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Schriftstellerin Lena Christ:Sie blickt ins Innerste

lena christ

Lena Christ im Alter von etwa 17 Jahren. Als uneheliches Kind litt sie unter der gewalttätigen Mutter. Mit Zyankali nahm sie sich 1920 das Leben.

(Foto: SZ-Photo)

Vor 100 Jahren starb Lena Christ, eine der größten Schriftstellerinnen, die Bayern hervorgebracht hat. Deren Vita ist wieder mal ein Beispiel dafür, dass große Literatur oft aus einem verkorksten Leben entsteht.

Von Hans Kratzer

Schon der Psalmist klagte, das Leben sei ein Jammertal, es währe 70, wenn's hoch kommt, 80 Jahre, und wenn's köstlich war, "so ist es Mühe und Arbeit gewesen." Der Schriftstellerin Lena Christ, die vor 100 Jahren gestorben ist, war nicht einmal das vergönnt. Ihr Leben währte keine 40 Jahre und war in dieser kurzen Zeit voller Ängste, Demütigungen und Abgründe. Dieses geballte Elend sorgte freilich dafür, dass der Name Lena Christ die Zeiten überdauerte.

Denn große Literatur erwächst gerne aus einem verkorksten Leben, wie ihr 1912 erschienener autobiografischer Roman "Erinnerungen einer Überflüssigen" geradezu mustergültig belegt. An einer Stelle schildert Lena Christ, welche Art von "Mutterliebe" sie als Kind genoss: "Als ich einmal beim Vaterunser statt auf das Kruzifix zum Fenster hinaussah, schlug mich die Mutter ins Gesicht, dass mir das Blut zu Mund und Nase herauslief, auch bekam ich nichts zu essen und musste während der Mahlzeit am Boden knien."

Vielleicht kamen ihr diese Schikanen nochmals in den Sinn, als sie am 30. Juni 1920 im schlichten schwarzen Seidenkleid mit der Trambahn zum Harras fuhr und dann zum Waldfriedhof marschierte, wo ihr Ehemann Peter Jerusalem ihr jene Giftampulle zusteckte, mit der sie ihrem Leben ein Ende setzte - aus einiger Distanz beobachtet von Jerusalem, der die Friedhofskanzlei benachrichtigte. Im Münchner Waldfriedhof wurde Lena Christ auch beerdigt, und es passt zu ihrem fast irrealen Dasein, dass an der Grabstätte als Todesdatum der 31. 6. 20 vermerkt ist, ein Tag, den es kalendarisch gar nicht gibt.

"Lena Christs Leben war von einer albtraumhaften Trostlosigkeit", sagt der Literaturwissenschaftler Reinhard Wittmann. Dabei wurde ihr literarisches Können schon zu Lebzeiten nicht in Zweifel gezogen. In einer in den 20er-Jahren erschienenen Literaturgeschichte ist nachzulesen, sie sei "rein dichterisch vielleicht neben Annette Droste das größte, stärkste, sinnlichste Talent unserer ganzen Literatur". Allerdings erfolgten derlei Würdigungen eher selten, nur wenige folgten später dem wertschätzenden Urteil des Historikers Hans F. Nöhbauer. Für ihn zählte Christs Gesamtwerk "zum Besten, zum Ehrlichsten und Erschütterndsten, was in Bayern je geschrieben wurde".

Es ist ein großes Rätsel, warum sich die akademische Wissenschaft mit Lena Christ lange Zeit kaum befasst oder sie höchstens als "volkstümliche Bauernpoetin" bewertet hat. Unverständlich ist auch die Ignoranz feministischer Literatinnen, die mit Lena Christ bis in die Gegenwart herein kaum etwas anfangen konnten. Nicht selten verzapften sie sogar Unsinn über sie. Noch in den 90er-Jahren wollten manche Feministinnen bei Lena Christ einen präfaschistischen "Zurück-zur-Scholle-Traum" erkennen. Und in diversen Kompendien zur Frauen-Literatur wird sie entweder nur in einem Nebensatz oder gleich gar nicht erwähnt.

Dass sie ein "Bankert" war, verstieß gegen den Moralkodex ihrer Zeit

Lena Christ kam am 30. Oktober 1881 als uneheliches Kind einer Köchin auf die Welt. Damit war das Elend in einem bigotten Umfeld bereits programmiert. Dass sie ein "Bankert" war, wie man uneheliche Kinder damals nannte, verstieß gegen den Moralkodex. Ihre Mutter geriet wegen des Fehltritts in Schimpf und Schande, ihre Wut darüber ließ sie an der Tochter aus. Die frühen Kindheitsjahre erlebte Lena zwar noch glücklich bei den Großeltern im oberbayerischen Glonn, aber dann geriet sie im rauen Münchner Wirtshausmilieu unter die Knute ihrer gefühlskalten, sie stets misshandelnden Mutter.

Lena Christs Lebensgeschichte ist gewiss nicht einzigartig. In Literatur gegossen, zeigt sie aber auf erschütternde Weise, welche Brutalität und Menschenverachtung in der viel beschworenen guten alten Zeit in vielen Milieus geherrscht hat. Das Schicksal der meisten Menschen ist im Strom der Zeit still versandet. Lena Christ gebührt das Verdienst, jene dunklen Seiten einer Gesellschaft ausgeleuchtet zu haben, die bei viel zu vielen Menschen lebenslange Traumatisierung und psychische Verkrüppelung hervorgerufen haben.

In Lena Christ großen Romanen begegnet einem ungeschminkt die Zeit des vorindustriell-agrarischen Bauernlandes mit seinen Hierarchien des Status und des Geldes, die nach der Devise "Weibersterbn - koa Verderbn. Roßvarrecka kon Bauan schrecka" jeden individuellen Freiheitsanspruch erstickten, wie es Wittmann formuliert. Dazu kommt eine hektische Vorstadtwelt der Mobilität, der Spekulation, der kleinbürgerlichen Raffgier und der Härte. Bei der mit Ochsenfiesel und Schürhaken malträtierten Lena Christ führte diese Qual zur Flucht in das Kloster Ursberg. Doch die Novizin erfährt auch dort nur Drill, Herzenskälte und Bigotterie.

Grabstätte von Lena Christ in München, 2013

Auf dem Waldfriedhof erinnert das Grab mit dem falschen Todesdatum "31.6.20" an sie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wieder unterwirft sie sich der Mutter, wieder wird sie gepeinigt, sie schneidet sich die Pulsadern auf, wird aber gerettet. Als sie sich in eine Ehe flüchtet, gibt ihr die Mutter folgenden Segen mit auf den Weg: "Du sollst koa glückliche Stund haben, solangst dem Menschen ghörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büßn." Tatsächlich endete die Ehe im Fiasko. Lena fühlte sich als bloßes Sexualobjekt, begann zu kränkeln, brachte nach mehreren Totgeburten einen Sohn und zwei Töchter zur Welt. Ihr Mann begann zu trinken und gewalttätig zu werden, bis Lena völlig am Ende im Krankenhaus lag und die Kinder ins Kloster gesteckt wurden.

1912 heiratete sie noch einmal, und zwar den Schriftsteller Peter Jerusalem, dessen Rolle in der Beziehung nicht ganz klar ist. Aber er ermutigte sie zum Schreiben. Einen großen Teil der "Erinnerungen" verfasste sie auf einer Sitzbank vor der Neuen Pinakothek. Jerusalem schilderte die Szenerie einmal folgendermaßen: "Da saßen auf den Bänken Mütter mit ihren eigenen oder Dienstboten mit den ihnen anvertrauten Kindern, die keinen geringen Lärm machten. Sie juchzten, schrien und weinten, Mütter und Wärterinnen unterhielten sich oder fingen die Ausreißer ein, wenn diese auf die Straße hinauslaufen wollten, wo Trambahnen lärmend vorüberrollten. All das störte die Schreiberin nicht." Nach und nach vollendete sie große Bayernromane wie "Mathias Bichler", "Die Rumplhanni" und "Madam Bäuerin", manches ist auch missglückt, etwa die Lausdirndlgeschichten, in denen sie allzu offensichtlich Schnurren von Ludwig Thoma kopierte.

Psychisch blieb sie instabil. Und auch ihre politische Haltung veränderte sich nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs radikal. Sie wurde Mitglied von Kurt Eisners linkssozialistischer USPD. Drei Tage nach Ausrufung der ersten Rätepublik schrieb sie am 10. April 1919 an Ernst Toller, den Vorsitzenden des Zentralrates: "In Anbetracht dessen, dass jetzt endlich etwas für die armen Leute geschieht, komme ich mit meiner Bitte vertrauensvoll zu Ihnen. Ich bin eine arme Schriftstellerin, mein Mann ist seit seiner Rückkehr aus dem Felde erwerbslos. Wir wissen nicht, wo wir für uns und die zwei Kinder noch das Geld zum Leben hernehmen sollen. Bitte helfen Sie mir!" Toller antwortete ihr nicht, kein Wunder in jenen turbulenten Tagen.

Zwischendurch hatte sich Lena Christ auf eine Affäre mit einem jungen Hallodri eingelassen und ließ sich von ihm zu Betrügereien hinreißen. Im Juni 1920 versah sie mehrere Gemälde mit den Signaturen arrivierter Maler, um sie zu deren Marktwert zu verkaufen. Nachdem die Bildfälschungen aufgeflogen waren, beschloss sie, von der Schande überwältigt, ihr Leben zu beenden. An den Dichterfreund Ludwig Thoma schrieb sie kurz vor ihrem Selbstmord: "Ich habe meinen Fehltritt freiwillig mit dem Opfer meines Lebens gesühnt, damit die Ehre meiner Kinder bewahrt bleibt."

Der Essayist und Zeitgenosse Josef Hofmiller reagierte auf die Irrungen und Wirrungen der von ihm geschätzten Lena Christ bisweilen ratlos, aber seine Einschätzung ihres Werkes ist nach wie vor treffend: "Sie blickt ihren Gestalten bis ins Innerste, keine Regung entgeht ihr ... Sehr berühmte Werke werden daneben blass."

© SZ vom 04.07.2020/lfr
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