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Luchse in Bayern:Julchen zieht aus

In einem Gehege wurde sie auf die Wildnis vorbereitet.

(Foto: Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Im Fichtelgebirge ist eine junge Luchsin ausgewildert worden, die Stammmutter einer neuen Population in Nordbayern werden soll. Doch die Raubtiere sind nicht überall beliebt.

Von Christian Sebald

Die Warme Steinach ist ein Flüsschen im Fichtelgebirge. Sie entspringt am Südhang des Ochsenkopfs und mündet nach nur 25 Kilometern in Bayreuth in den Roten Main. Zwischen den Orten Warmensteinach und Sophienthal durchfließt die Steinach, wie sie von den Einheimischen abgekürzt wird, ein enges Waldtal. An den steilen Hängen links und rechts ragen mächtige, tiefgrüne Fichten in den Himmel. Oben, hinter einem alten, fein renovierten Forsthaus, das als letztes von dem vormaligen Dorf Neuhaus übrig geblieben ist, erstreckt sich der Neuhauser Wald. Wer die Einsamkeit sucht, ist hier richtig. Selbst an sonnigen Ferientagen wie diesem trifft man kaum einen Wanderer oder Radfahrer an. Der Neuhauser Wald ist Julchens Revier.

Julchen ist ein einjähriges Luchs-Weibchen. Sie streift seit einigen Wochen im Fichtelgebirge herum. Das macht sie zu einer besonderen Luchsin. Denn abgesehen von einigen wenigen Jungtieren, die immer mal wieder auf Reviersuche durch die Wälder in Bayern wandern, gibt es frei lebende Luchse im Freistaat bisher nur im Bayerischen Wald und im Steinwald in der Oberpfalz. Der Bayerische Wald ist etwa 150 Kilometer Luftlinie vom Fichtelgebirge entfernt. Die Luchse dort stammen von einigen wenigen Raubkatzen ab, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren ausgewildert worden sind. Laut Bundesamt für Naturschutz beträgt die Population 47 Tiere, Jungtiere eingerechnet.

Im Steinwald, nur knapp 30 Kilometer Luftlinie vom Fichtelgebirge entfernt, leben eine Luchsin und ein Luchs. Das Weibchen stammt ebenfalls aus dem Bayerischen Wald. Es ist vor ziemlich genau vier Jahren im Steinwald ausgewildert worden. Das Männchen ist später zugewandert. Luchs-Experten hoffen nun, dass nicht nur die beiden sich paaren. Sondern auch, dass das Männchen nächstes Frühjahr, wenn Julchen geschlechtsreif ist, mal vom Steinwald ins Fichtelgebirge zu ihr hinüberschaut und die drei Raubkatzen Stammeltern einer neuen Luchs-Population in Nordbayern werden.

Luchse sind faszinierende Raubtiere. Allein wegen ihres rötlich bis gelbbraun gefleckten Fells, das so individuell gezeichnet ist, dass Experten jeden Luchs daran identifizieren können. Aber auch wegen der kräftigen Haarpinsel an den Ohren und dem ausgeprägten Backenbart. Und dann ist da ihr extrem feines Gehör, mit dem sie aus 50 Metern Entfernung das leise Rascheln einer Maus wahrnehmen können. Und natürlich ihre phänomenalen Sprints. Bevor sie ihre Beutetiere mit einem einzigen Kehlenbiss töten, beschleunigen sie bis auf Tempo 70.

Doch der Luchs hat es schwer in Bayern. Die Raubkatzen waren hier einst weit verbreitet. Aber sie waren wenig gelitten. Die Jäger sahen sie als Konkurrenten, die Bauern fürchteten um ihre Rinder, Schafe und Ziegen auf den Weiden. Also wurden die Luchse rücksichtlos gejagt. Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie ausgerottet. Luchse sind seit Langem streng geschützt. Seit Kurzem breiten sie sich allmählich wieder aus im Freistaat - auch dank gezielter Auswilderungen wie im Fichtelgebirge.

Junger Luchs im Fichtelgebirge ausgewildert

Julchen streift irgendwo durchs Fichtelgebirge.

(Foto: dpa)

Gleichwohl wollen viele Jäger und Bauern die Luchse nicht dulden. In den vergangenen Jahren haben im Bayerischen Wald immer wieder Wilderer den Raubkatzen nachgestellt - mit Gewehren, Gift und Schlingen. Erst seit Polizei und Justizbehörden die Wilderei intensiv verfolgen, wächst die Population. Zwar wurde bisher kein Täter dingfest gemacht. Zuletzt stellte das Landgericht Regensburg das Verfahren gegen einen Verdächtigen ein, weil man ihm die Straftat nicht nachweisen konnte. Aber inzwischen ist die Furcht der Luchs-Gegner vor Enttarnung offenbar so gewachsen, dass schon länger keine Raubkatze mehr gewildert worden ist. Zumindest gibt es keine Hinweise darauf.

Die beiden Menschen, die Julchen wohl am besten kennen, sind Sybille Wölfl und Martin Hertel. Wölfl, die im Bayerischen Wald lebt und forscht, ist eine renommierte Luchs-Expertin. Sie hat sich um Julchen gekümmert, als die - "gerade mal acht Wochen jung und leichtgewichtiger als eine Hauskatze", wie Wölfl berichtet - vor gut einem Jahr verwaist auf einer Straße nahe dem Bayerwald-Ort Waldmünchen gefunden wurde - "hilflos, verängstigt und aggressiv". Hertel ist Vize-Chef des Staatsforstbetriebs Fichtelberg. Er und seine Mitarbeiter haben Julchen einige Wochen lang betreut, als sie oben im Neuhauser Wald in einem weitläufigen Gehege auf ihre Freilassung vorbereitet wurde.

Erst nach vier Wochen gab Wölfl die Suche nach Julchens Mutter auf

In den Tagen nach Julchens Entdeckung nahe Waldmünchen tat Wölfl alles, um das Jungtier wieder mit seiner Mutter zusammenzubringen. "Tagelang haben wir die Wälder rund um den Fundort abgesucht", sagt Wölfl. "Dann haben wir das Gebiet mit einer Drohne überflogen." Später spielten sie nächtens von einem Tonband Aufnahmen von Julchens kläglichen Rufen ab, auf dass das Muttertier sich melde.

Erst nach vier Wochen gab Wölfl die Suche nach Julchens Mutter auf. Sie hat sich darauf konzentriert, die Luchsin aufzupäppeln. "Und das war richtig anstrengend", sagt sie. Julchen ist extrem scheu und wehrte sich gegen jeden Kontakt zu Menschen. Doch sie musste alle vier Stunden gefüttert werden. "Anfangs sogar von Hand mit Katzenaufzuchtsmilch." Im Oktober 2019, Julchen war inzwischen so vital, dass die Betreuung Wölfls Kräfte überstieg, wurde sie in eine spezielle Wildtierstation in Niedersachsen gebracht, in der sie über den Winter blieb.

Im April 2020 kam der Förster Hertel ins Spiel. Denn nach langem Hin und Her war die Entscheidung gefallen, dass Julchen im Fichtelgebirge eine neue Heimat finden soll. Hertel ist der richtige Mann für die Vorbereitungen. Er hat ein Faible für Luchse. Hoch oben im Neuhauser Wald, wo er sich ziemlich sicher sein konnte, dass kein Wanderer und kein Radler vorbeikommen würde, richteten der Förster und seine Mitarbeiter ein weitläufiges Gehege für Julchen ein. Sie statteten es mit Kratzbäumen, einer Ruhehöhle und anderen Schikanen aus. "Und als Julchen da war, haben wir ihr täglich Vogelkadaver, Rehfleisch und anderes Futter vorbeigebracht", berichtet Hertel.

Nun ist die Luchsin schon acht Wochen in Freiheit. Es war an einem Freitagabend im Juni, als die Tür ihres Geheges geöffnet wurde. Julchen, inzwischen eine vitale Jungluchsin mit 14 Kilo Gewicht und an die 45 Zentimeter Schulterhöhe, hat das zunächst ignoriert, obwohl sie es genau registriert hatte. So berichtet es Wölfl, die die Prozedur aus der Ferne beobachtet hat. Sie und eine Reihe weiterer Beobachter wollten unbedingt erleben, wie Julchen aus dem Gehege in die Freiheit wechselt.

Die Luchsin hat sie alle ausgetrickst. Sie ist im Gehege geblieben - bis auch der letzte Beobachter verstanden hatte, dass sie ihnen den Gefallen nicht tun würde. Nach einer Stunde gaben Wölfl, Hertel und die anderen auf und zogen ab. Sogar die Fotofalle, die den entscheidenden Moment dokumentieren sollte, hat ihn verpasst. Zwar zeigt die Sequenz, wie Julchen in der offenen Tür steht. Erst blickt sie nach links, dann nach rechts. Doch dann unterbricht die Sequenz kurz. Als die Kamera wieder einsetzt, ist Julchen weg.

© SZ vom 14.08.2020/amm
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