Kulturgutschutzgesetz:Bayern gibt wertvolle Kulturschätze an Italien zurück

Lesezeit: 3 min

Kriminalhauptkommissar Christian Klein packt in der Asservatenkammer ein antikes Keramikgefäß aus Italien aus. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Helme, Schalen, Münzen: Die Objekte waren vor Jahren aus italienischen Museen gestohlen, illegal ausgegraben und nach Bayern gebracht worden. Das LKA hat sich auf solche Fälle spezialisiert.

Ein illegal ausgegrabener korinthischer Bronzehelm, aus einem italienischen Museum gestohlene Münzen: Bayern hat wertvolle Kunst- und Kulturgegenstände an Italien zurückgegeben. Sie waren vor Jahren aus italienischen Museen gestohlen oder illegal ausgegraben und nach Bayern geschmuggelt worden. Der Vizepräsident des bayerischen Landeskriminalamtes, Guido Limmer, übergab die Gegenstände den Behörden in Rom, wie das LKA am Montag mitteilte.

Unter den zurückgegebenen Gegenständen befanden sich den Angaben zufolge ein vermutlich in Süditalien illegal ausgegrabener korinthischer Bronzehelm, den ein Mann illegal nach Bayern gebracht hatte und vier römisch-byzantinische Goldmünzen, die 2009 aus dem Archäologischen Nationalmuseum in Parma gestohlen worden waren. Einige von ihnen entdeckten die Ermittler im Handel, andere im Privatbesitz.

Newsletter abonnieren
:Mei Bayern-Newsletter

Alles Wichtige zur Landespolitik und Geschichten aus dem Freistaat - direkt in Ihrem Postfach. Kostenlos anmelden.

Außerdem wurde eine mehr als 2500 Jahre alte Schale mit Bildmotiven aus der griechischen Mythologie zurückgegeben, bei der es sich um eingetragenes, italienisches Kulturgut handelte. Die Schale war laut LKA unerlaubterweise aus Italien ausgeführt worden und sollte in einem Münchner Auktionshaus versteigert werden. Auch ein 2006 aus dem Mailänder Museum Castelo Sforzesco gestohlenes Embriachi-Kästchen mit Schnitzereien aus Tierknochen wurde den italienischen Behörden bei der Rückgabe am Sonntag übergeben. Das Kästchen war laut LKA von Italien über Großbritannien und Belgien nach Deutschland geschmuggelt und dort zum Verkauf angeboten haben.

Christian Klein ist so etwas wie der oberste Kunstfahnder Bayerns und war bei der Übergabe in Rom dabei. Seit sechs Jahren leitet er das Sachgebiet 622 "Sonderermittlungen/Kunst/NSG" beim Bayerischen Landeskriminalamt. Mit NSG sind Verbrechen aus dem Zeit des Nationalsozialismus gemeint - weil inzwischen kaum noch Täter leben, ein kleiner werdender Zweig.

SZ PlusKeltengold-Diebstahl
:"Die Mona Lisa wäre niemals so berühmt, wäre sie nicht gestohlen worden"

Susanna Partsch schreibt über berühmte Kunstdiebstähle. Ein Gespräch über den Fall Manching, ignorante Räuber und einen tröstenden Gedanken.

Interview von Thomas Balbierer

Ein wachsender Zweig ist dagegen das kriminelle Geschäft mit der Kunst: Hunderte beschlagnahmte, mutmaßlich gefälschte Bilder lagern in einer speziellen Asservatenkammer des LKA in der Nähe des Münchner Olympiaparks, die einem Museumsdepot ähnelt. Die Räumlichkeiten sind so klimatisiert, dass Temperaturunterschiede draußen dort nicht zu spüren sind und so die weniger wertvollen Fälschungen, vor allem aber die sehr viel wertvolleren, alten, archäologischen Fundstücke dort keinen Schaden nehmen. "Das meiste sind antike Münzen", sagt Klein über die Kulturgüter, die in der Asservatenkammer lagern.

Denn der Fall, der nun in Rom zum Abschluss gekommen ist, ist kein Einzelfall. Mit Dutzenden Straftaten, in denen es um mutmaßlich geraubte Kulturgüter aus anderen Ländern geht, befassen Klein und sein Team sich pro Jahr - Tendenz steigend. "Es gibt einfach immer mehr Wissen in dem Bereich, immer bessere Vernetzungen zwischen den Ländern und darum steigt auch die Fallzahl", sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

München gilt als Hotspot - nicht nur wegen seiner Nähe zu Italien

Auch auf Seiten der Justiz wurde entsprechend aufgerüstet. München gilt als Hotspot - nicht nur wegen seiner Nähe zu Italien, sondern auch, weil es dort so viele Auktionshäuser gibt, in denen die Kulturgüter von Zeit zu Zeit auftauchen. Bei der Staatsanwaltschaft München I beispielsweise kümmert sich Staatsanwältin Stöckel neben Fälschungsdelikten hauptsächlich um geraubtes Kulturgut aus aller Welt. Am 21. Juni wird sie die Anklagebehörde wieder in einem Fall vor Gericht vertreten, in dem es um Kulturschätze aus der Ukraine geht.

Bis 2016 war es den Fahndern in solchen Fällen nur möglich, wegen Hehlerei zu ermitteln, seither aber haben sie ein etwas schärferes Schwert bekommen. Im August 2016 trat das Kulturgutschutzgesetz in Kraft, das die illegale Aus- und Einfuhr von Kulturgütern aus und nach Deutschland unter Strafe stellt und den illegalen Handel damit. Nach Angaben des Büros von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) wurden seit Inkrafttreten der Regelung rund 2000 Gegenstände an EU-Mitgliedsstaaten zurückgegeben. 2018 waren es den Angaben zufolge drei Gegenstände, 2019 mehr als 1000, 2020 waren es 38, 2021 insgesamt 884, 2020 waren es 10 und diesem Jahr bislang 15. Die Zahlen variieren nach Angaben eines Sprechers darum so stark, weil 2019 und 2021 zahlreiche Münzen zurückgegeben wurden, die einzeln zählen.

Der vermutlich in Süditalien illegal ausgegrabene korinthische Bronzehelm, den ein Mann illegal nach Bayern gebracht hatte. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Doch auch bei der aktuellen rechtlichen Regelung bleiben Probleme. Nach Angaben des bayerischen Justizministeriums fielen seit 2017 bayernweit nur zwei Urteile gegen Menschen, die nach dem Kulturgutschutzgesetz strafrechtlich verfolgt wurden. "Die größte Schwierigkeit ist, die Herkunft eines Gegenstandes nachzuweisen", sagt Klein. Das römische Reich beispielsweise sei ja nun einigermaßen groß gewesen - und ob der Gegenstand nun in das heutige Italien gehört, nach Mazedonien oder in die Türkei, das herauszufinden, sei die größte Herausforderung. "Da erheben dann manchmal mehrere Länder Anspruch." Italien sei aber das Land, mit dem er und sein Team mit am häufigsten zu tun hätten, sagt Klein. Einige Anfragen gebe es - neben anderen Ländern - vorwiegend aus Spanien, Bulgarien, der Türkei, Peru oder Mexiko.

Dem Unesco-Übereinkommen von 1970 zum Schutz von nationalem Kulturgut seien rund 130 Länder beigetreten. Wie sehr ein Land seine Kulturgüter aber schützt und ob es - wie Deutschland - eine Liste dazu führe, sei sehr unterschiedlich, sagt Klein. Diese Unterschiede machten sich auch Kriminelle zunutze, beispielsweise indem sie ihre Reisewege über Länder verschleierten, die nicht so viel Wert auf den Schutz dieser Güter legten. Die Rückgabe, die nun erfolgte, sei einer seiner herausragenden Fälle, sagt Klein. Behörden nicht nur in Italien, sondern auch in Belgien und den Niederlanden seien beteiligt gewesen. "Internationale Observationsmaßnahmen" habe es gegeben, bis der Mann, der unter anderem einen korinthischen Bronzehelm nach München geschmuggelt hatte, auf frischer Tat am Bahnhof ertappt wurde. "Das war einer der spektakulärsten, schönsten Fälle."

© SZ/dpa - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusKriminalfall in Bayern
:Der Junge ohne Namen

Vor sieben Monaten entdeckt ein Kanufahrer in der Donau eine Kinderleiche, verpackt in einem Paket aus Plastik. Das Kind ist keine acht Jahre alt, blaue Augen, helles Haar. Wer ist der Junge?

Von Lisa Schnell

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: