Sage mir welche Bücher auf Deinem Nachttisch liegen, und ich sage Dir, wer Du bist. Vor vielen Jahren gehörte ich einer Redaktion an, in der klassisches Bildungsbürgertum beziehungsweise die Vorspiegelung dessen schwer angesagt waren. Da ließ sich der Chef schon mal zur Inspiration von Robert-Schumann-Liedern umsäuseln, und eine Kollegin frischte im Pfingsturlaub mit Begeisterung Heinrich Heine auf, während man selbst allenfalls einen neuen Roman von Stephen King gelesen und halbwegs verstanden hatte.
In Kings Büchern geht es in der Regel darum, dass Monster Kleinstädte im Osten der USA heimsuchen, bevor sie dann von irgendwelchen Mikes und Hollys besiegt werden. An einem feuilletonistisch angehauchten Mittagstisch lässt es sich mit dieser Lektüre nicht punkten, im Gegenteil, man weist sich damit als Depp aus.
Deshalb sei hier zur persönlichen Ehrenrettung, aber auch zur Vertiefung der Leser-Blatt-Bindung nachgereicht, was sich gerade daheim auf dem Nachttisch und daneben am Boden stapelt: Johannes Fried, Das Mittelalter, 606 Seiten. Niederbayerns Reiche Herzöge, 84 Seiten. Gerald Müller, Hunger in Bayern 1816-1818, 262 Seiten. Eberhard Weis, Montgelas, 872 Seiten. Krisen in Bayern, 98 Seiten. Leica SL, Bedienungsanleitung, 296 Seiten. Christoph Well, Klampfn Toni, 454 Seiten. Frisch eingetroffen ist Maximilian Vissers, Der Hof Max’ I. Joseph von Bayern, 754 Seiten.

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Zusammen kommt die aktuelle Liste auf 3426 Seiten. Mal angenommen, man braucht für eine Seite fünf Minuten, dann hat man den Stapel in nur 11,895 Tagen des Dauerlesens abgearbeitet. Das ist absolut machbar, wären da nicht die Neuzugänge, die schon in der Packstation warten.
Wichtiger als die Lektüre ist aber ohnehin, dass man damit angeben kann. Wie neulich bei einem Telefonat mit dem Kollegen K. und dem eher beiläufig platzierten Hinweis, dass man gerade die Montgelas-Biografie von Weis rezipiere – oder wie man in Bayern zu sagen pflegt: in der Reißen habe. Der Kollege K. antwortete daraufhin, dass besonders das Kapitel über die seltsame Beziehung von Montgelas zu seiner Gemahlin unglaublich spannend sei. Eine geradezu niederschmetternde Replik.
Man könnte ihn jetzt natürlich fragen, was er eigentlich von den Bestimmungen des kurfürstlichen Organisationsreskripts vom 15. Januar 1804 hält? Leider ist zu befürchten, dass er darauf eine Antwort parat hätte.
Vielleicht wird es doch Zeit, einfach mal eine Pause einzulegen und am Wochenende den neuen Dan Brown weiter zu hören.

