Kalt ist die Luft, ruhig die Atmosphäre. „Unglaublich, oder?“, flüstert Joachim Salzmann, der Vorsitzende des Vereins der Lohrer Karfreitagsprozession, und blickt auf die historischen Figuren in der Kirche: Jesus, bei der Geißelung, Jesus, wie er das Kreuz trägt, Maria mit den toten Jesus im Arm. In zwei Tagen werden sie aus St. Michael getragen, doch noch verharren sie dort – stumm und andächtig und von einer bezwingenden Ausdruckskraft. Es sind die kleinen Details: die feinen Falten an den Fingern, das tiefe Leid in den Gesichtszügen. Für Salzmann sind die Statuen kein neuer Anblick. Im Gegenteil: Der gebürtige Lohrer ist schon seit Jahrzehnten dabei, leitet den Verein und trotzdem glänzen seine Augen beim Anblick noch wie am ersten Tag. Salzmann war auch der Initiator für die Bewerbung zum immateriellen Kulturerbe Bayerns. Das hat nun geklappt, gerade erst ist die Karfreitagsprozession in die Liste aufgenommen worden.
Die Figuren sind teils mehr als 300 Jahre alt und bilden den Leidensweg Jesu Christi ab. „Der Kreuzweg ist jetzt nichts, was man nicht überall finden könnte“, erzählt Pfarrer Manfred Hock. Doch während der Leidensweg in der Regel in Bildern dargestellt werde, trägt man ihn in Lohr mit dreizehn Figurengruppen durch die Straßen. Auf den Schultern der Träger werden die Last und das Leid damit physisch spürbar, während die Bilder für die Besucher über den Köpfen der Menge zu schweben scheinen. Ob tief religiös oder einfach kulturinteressiert – „es ist diese besondere Atmosphäre, die jeden in den Bann zieht“, sagt auch Bürgermeister Mario Paul.
Eingeführt wurde die Lohrer Prozession wohl kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg – eine genaue Dokumentation ist nicht vorhanden. Doch der Ursprung soll in der Gegenreformation liegen, in Zeiten des wieder erstarkenden Katholizismus. Zuvor war die Stadt fast 60 Jahre lang evangelisch gewesen. Salzmann erklärt: „Es war nichts anderes als Werbung.“ Für den Katholizismus, meint er.
Schon von Beginn an wurden die Bürger eng eingebunden, indem man die einzelnen Leidensstationen verschiedenen Zünften anvertraute. Jede Berufsgruppe ist für eine Figurengruppe zuständig, sie schmücken sie und tragen sie bei der Prozession durch den Ort. Bis heute bleibt diese geteilte Verantwortung bestehen, auch wenn die Gruppen mittlerweile um neue Berufsfelder erweitert wurden. Fachingenieure und ITler gab es früher eben noch nicht. „Wir dirigieren nichts“, betont Salzmann. „Wenn sich der Zeitgeist in diese Richtung bewegt und wir meinen, es ist richtig so, dann lassen wir es zu.“

Um die Brücke zur Gegenwart zu schlagen, sei unter anderem auch das „Kreuz unserer Zeit“ zum Umzug beigefügt worden. Von den Pfadfindern getragen, ist das schlichte Holzkreuz mit aktuellen Begriffen wie Hass, Hunger und Spaltung versehen. Zudem hätten Frauen früher nur die Station der Pieta tragen dürfen – heute ist dies bei allen Figuren möglich.
Historisch betrachtet ist eine solche Prozession kein Einzelfall. Auf diese Weise fand eine Art religiöse Belehrung statt, in einer Zeit, in der viele Menschen weder lesen noch schreiben konnten. Während andere Veranstaltungen dieser Art allerdings mit der Zeit verschwanden, blieb die Karfreitagsprozession in Lohr bestehen. Salzmann führt das auf zwei Aspekte zurück: „Wir waren zum einen ein Grenzgebiet, zum anderen auch einfach Sturköpfe.“ Dadurch habe sich die Tradition über die Jahrhunderte hinweg zum Identitätsmerkmal der Stadt entwickelt, das sowohl von der jungen als auch der alten Generation getragen werde.

Besonders geschätzt wird an der Lohrer Prozession die Stille. Sobald der Zug sich den Besuchern nähert, verstummen die Menschen wie von selbst, erzählt Hock. Es sei eine Szene von unglaublicher Eindrücklichkeit. Nur der Paukenschlag im Vierer-Takt ist zu hören: eins, zwei, drei, vier, bumm. In diesem Rhythmus zieht die Prozession vorbei. „Das ist etwas, das mir auch Tage danach noch im Ohr bleibt“, sagt der Pfarrer.
Die Leute kommen, um einen Umzug zu sehen und sie gehen, nachdem sie an einer Prozession teilgenommen haben.Joachim Salzmann über die Lohrer Karfreitagsprozession

Immer mehr Besucher kommen am Karfreitag nach Lohr, das habe jedoch nichts an der Prozession geändert. „Die Menschen laufen nicht wegen der Passanten, sondern sie laufen für sich selbst“, sagt Salzmann. Trotzdem sei das zunehmende Interesse ein schöner Nebeneffekt, da die Zuschauer oftmals nach der Prozession zu ihnen kämen und von ihren Eindrücken erzählten. Erst im vergangenen Jahr habe eine Frau berichtet, dass gerade dieses Verurteilt werden und das „Schläge-Abbekommen“ das sei, was sie in ihrem eigenen Leben derzeit belaste. Die Prozession habe sie nicht nur zum Nachdenken angeregt, sondern ihr auch Halt gegeben.
Eine der treuen Teilnehmerinnen an der Prozession ist Katja Lorenz: Schon seit ihrer Kindheit ist sie dabei und bis heute tief im Brauchtum verwurzelt. Begonnen hat sie im Alter von fünf Jahren an der Station des Heiligen Kreuzes. In einem weißen Kleid trug sie mit vier weiteren Mädchen einen goldenen Kelch, in welchen symbolisch das Blut des gekreuzigten Jesu fließt. Später schulterte sie die Pieta: Maria mit dem toten Jesus im Arm. Diese wird traditionell nur von unverheirateten Frauen getragen. „Damals war das noch strenger“, erzählt Lorenz. „Sobald man einen Freund hatte oder gar schwanger war, durfte man sie nicht mehr tragen.“


Mittlerweile ist sie an der Station des „Kreuzschleppers“ aktiv, die von Mitgliedern der Gärtnerinnung, der Landwirte sowie den Bediensteten des Forstes betreut wird. Für den Karfreitag hat sie die ersten Vorbereitungen getroffen: Die Figur ist geputzt, die Blumen und der Efeu sind bestellt, sodass die Station rechtzeitig hergerichtet werden kann. Sie selbst wird auch beim Umzug mitgehen, doch das Tragen der Figur überlässt sie den Männern. „Sie ist einfach zu schwer“, erklärt Lorenz. Nicht nur das enorme Gewicht sei eine Herausforderung, sondern auch der unebene Untergrund mit dem Kopfsteinpflaster.
Sie erinnere sich noch gut: Wenn man einmal aus dem Schritt kommt, merkt man das schnell an Schmerzen im Rücken. Trotzdem freut sie sich auf die Prozession. „Im Umzug selbst ist es noch einmal etwas ganz anderes“, erzählt sie. Den ganzen Weg schaue man auf den Rücken der Figur und konzentriere sich wirklich nur darauf. Es gleiche einer Meditation: „Ich habe dann Zeit herunterzukommen und mich zu fragen: Was hat er getan? Und was tue ich?“
Nicht nur für die Träger stellt sich die Prozession als Herausforderung dar. Auch die Figuren werden stark beansprucht. Durch die unvermeidlichen Schwankungen beim Tragen entstehen starke Spannungen, weshalb es zu Rissen im Material kommen kann. Gerade bei Regen leiden diese noch mehr, da sich das Holz dann ausdehnt. „Ich habe dann ganz weiche Handtücher dabei und tupfe sie immer möglichst trocken“, sagt Lorenz. Doch in diesem Jahr sehen die Prognosen gut aus: Die Sonne soll scheinen und die Temperaturen wieder steigen.

