeit von einer einzigen technischen Basis und Gleichmacherei bei den Inhalten. Dennoch beauftragte das Bundesbildungsministerium 2017 das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) damit, eine nationale Schulcloud zu entwickeln, mehrere Millionen Euro flossen. Der Zuspruch aus den Ländern war lahm und blieb es, nachdem das Bundesbildungsministerium früher als geplant Corona-bedingt im Frühjahr allen 40 000 Schulen in Deutschland erlaubte, die HPI-Cloud zu nutzen. Doch auch dieses Renommierprojekt hatte im Mai mit erheblichen Datenschutzlücken zu kämpfen, nach wenigen Klicks waren Namen von Schülern und Lehrern frei im Netz zu lesen.

Eine einheitliche Infrastruktur ist damit wohl in weite Ferne gerückt. Nach einem Treffen im September mit Kanzlerin Angela Merkel und allen Schulministern teilte das Bundesbildungsministerium jedenfalls mit, man habe sich geeinigt auf eine "schrittweise Entwicklung einer Bildungsplattform durch den Bund, u. a. zur Vernetzung zwischen den bestehenden Systemen der Länder". Nach einem Ende des Plattform-Wirrwarrs klingt das nicht.

© SZ vom 18.12.2020/mmo/van
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